Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Nach der Geburt: Wohlbefinden von Müttern oft dauerhaft eingeschränkt

Sie haben meist das große Glücksgefühl erwartet, doch jede dritte Frau fühlt sich nach der Geburt eines Kindes mental schlechter als vorher – und das für viele Jahre. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgefunden.
Regretting Motherhood

Nicht alle Mütter genießen ihre Mutterschaft

Viele Frauen wünschen sich sehnlichst ein Baby. Sie glauben, sich erst durch ein Kind vollständig zu fühlen, dass es einfach zu einem erfüllten Leben gehört, ein Kind zu haben, und ihr eigenes Leben dadurch mehr Sinn erhält. Doch nicht selten sieht die Realität ganz anders aus. Einer Studie zufolge verschlechtert sich das mentale Wohlbefinden vieler Frauen nach einer Geburt; etwa ein Drittel der Mütter ist betroffen. Sie berichten von einer „substanziellen Verschlechterung“ in den ersten sieben Jahren der Mutterschaft. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Gründe für anhaltende Unzufriedenheit sind vielfältig

Für die Studie wurden Mütter befragt, wie oft sie sich wegen seelischer Probleme zurückzogen hatten, wie oft sie sich niedergeschlagen oder ausgeglichen fühlten und wie häufig sie voller Energie waren. Fast 30 Prozent berichteten, dass sie sich für viele Jahre nach der Geburt schlechter fühlten als vorher. Diese Effekte gingen über normale Schwankungen von Jahr zu Jahr hinaus, wie DIW-Wissenschaftler Marco Giesselmann erklärte. Auch allein durch das Altern lassen sich die Ergebnisse offenbar nicht erklären: In einer Vergleichsgruppe kinderloser Frauen verschlechterte sich das Wohlbefinden nicht in gleichem Maße.

Die Gründe für die Verschlechterung des Wohlbefindens nach der Geburt können vielfältig sein. So sind es auch heute immer noch die Frauen sind, die den Großteil der Familienarbeit leisten – und nicht selten gleichzeitig arbeiten. Diese Dauerbelastung kann auf Dauer krank machen. Auch die Erwartungshaltung an sich selbst und durch andere kann den Druck erhöhen. Und nicht zuletzt steht die Paarbeziehung nach der Geburt von Kindern vor neuen Herausforderungen.

 

„Regretting Motherhood“ löste Debatte über Mutterschaft aus

Die Verschlechterung der Stimmung trat bei betroffenen Frauen insbesondere zwischen dem vierten und siebten Jahr nach der Geburt auf. „Wir erklären uns das so, dass das Leitbild der erwerbstätigen Mutter insbesondere in dieser Phase drängend wird und dass es in dieser Phase zu einem Spannungsverhältnis und den gesundheitsbezogenen Beeinträchtigungen kommt“, so Giesselmann.

Veranlasst für die Studie sahen sich die Forscher durch die Debatte über das Thema „Regretting Motherhood“, die im Jahr 2015 angestoßen wurde und auf große Aufmerksamkeit stieß. Ursprünglich war „Regretting Motherhood“ der Titel einer Studie der israelischen Forscherin Orna Donath. Die Autorin bezeichnet mit diesem Begriff die Situation von Frauen, die es bereuten, Mutter geworden zu sein und die Rolle als Mutter negativ erlebten. Ihrer Untersuchung zufolge gaben viele Frauen an, darunter zu leiden, in ihrer Rolle als Mutter gefangen zu sein. Sie erklärten, ihre Kinder zwar zu lieben, doch in ihrer Rolle als Mutter unglücklich zu sein. Die Studie löste vor allem auch in Deutschland eine lebhafte Debatte.

Wochenbettdepressionen können behandelt werden

Die DIW-Forscher konnten die damalige Umfrage nun zum Teil bestätigen. Allerdings betrifft dies längst nicht alle Mütter. Auch sollte die dauerhaft eingeschränkte Lebensfreude nicht mit der sogenannten Wochenbettdepression verwechselt werden. Etwa 10 bis 20 Prozent der Mütter sollen unter solchen postpartalen Krisen leiden – diese vergehen jedoch meist nach einiger Zeit und können zudem gut mit Medikamenten behandelt werden. Die dauerhaften Reuegefühle, von denen jedoch Donath berichtete, sind etwas anderes.

Aus Sicht der DIW-Forscher sollte versucht werden, Mütter nach Möglichkeit zu entlasten. Dazu gehören ihrer Meinung nach Maßnahmen wie etwa der Ausbau der Kinderbetreuung, aber auch eine Abschaffung des Ehegattensplittings.

Betroffene Mütter brauchen Entlastung

Wichtig ist es für betroffene Frauen auch, Entlastung durch Familienmitglieder oder Freunde zu erhalten. Dazu müssen sie aber zu ihren negativen Gefühlen und Ängsten stehen – etwas, das vielen Müttern schwerfällt, weil allgemein erwartet wird, dass sie für ihre Mutterschaft dankbar und glücklich sind. Sollte es zu dauerhaften Erschöpfungszuständen kommen, kann der Hausarzt ein Ansprechpartner sein. Betroffene sollten sich Hilfe suchen, bevor es zu einem Burnout oder sogar einer Depression kommt.

Auch Mutter-Kind-Kuren können helfen und neue Möglichkeiten aufzeigen. Rund 50.000 Mütter und ihre Kinder nehmen jedes Jahr an solchen Kuren in den Kliniken des Müttergenesungswerks teil. Die Kliniken arbeiten mit besonderen mütterspezifischen Konzepten. Der Therapieplan wird individuell festgelegt und bezieht neben der gesundheitlichen Situation auch die persönliche Lebenssituation mit ein. Eine Kurmaßnahme dauert in der Regel drei Wochen. Die Beratungsstellen des Müttergenesungswerks beraten hierzu umfassend.

Foto: © michaelheim - Fotolia.com

Autor:
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Schwangerschaft , Depression , Angst , Stress
 

Weitere Nachrichten zum Thema Mutterschaft

Etwa 10 bis 15 Prozent der Frauen leiden nach einer Geburt an einer sogenannten Postpartalen Depression oder Wochenbettdepression. Darauf macht die Stiftung Deutsche Depressionshilfe aufmerksam. Doch obwohl die Wochenbettdepression gut behandelbar ist, suchen viele Betroffene keine Hilfe – aus Scham oder weil die Depression nicht erkannt wird.

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten

Sie wiegen so viel wie unser Gehirn und viel mehr als unser Herz – und sind genauso lebenswichtig: die Darmbakterien. Sie verdauen unser Essen, entsorgen Giftstoffe und schützen uns als Teil des Immunsystems vor Krankheitserregern. Mit seiner Ernährung hat es der Mensch selbst in der Hand, ob er dieses unsichtbare „Organ“ schwächt – oder stärkt.

Für Babys ist liebevolle Berührung existenziell: um sich geborgen zu fühlen, physisch und psychisch zu gedeihen und später normale Beziehungen eingehen zu können. Zwischenmenschliche Berührung wirkt auf sie wie ein sanftes Arzneimittel: Sie verlangsamt den Herzschlag, baut Stress ab und führt im Körper zu Entspannung.
 
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin