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01.09.2011

Mit Botox gegen den Schmerz

Wolfgang Brittner, Facharzt für Neurologie an der Neuropraxis 38 - Schwerpunktpraxis für Kopfschmerz, Schmerz und Multiple Sklerose - über chronische Migräne, die Wirkung von Botox und Erfolge in der Schmerztherapie.
Wolfgang Brittner

Wolfgang Brittner

Herr Brittner, bei Botox denken viele an volle Lippen und eine straffe Stirn. Dabei ist Botox doch schon längst Bestandteil der Schulmedizin. Ist Botox besser als sein Ruf?

Brittner:
Botulinumtoxin wird schon seit den frühen Achtziger Jahren für die Therapie neurologisch/muskulärer Erkrankungen, zum Beispiel bei Spastik oder Dystonie, erfolgreich eingesetzt. In der öffentlichen Wahrnehmung stehen sicher die ästhetischen Anwendungen im Vordergrund, da gebe ich Ihnen Recht.

Unter den neurologischen Fachgesellschaften war Botox lange umstritten ...

Brittner:
Was die Behandlung der Migräne angeht, stimmt das. Aber hier hat sich die Stimmungslage geändert. In den USA und Grossbritannien ist Botox letztes Jahr für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen worden. Und in Deutschland läuft derzeit das Zulassungsverfahren. Auch die Kritiker von damals warten die Ergebnisse des Verfahrens jetzt erst mal ab. Von der Migräne mal abgesehen hat sich Botox inzwischen bei vielen Indikationen in der Medizin etabliert, etwa in der Neurologie oder Urologie. Noch in diesem Jahr erwarten wir beispielsweise die Zulassung für die Behandlung der hyperaktiven Blase.

Sie sind ein Neurologe und Schmerztherapeut. Welche Patienten behandeln Sie mit Botulinumtoxin?

Brittner:
Ich setze Botox vorwiegend in der Schmerztherapie ein. In erster Linie betrifft das die chronische Migräne, also Patienten die mindestens über drei Monate hinweg mehr als 15 Kopfschmerztage monatlich haben. Ausserdem behandle ich Patienten mit myofaszialem Schmerzsyndrom im Bereich der Schultern, Nacken oder des Rückens. Hinzukommen Patienten mit bestimmten Neuralgien im Lendenwirbelbereich.

Und die Patienten haben danach keine Schmerzen mehr?

Brittner:
Ganz so einfach ist es leider nicht. Im Rahmen der Schmerztherapie kommt es bei etwa 66 Prozent der Patienten zu einer Schmerzreduktion von 80 bis 90 Prozent.

Was bedeutet das?

Brittner:
Das heisst, bei diesen Patienten reduziert sich sowohl die Intensität des Schmerzes als auch die Anzahl der Schmerztage beträchtlich. Aber es gibt auch eine Versagerquote, also Menschen die gar nicht auf die Therapie ansprechen, das sind aber nur zehn Prozent. Und dazwischen gibt es noch die Patienten, die immerhin von einer Schmerzreduktion von 40 bis 50 Prozent profitieren.

Nehmen wir das Beispiel Migräne. Wie funktioniert so eine Schmerztherapie mit Botox?

Brittner:
Ein einheitliches Verfahren zur Migräneprophylaxe gibt es nicht. Bei einer grossen Gruppe von Patienten wird die Migräne von so genannten Triggerpunkten ausgelöst. An diesen Punkten verlaufen Nerven durch die Muskeln. Bei Anspannung des Muskels wird der Nerv zusammengedrückt und gereizt und es kommt zum klassischen Migränekopfschmerz. Beinahe standardmässig setzen wir Injektionspunkte an Stirn und Schläfen und im Hinterhauptbereich, aber auch Triggerpunkte in der Kau- und Nackenmuskulatur können behandlungswürdig sein. Für jeden Patienten entwickeln wir ein eigenes Behandlungsschema. Was den Wirkmechanismus von Botox betrifft, so wird, grob gesagt, der Informationsimpuls von der Nerven- zur Muskelzelle durch verminderte Ausschüttung des Botenstoffs Acetylcholin moduliert, das heisst die Muskulatur wird dosisabhängig geschwächt.

Und der Schmerz verschwindet ...

Brittner:
Ja, je nach Dosis und Indikation setzt nach einer Latenz von etwa elf bis 14 Tagen die Wirkung ein. Botox ist kein Mittel für eine Akuttherapie, sondern eine Schmerzprophylaxe.

Wie lange hält die Wirkung einer Spritze an?

Brittner:
Man kann sagen, dass die Wirkung etwa drei bis vier Monate anhält.

Eigentlich ist Botox ja ein Gift. Wie gefährlich ist denn die Anwendung in der Medizin?

Brittner:
Der Wirkstoff stammt aus dem Bakterium Clostridium botulinum und ist in der Tat ein hoch wirksames Toxin. Aber keine Sorge: Für die medizinische Anwendung wird der Stoff um das 4,5 milliardenfache verdünnt. Der "Worst Case" im Rahmen einer Behandlung wäre eine Überdosierung. Schlimmstenfalls wäre dann der betroffene Muskel für etwa drei Monat teilgelähmt, aber auf keinen Fall auf Dauer.

Vor einer Überdosierung dürfte schon der hohe Preis schützen: Eine Botoxtherapie bei Migräne kostet rund 650 Euro. Bis die Zulassung durch ist, müssen Kassenpatienten die Therapie aus eigener Tasche zahlen. Sind die Patienten dazu bereit?

Brittner:
Die Patienten, die davon profitieren und es sich irgendwie leisten können, sind dazu bereit. Und Privatpatienten bekommen es meist ohnehin erstattet. Ich behandle Patienten, die leiden an 20 Tagen im Monat unter extremen Kopfschmerzen, die sie quasi völlig ausser Gefecht setzten. Wenn diese Patienten nur noch an fünf Tagen mittlere Schmerzen haben, dann ist das ein unbezahlbarer Gewinn an Lebensqualität. Aber wie schon gesagt: Ich schätze, dass nächstes Jahr die Zulassung von Botox für die chronischer Migräne durch sein wird. Und dann wird die Therapie selbstverständlich auch bei dieser Indikation eine Kassenleistung.

Hauptkategorie: Medizin
 

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