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"Muße kann vor Depressionen schützen"

Dr. Iris Hauth, Chefärztin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin-Weißensee, berichtet in Ihrem Buch "Keine Angst!" über Ursachen und Behandlung von Depressionen - und wie man sich davor schützen kann.
Dr. Iris Hauth

Dr. Iris Hauth, Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Chefärztin des Alexianer-St. Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weißensee. 2014 bis 2016 war sie Präsidentin der Deutschen

Frau Dr. Hauth, Sie haben Ihr Buch "Keine Angst!" genannt. Haben Menschen, die offen über ihre Depression sprechen, keine Nachteile mehr zu befürchten?

Dr. Iris Hauth: Seit dem Suizid des Fußballers Robert Enke 2009 und einigen Reportagen über Prominente, die an einer Depression leiden, gibt es mehr Medien-Berichte über diese Erkrankung. Es trauen sich auch mehr Patienten, im Familien- und Freundeskreis darüber zu reden. Doch es gibt nach wie vor die Gefahr der Stigmatisierung. Kehrt jemand nach einem Klinikaufenthalt an seinen Arbeitsplatz zurück und erzählt "Ich war in der Psychiatrie", fragen sich die Kollegen wahrscheinlich "Was ist mit dem? Ist der belastbar?". Nach einem Beinbruch würde das nicht passieren.

Es wird mehr über Depressionen geschrieben und gesprochen. Hat die Erkrankung zugenommen?

Hauth: Der Gesundheitsbericht des Robert Koch-Instituts von 2012 belegt, dass die Erkrankungsrate an Depression in Deutschland im letzten Jahrzehnt nicht gestiegen ist. Aber die Krankenkassen melden gestiegene Fallzahlen. Das liegt sicher auch daran, dass die Menschen sich bei psychischen Krisen eher professionelle Hilfe holen und früher und häufiger zum Arzt gehen. Bei Arbeitsunfähigkeit sind psychische Erkrankungen mittlerweile der zweihäufigste Grund, bei Frühverrentungen der häufigste.

Die Barmer Ersatzkasse meldet, dass depressive Erkrankungen besonders bei den 15- bis 25-jährigen zugenommen haben. Wie erklären Sie sich das?

Hauth: Das Überangebot der Möglichkeiten und die Komplexität der Gesellschaft - was will ich werden, wie will ich leben, was passt zu mir - können zu einer Überforderung werden. Dazu kommt: Die Toleranz gegenüber negativen Gefühlen ist gesunken. Gerade diese Toleranz ist ein Baustein zur Erhaltung der seelischen Widerstandskraft.

Ein Risikofaktor für Depressionen ist chronischer Stress. Sind die Deutschen gestresster als früher?

Hauth: Das kann man so nicht sagen: Die Generation, die den Krieg erlebt hat, hat existentiellen Stress erlebt. Heute gibt es andere Stressfaktoren: der Leistungsdruck ist gestiegen, wir bemühen uns, uns selbst zu optimieren, allem gerecht zu werden, überall zu glänzen, wir sind ständig online, die digitalen Medien beschleunigen die Kommunikation und machen die Welt zugleich komplexer und unübersichtlicher. Das kann Ängste schüren und zu chronischem Stress führen.

Kann die Arbeit krank machen?

Hauth: Arbeit kann krank machen, wenn der Betroffene das Gefühl hat, nichts bewirken zu können, keine Anerkennung zu bekommen, abgehängt zu werden, der Komplexität und dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen zu sein. Doch auch keine Arbeit zu haben erhöht das Risiko für eine psychische Erkrankung. In unserer Klinik ermutigen wir die Patienten, nach der Behandlung rasch wieder arbeiten zu gehen. Im Rahmen des Hamburger Modells etwa können sie mit einer zunächst reduzierten Stundenzahl in den Job zurückkehren. Arbeit gibt Struktur, verleiht Sinn.

Was kann man im Alltag tun, damit der Stress nicht überhand nimmt?

Hauth: Ein Leben ohne Stress gibt es nicht. Man muss dabei die Balance zwischen Beruf und Privatleben halten und schauen, was sind meine primären Bedürfnisse, was ist mir wichtig: Da kann an erster Stelle die Familie stehen, dann die Freunde, dann die Arbeit und dann Aktivitäten in einem Verein. Nur wenn man innerlich erfüllt ist, kann man eine gute Arbeit machen. Umgekehrt ist es wichtig, den Leistungsdruck nicht in die Freizeit zu verlängern und zu meinen, man müsse auch da ständig aktiv sein und spannende Sachen machen.

Wie gelingt es am besten sich zu entspannen?

Hauth: Die Wege zur Entspannung sind sehr individuell. Zum Auftanken braucht man kein teures Wellness-Wochenende. Wichtig ist die Ausgewogenheit zwischen Anspannung und Entspannung, dazu gehören auch genügend Schlaf und Muße, einfach mal nichts machen. Auch Sport ist eine gute Präventivmaßnahme. Studien haben gezeigt, dass dreimal in der Woche 30 Minuten Ausdauersport ebenso gut bei einer mittelschweren Depression hilft wie Medikamente. Nach 16 Wochen war die Depression in beiden Gruppen zurückgegangen, unter Medikamenten etwas schneller, doch hier war das Risiko für ein Rezidiv höher als in der Sportgruppe.

