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Mit Stammzellen gegen den Diabetischen Fuss

Freitag, 1. April 2011 – Autor:
Wenn Diabetikern eine Amputation droht, dann kann eine Behandlung mit körpereigenen Stammzellen helfen. Gesundheitsstadt Berlin sprach mit dem Internisten und Angiologen Dr. Berthold Amann, Oberarzt am Franziskus Krankenhaus, über die Möglichkeiten und Grenzen der Stammzelltherapie.
Dr. Berthold Amann

Dr. Berthold Amann

Herr Dr. Amann, mit 48.000 Fuss- und Beinamputationen pro Jahr gehört das Diabetische Fusssyndrom (DFS) zu den gefürchtetsten Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus. Ist die Behandlung mit körpereigenen Stammzellen eine Alternative zur Amputation?

Amann:
Eine Stammzelltherapie kommt immer dann in Betracht, wenn die Patienten mit anderen Methoden vollständig ausbehandelt wurden und ihnen eine Amputation ihrer Zehen, Füsse oder Beine droht. Durch die Stammzelltherapie können wir einer nicht gerade kleinen Zahl an Patienten eine Amputation ersparen. Aber man muss natürlich wissen, was man tut. In Deutschland gibt es nicht mehr als zehn spezialisierte Zentren, die diese Therapie anbieten.

Wie hoch sind denn Ihre Erfolgsraten?

Amann:
Nach sechs Jahren Stammzelltherapie konnten wir rund der Hälfte der 200 behandelten Patienten das Bein retten. Lassen Sie mich aber noch ergänzen, dass wir nicht nur Diabetiker behandeln. Von den 200 Patienten waren 140 Diabetiker, die restlichen waren zumeist Raucher.

Stammzelltherapie also auch beim Raucherbein?

Amann:
Was bei all diesen Patienten fehlt, ist die Durchblutung ihrer Extremitäten, das heisst die Schlagadern sind verschlossen und die Wunden können deshalb nicht mehr zuheilen. Dabei ist es unerheblich, ob das Rauchen, Diabetes oder eine Fettstoffwechselstörung die chronisch kritische Extremitätenischämie, also die schwere Durchblutungsstörung verursacht hat. Wenn allerdings keinerlei Durchblutung, kein Sauerstoff und kein Blutdruck mehr in der Extremität vorhanden sind, können wir auch mit einer Stammzelltherapie nicht helfen.

Auch nicht mit Katheterisierung der Gefässe oder Bypässen?

Amann:
Die Patienten, die zu uns kommen, haben auch diese Behandlungsmöglichkeiten bereits voll ausgeschöpft. Bei etwa der Hälfte der Patienten gehen die Gefässe nach einer Gefässerweiterung bzw. umgehung nämlich wieder zu. Was diesen Patienten bleibt, um ihr Bein zu retten, ist die Stammzelltherapie.

Worin liegt das Geheimnis Stammzelltherapie?

Amann:
Stamm- und Vorläuferzellen können neues Gewebe und neue Gefässe bilden. Beim gesunden Menschen funktioniert das hervorragend. Bei Verletzungen werden Stamm- und Vorläuferzellen massenhaft über das Blut herangeschwemmt und bereiten den Weg für die Wundheilung. Dabei verwandeln sie sich selbst in etwas Neues und leiten auch die Zellen in die richtige Richtung - wie ein Dirigent im Orchester. Das ist auch das Prinzip der Stammzelltherapie.

Heisst das, Sie machen sich mit der Stammzelltherapie den körpereigenen Wundheilungsmechanismus zu eigen?

Amann:
Das könnte man so formulieren. Wir wissen, dass bei schwer Zuckerkranken die Stammzellfreisetzung nicht mehr richtig funktioniert, genauso beim Raucher oder beim Hyperlipidämiker, also Menschen mit einer extremen Form der Fettstoffwechselstörung. Das sind die Patienten, die ihr endogenes Heilungspotenzial nicht mehr aktivieren können.

Was aber machen die körpereigenen Stammzellen mit den verschlossenen Gefässen?

Amann:
Jede Schlagader wird von so genannten Kollateralarterien begleitet, die, wenn die grosse Ader zugeht, eine Umleitungsfunktion haben. Um diese zu aktivieren, braucht es Vorläufer -und Stammzellen aus dem Knochenmark. Der eigentliche Wirkmechanismus der Stammzellen besteht darin, Wachstumssignale an die vorhandenen Kollateralarterien auszusenden, damit diese mitwachsen und eine Umgehungsbahn um die verschlossene Ader legen. 
Die Stammzellen entnehmen Sie dem Patienten vor der Behandlung aus dem Knochenmark?

Amann:
Ja, und zwar aus dem Hüftknochen, dort befindet sich das meiste Knochenmark. Hier ziehen wir einen viertel Liter Knochenmarksblut heraus und reissen dabei mit viel Kraft Milliarden von Vorläufer- und Stammzellen heraus. Anschliessend trennen wir die Zellen vom Blut in einer kleinen Zentrifuge. Nach etwa 15 Minuten haben wir das Stammzellkonzentrat und können mit der eigentlichen Behandlung beginnen.

Und das Stammzellkonzentrat spritzen Sie dann in die betroffene Region?

Amann:
Anhand einer Angiografie sehen wir, wo die Durchblutungsstörung genau anfängt und wo neue Adern wachsen sollen. Entlang der verschlossenen Gefässe injizieren wir dann mit etwa 40 bis 6o Einstichen das Stammzellkonzentrat. Der Patient merkt davon nichts, weil wir ihn mit einer Analgosedierung in einen leichten Schlaf versetzt haben. In den ersten zwei bis drei Monaten nach der Behandlung, zeigt sich, ob der Patient auf die Therapie anspricht.

Und wenn der Patient nicht auf die Therapie anspricht?

Amann:
Lassen Sie mich zunächst festhalten, dass die Stammzelltherapie keine unerwünschten Nebenwirkungen hinterlässt. Wenn der Patient nicht auf die Therapie anspricht, dann folgt die Amputation, die er ohnehin erlitten hätte. Die Amputation aber bedeutet sehr häufig Pflegefall. Unsere Patienten sind im Durchschnitt 72 Jahre alt und so schwer krank, dass keiner von ihnen danach mehr alleine aufsteht. 90 Prozent sterben noch innerhalb der nächsten fünf Jahre.

Trotz der Erfolge ist die Stammzelltherapie bislang keine Kassenleistung ...

Amann:
Die Therapie ist noch sehr jung und muss sich erst einmal behaupten. Als wir 2004 damit angefangen haben, dauerte das Verfahren zwei Tage und war sehr teuer. Heute ist die Therapie sehr schnell und einfach geworden und kostet nur noch etwa 2.000 bis 2.500 Euro. Eine Amputation kostet hingegen rund 40.000 Euro. Abgesehen von den Kosten -für mich ist entscheidend, dass wir 50 Prozent der ansonsten ausbehandelten Patienten nicht nur das Bein retten, sondern ihnen auch mehr Lebensqualität und echte Lebensjahre schenken können.

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
 

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