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Multiresistente gramnegative Erreger auf dem Vormarsch

Experten sind beunruhigt: Nach grampositiven Bakterien wie MRSA werden jetzt auch immer mehr gramnegative Bakterien gegen Antibiotika resistent. Auf dem 6. Nationalen Qualitätskongress Gesundheit in Berlin zogen Infektionsexperten eine ernüchternde Bilanz.
Antibiotikaresistenzen

Anpassungsfähige Bakterien: Jedes Antibiotikum verliert irgendwann seine Wirksamkeit

Multiresistente Staphylokokken (MRSA) galten lange als die Problemkeime im Krankenhaus. Die Infektionshäufigkeit in deutschen Krankenhäusern habe sich bei MRSA jedoch seit einigen Jahren stabilisiert, berichtete Prof. Dr. Petra Gastmeier vom Institut für Hygiene an der Charité auf dem Nationalen Qualitätskongress Gesundheit am 29. November in Berlin. Ein Grund zur Beruhigung ist das aber nicht. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der der Krankenhaus-Infektionen mit mehrfachresistenten gramnegativen Bakterien deutlich an, hieß es in Berlin. Der Anteil von gramnegativen Bakterien an den Infekten hat sich einer Studie zufolge weltweit von 39 Prozent im Jahr 1992 auf 62 Prozent im Jahr 2007 erhöht. Zur Gruppe der gramnegativen Bakterien gehören etwa die Darmkeime Klebsiellen und Escherichia-coli-Bakterien.Ärzte sprechen auch von ESBL (Extended-Spectrum Betalaktamase Bildner).

„Die Bedeutung von Infektionen mit resistenten gramnegativen Bakterien wurde in Deutschland lange unterschätzt“, erklärte Gastmeier. Infektionen mit ESBL seien bei Intensivpatienten in Deutschland zwischen 2003 und 2009 fünfmal häufiger geworden. An Kliniken, die viele schwer kranke Patienten behandelt, gehe inzwischen die Hälfte der Infektionen auf ESBL zurück.

 "Irgendwann verliert jedes Antibiotikum seine Wirksamkeit"

„Das Problem der Resistenzentwicklung wird immer größer, weil jetzt auch multiresistente gramnegative Bakterien hinzugekommen sind, die weitaus schwieriger zu behandeln sind“, sagte Prof. Dr. Georg Peters, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Münster. Ursache für die Resistenzentwicklung sei schlichtweg der Antibiotikaverbrauch. Denn dort, wo Antibiotika eingesetzt werden, kann ein Teil der Keime sich noch vermehren und hat damit die Chance, resistenzerzeugende genetische Veränderungen zu erwerben. „Je höher dieser Selektionsdruck durch Antibiotika ist, desto rascher und komplexer die Resistenzentwicklung“, so Peters. Falsche Indikationen, zu breite und zu lange Antibiotikatherapien und falsche Dosierungen begünstigten die Resistenzentwicklung. Ebenso fatal sei der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin respektive Nahrungsmittelproduktion. Irgendwann verliere aber jedes Antibiotikum seine Wirksamkeit, einfach dadurch, dass wir es gebrauchen. „Ein vernünftiger Gebrauch der optimalen Substanz kann Resistenzen verzögern, letztlich aber nicht verhindern“, so die ernüchternde Bilanz des Infektionsexperten.

Das Dilemma der Resistenzentwicklung wurde lange verkannt

Besonders besorgniserregend ist, dass keine neuen Substanzen zur Behandlung der multiresistenten Erreger in Sicht sind, geschweige denn zur Verfügung stehen. Dass die Pharmaindustrie das Problem der Resistenzentwicklung lange verkannt und es versäumt hat, neue Antibiotikaklassen zu entwickeln, räumte auch Dr. Thomas Reimann von Pfizer ein. „Für Pharmafirmen waren Antibiotika lange Zeit kein Thema mehr“, so Reimann. Das habe sich inzwischen aber wieder geändert. Pfizer forsche in seinem Infektionsforschungscenter in Shanghai nach neuen antibiotischen Grundgerüsten. Doch bis brauchbare Waffen gegen die neuen Bedrohungen zur Verfügung stehen, werden nach Auskunft des Pharma-Experten noch viele Jahre vergehen.

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