Was löst eine Depression aus?

Hauth: Die Anfälligkeit für Depressionen ist erblich. Das allein löst noch nicht die Erkrankung aus. Doch wenn dann belastende Lebenserfahrungen und chronischer Stress dazu kommen, werden die entsprechenden Gene quasi angeschaltet.

Jede vierte Frau erkrankt an Depressionen, aber nur jeder achte Mann. Warum?

Das kann mit dem tradierten Rollenbild zusammenhängen, Frauen ist es danach eher gestattet, Schwächen zuzugeben. Sie gehen auch häufiger zum Arzt. Männer klagen beim Arzt dann eher über körperliche Probleme und werden oft mit der falschen Diagnose nach Hause geschickt. Sie zeigen auch andere Symptome, die Depression äußert sich nicht in Rückzug sondern häufig in Unruhe und aggressivem Verhalten.

Was sind die ersten Warnsignale, die auf eine heraufziehende Depression hindeuten?

Anhaltend depressive Verstimmung, Freudlosigkeit, mangelnder Antrieb, negative Gedanken, Grübeln und schlecht schlafen.

Wie kann man die Symptome einer Depression beschreiben?

Die Kernsymptome sind depressive Verstimmung, Freudlosigkeit, keinen Antrieb mehr haben, jedes Tun fällt unendlich schwer. Sie sind innerlich wie versteinert, dazu kommen Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, das Selbstbewusstsein hat sich in Luft aufgelöst. Wenn dieser Zustand mehr als zwei Wochen anhält, sollten sie sich professionelle Hilfe holen. Erster Schritt auf dem Weg zur Genesung ist, dass der Patient erkennt, dass es nicht sein eigenes Versagen sondern eine Krankheit ist.

Gehe ich zu einem Psychiater oder zu einem Psychotherapeuten?

Hauth: Beide Wege sind möglich. Der Psychiater, der ausgebildeter Mediziner ist, kann im Vorweg ausschließen, dass körperliche Ursache für die Depression vorliegen, das könnten zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion oder ein Vitamin B-Mangel sein. Der Psychotherapeut, mit dem sie das Erstgespräch führen, würde sie zur Abklärung an einen Psychiater verweisen. Steht die Diagnose, schreiben die wissenschaftlichen Leitlinien vor, dass Depressionen mit Psychotherapie, bei mittelschweren und schweren Depressionen auch mit antidepressiven Medikamenten behandelt werden.

Nach wie klagen Patienten, dass die Psychotherapeuten zu wenig freie Plätze haben, und sie monatelang auf den Beginn ihrer Therapie warten müssen. Die seit 2017 gültige Psychotherapie-Richtlinie sollte da doch Abhilfe schaffen?

Hauth: Es war wohl so gedacht, die leichteren Fälle im Vorfeld auszusortieren, denen beispielsweise ein Coaching oder ein Entspannungskurs helfen würde - oder eine rasch anberaumte Akuttherapie mit 24 Sitzungen. Doch die Erfahrung zeigt, dass die meisten Patienten nach wie vor eine Vollzeit-Behandlung benötigen. Da die neuen Akut-Termine das Zeitbudget zusätzlich belasten und die Zahl der niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie und psychologischen Psychotherapeuten nicht zugenommen hat, muss der Patient dann doch wieder ein paar Monate warten, bis ein Platz frei ist. Der Flaschenhals hat sich nur nach hinten verschoben. Die lange Wartezeit erhöht das Leid und das Risiko für einen ungünstigen Verlauf.

Für wen ist welche Therapie-Methode geeignet?

Hauth: Ist gibt im wesentlichen zwei Therapie-Methoden: Die Verhaltenstherapie arbeitet auf der rationalen, kognitiven Ebene und versucht, dysfunktionale Gedanken zu beseitigen, die den Patienten belasten. Zum Beispiel: Ich muss immer Höchstleistungen bringen. Die tiefenpsychologisch basierte Therapie orientiert sich an der Psychoanalyse und arbeitet eher auf der emotionalen Ebene. Dort wird nach unbewusst fortwirkenden Konflikten und verinnerlichten Botschaften der Eltern gesucht. Das könnte sein: "Liebe und Anerkennung gibt es nur bei Leistung".

Kassenpatienten können mit fünf Behandlern Vorgespräche führen, um herauszufinden, welcher Therapeut am besten zu ihnen passt. Worauf sollte man achten?

Hauth: Die Passung muss stimmen, er sollte symphatisch und emphatisch sein und Ihnen ein Feedback geben. Das wichtigste Mittel zur Heilung ist eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt oder Therapeut und Patient. Der Behandler sollte positiv, offen und präsent sein.

Wie funktioniert die Therapie?

