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Nach Corona-Infektion: Mit OPs sieben Wochen abwarten

Müssen Corona-Patienten operiert werden, ist die postoperative Sterblichkeitsrate erhöht. Autoren einer internationalen Beobachtungsstudie raten deshalb: Bei positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Menschen sollte zu „elektiven“, also planbaren Operationen ein zeitlicher Mindestabstand von sieben Wochen eingehalten werden. Erst dann sei die Sterblichkeitsrate wieder so gering wie bei Gesunden.
Augenoperation, Patientenkopf mit blauem OP-Textil abgedeckt.

Operationen am Auge zur Behebung einer Linsentrübung („Grauer Star") gehören zu denjenigen unter den „planbaren" OPs, die am häufigsten wegen COVID-19 verschoben wurden – genauso wie Mandel- oder Kniegelenks-OPs. Zeitweise ließ die Pandemie die OP-Warteliste auf über eine Million Patienten anwachsen.

Operationen, die bis zu sechs Wochen nach einer Infektion mit dem Coronavirus erfolgen, sind mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden. Das zeigen die Ergebnisse einer neuen Studie des internationalen Forschungsnetzwerks „COVIDSurg“. Bei Patienten mit positivem Coronavirus-Testbefund liegt während dieses Zeitraums demnach ein mehr als zweieinhalbfach erhöhtes Risiko vor, infolge einer Operation zu versterben – und zwar unabhängig von einer anhaltenden Erkrankungssymptomatik.

2,6-faches Sterberisiko bei OPs binnen vier Wochen

Von den in der Studie eingeschlossenen rund 140.000 Personen aus mehr als 100 Ländern waren 2,2 Prozent zu verschiedenen Zeitpunkten positiv auf COVID-19 getestet worden, die restlichen 97,8 Prozent waren nicht mit dem Virus infiziert und bildeten die Vergleichsgruppe. Die Mortalität innerhalb von 30 Tagen nach einem chirurgischen Eingriff (Studienendpunkt) betrug demnach bei den negativ getesteten Personen nur 1,5 Prozent. Die entsprechende Sterblichkeit bei den Personen, die während der ersten vier Wochen nach einer Coronavirus-Infektion operiert wurden, betrug dagegen 4 Prozent und nach fünf bis sechs Wochen immer noch 3,6 Prozent. Erst sieben Wochen nach dem Infektionsnachweis sank die Sterblichkeitsrate wieder auf das Ausgangsniveau von 1,5 Prozent ab.

 

OP-Risiko abhängig von Stärke der COVID-19-Symptomatik

Diese Ergebnisse waren den Studienautoren zufolge über alle Altersgruppen und unabhängig von der Schwere der Begleiterkrankung, der Dringlichkeit und vom Ausmaß des Eingriffs konsistent. Jedoch wiesen Patientinnen und Patienten mit anhaltenden COVID-19-Symptomen auch noch nach sieben Wochen eine mit 6 Prozent stark erhöhte Mortalität auf – im Gegensatz zu Personen, bei denen die Symptome bereits abgeklungen waren (2,4 Prozent) oder die trotz Infektion ohne Erkrankungssymptome blieben (1,3 Prozent).

„Planbare OPs um mindestens sieben Wochen verschieben“

„Entsprechend rät das Forschungsteam bei positivem Coronavirus-Nachweis, planbare Operationen um mindestens sieben Wochen zu verschieben und abzuwarten, bis entsprechende COVID-19-Symptome abgeklungen sind“, heißt es in einer Mitteilung des Universitätsklinikums Tübingen, das an dem internationalen Forschungsnetzwerk beteiligt ist. Alfred Königsrainer, klinischer Leiter der Studie in Tübingen, präzisiert: „Allerdings ist es absolut essenziell, die Entscheidung über den Aufschub einer Operation für jeden Patienten und jede Patientin individuell zu treffen.“ Die Risiken und der mögliche Nutzen einer verzögerten Operation nach einem Coronavirus-Nachweis müssten in jedem Einzelfall genau abgewogen werden.

Internationale Großstudie in 116 Ländern

Die jetzt in der Fachzeitschrift „Anaesthesia“ veröffentlichte Studie ist nach Angaben der Autoren eine der bislang größten Beobachtungsstudien zu chirurgischen Risiken im Zusammenhang mit Coronavirus-Infektionen. Für die Studie hat das internationale Forschungsteam unter der Leitung der britischen Universität Birmingham Daten von 140.727 Personen aus 1.674 Kliniken in 116 Ländern erhoben und ausgewertet. Zeitpunkt der Erhebung war der Oktober 2020. An dem internationalen Forschungsnetzwerk „COVIDSurg“, das die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die chirurgische Versorgung untersucht hat, sind über 15.000 Ärzte und Forscher aus über 100 Ländern beteiligt.

Am häufigsten verschoben: Augen-, Mandel- und Knie-OPs

Seit Beginn der COVID-19-Pandemie mussten Krankenhäuser in Deutschland auf Druck der Politik flächendeckend ihren OP-Betrieb einschränken, um Personal- und Raumkapazitäten für Corona-Patienten zu schaffen oder freizuhalten. Grund dafür war der rasante Anstieg von Patienten mit COVID-19. Hunderttausende Operationen wurden vertagt. Wie sich die Pandemie auf planbare Operationen auswirken kann, zeigt eine Zwischenbilanz des Berufsverbands der Deutschen Chirurgen vom Juli 2020. Zu den am häufigsten wegen der Pandemie verschobenen Eingriffen zählten zu diesem Zeitpunkt Eingriffe am Auge wegen Grauen Stars (minus 79 Prozent), Mandel-Operationen (minus 82 Prozent) sowie die Implantation von Kniegelenks-Endoprothesen (minus 80 Prozent).

„Planbar“ heißt nicht „endlos verschiebbar“

„Elektiv“ bedeutet „weniger dringlich“ – aber keineswegs, dass diese Operationen endlos verschoben werden könnten, ohne dass der Patient Schaden nehme, warnt Edgar Schömig, Ärztlicher Direktor der Uniklinik Köln. Würden beispielsweise Eingriffe an einer Herzklappe über Wochen verschoben, könne es zu einer Verschlechterung der Herzkreislauf-Situation kommen, die lebensbedrohliche sein könne.

Foto: AdobeStock/Microgen

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Hauptkategorie: Corona
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25.02.2021

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