Hauth: Grundlage einer jeden Psychotherapie ist eine tragfähige emotionale Bindung zwischen Therapeut und Patient, in der gemeinsam an den krankmachenden Gedanken, Gefühlen und Konflikten gearbeitet wird. Gemeinsam erarbeitetetes Ziel sind nicht nur Symptomlinderung, sondern auch Veränderungen des Fühlens, Denkens und Verhaltens sowie neue Bewältigungsstrategien zu erlernen.

Wann reicht eine Psychotherapie, wann sind Antipressiva nötig?

Hauth: Leichte Depressionen lassen mit einer Psychotherapie gut behandeln, bei mittleren Depressionen können eine Therapie und/oder Medikamente nötig sein. Bei einer schweren Depression sind Medikamente nötig, um zunächst die Symptome zu beseitigen. Je schwerer die Depression, desto eher nutzen die Medikamente.

Auch hier müssen die Patienten wieder warten. Bei wem welche Medikamentenklassse wirkt, ist schwer vorherzusagen. Setzt die Wirkung nicht nach zwei bis drei Wochen ein, muss ein anderes Präparat ausprobiert werden.

Hauth: Die Forschung dazu läuft auf Hochtouren. Ich denke, in zehn bis 15 Jahren ist die Medizin so weit, dass sie anhand bestimmter Biomarker erkennen kann, welches Medikamentengruppe bei einem Patienten am wirksamsten ist.

Machen Antidepressiva glücklich?

Nein. Sie bringen nur den gestörten Hirnstoffwechsel - den Mangel an Serotonin und Noradrenalin - wieder ins Gleichgewicht. Diese Botenstoffe sind zuständig für Freude, Elan, Tatkraft.

Verändern sie die Persönlichkeit?

Nein. Die Persönlichkeit ist durch die Depression verändert - sie bedroht den Kern des Ichs.

Machen sie abhängig?

Nein. Allerdings haben sie wie alle wirksamen Medikamente Nebenwirkungen. Bei Frauen  steigern sie zum Teil den Appetit und führen zu einer Gewichtszunahme. Bei Männern können sie Libidoverlust und Potenzstörungen hervorrufen. Der Patient sollte offen mit seinem Arzt darüber sprechen, um ein möglichst nebenwirkungsfreies Medikament zu finden.

Wann ist ein Klinikaufenthalt nötig?

Wenn die ambulante Therapie nicht angeschlagen hat, und die Krankheit so ausgeprägt ist, dass der Patient nicht mehr arbeiten und seinen Alltag bewältigen kann und/oder suizidale Gedanken entwickelt. Ist sein Zustand sehr schlecht, würde ich den Betroffenen stationär aufnehmen. Für viele kommt eher die Tagesklinik in Frage: Der Patient kann in seinem privaten Umfeld bleiben und geht von Montag bis Freitag in die Tagesklinik wie zur Arbeit. Er hat dort einen Acht-Stunden-Tag und erhält über sechs bis acht Wochen eine intensive Psychotherapie. In meinen 30 Jahren Erfahrung habe ich es noch nie erlebt, dass ein Patient nicht wieder aus seiner Depression herausgekommen ist.

Wie hoch ist die Rückfallrate beziehungsweise das Rezidivrisiko?

Hauth: Aus Forschung und klinischer Praxis ist bekannt, dass bei mehr als 70 Prozent der Betroffenen die Depression im Laufe des Lebens wiederkehrt. Das Risiko eines Rückfalls kann jedoch durch vorbeugende Maßnahmen wiederum um 70 Prozent reduziert werden. Dazu gehören regelmäßige Einnahme von Medikamenten, Psychotherapie und konkrete eigene Aktivitäten, wie Ausdauersport, genügend Schlaf, gesunde Ernährung.

Gibt es eine Altersgrenze für die Wirksamkeit einer Psychotherapie?

Hauth: Keineswegs. Bei älteren Menschen reichen oft wenige Termine, um auf Erleben, Fühlen und Denken einzuwirken und Stimmung und Wohlbefinden zu verbessern. Das Gehirn weist noch bis ins hohe Alter eine Plastizität auf. Veränderungen durch psychotherapeutische Interventionen sind möglich. Doch allzuoft wird die Depression als Alterscheinung abgetan und nicht behandelt. Und Pflegeheim-Bewohner haben erst recht keinen Zugang mehr zu einem psychiatrischen Facharzt.

Was halten Sie von Online-Therapien gegen Depressionen?

Sie sind vor allem für leichte und mittelschwere Fälle geeignet und erzielen da nachweislich gute Effekte. In anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel Holland, werden internetbasierte Therapien schon in der Regelversorgung eingesetzt. Leider gibt es noch keine gesicherten Qualifitätskriterien für diese Programme. Klar ist: die digitale Medizin wird immer wichtiger werden, zum Beispiel für Patienten auf dem Lande, wo die Versorgung mit Ärzten und Therapeuten schlecht ist. Für sie könnte der Behandler in der nächstgrößeren Kreisstadt beispielsweise eine Video-Sprechstunde einrichten.

Foto: Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee

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