Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Mit Antibiotika gegen Rückenschmerzen

Bakterielle Infektionen sind nach einem Bandscheibenvorfall offenbar häufiger als gedacht. Dass Antibiotika die Rückenschmerzen lindern können, hat eine dänische Wissenschaftlerin herausgefunden. In Frankfurt wurde ihr soeben der Deutsche Schmerzpreis dafür verliehen.
Nach Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule liegt häufig ein Bakterienbefall vor. Dann helfen Antibiotika

Nach Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule liegt häufig ein Bakterienbefall vor. Dann helfen Antibiotika

Bei Rückenschmerzen denkt wohl niemand zuallererst an ein infektiöses Geschehen. Und doch scheint bei jedem zweiten Patienten mit Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule eine bakterielle Infektion vorzuliegen. Dies konnte die dänische Wissenschaftlerin Hanne Albert in einer Studie zeigen. Mehr noch: Mit der Gabe von Antibiotika verschwanden bei den Betroffenen auch die Rückenschmerzen. Für diesen Fund wurde ihr am Samstag der Deutsche Schmerzpreis von der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin und der Deutschen Schmerzliga verliehen. „Hanne Albert hat mit ihrer bahnbrechenden Arbeit schmerzmedizinische Denkweisen nachhaltig verändert und eine neue Diskussionsbasis zum Verständnis von chronischen Rückenschmerzen geschaffen“, erklärte Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin bei der Preisverleihung in Frankfurt am Main. Alberts Entdeckung könne nicht nur das Leiden von Millionen von Patienten lindern, sondern auch enorme Kosten aufgrund von Arbeitsunfähigkeiten und Frühberentungen einsparen. „Das ist ein revolutionärer Ansatz in der Schmerzmedizin“.

Mundbakterien setzen sich an verletzter Bandscheibe fest

Hanne Albert hatte herausgefunden, dass ungefähr die Hälfte der Patienten mit chronischen Schmerzen im unteren Rücken so genannte ‚modic changes’ aufweisen. Diese Ödeme im Knochenmark sind im MRT gut sichtbar. Weiter konnte sie im nach einem Bandscheibenvorfall entnommenen Gewebe bei mehr als 50 Prozent der Patienten Bakterien nachweisen. Am häufigsten war das Bandscheibengewebe mit dem Bakterium P. acnes infiziert, das offenbar über kleinste Verletzungen an der Mundschleimhaut in den Blutkreislauf gelangt. „Über neu gebildete Kapillaren an dem ausgetretenen Gewebe der Bandscheibe gelangen die Bakterien schließlich ins Innere der Bandscheibe und verbleiben dort auch nach einer Ausheilung des Bandscheibenvorfalls und verursachen Entzündung, Knochenödem und Schmerzen“, erklärte die Preisträgerin.

 

Nach 100 Tagen Amoxicillin praktisch beschwerdefrei

Eine anschließende Pilotstudie zeigte, dass sich nach einer mehrwöchigen Gabe des Antibiotikums Amoxicillin sowohl die Rückenschmerzen als auch die funktionellen Beschwerden der Patienten erheblich besserten. Daraufhin folgten weitere placebo-kontrollierte Studien, mit demselben Ergebnis: Erste Effekte zeigten sich nach sechs bis acht Wochen und setzten sich über eine Follow-up-Zeit von einem Jahr, in einer weiteren Studie sogar über zwei Jahre, fort. In den Studien bekamen die Patienten 100 Tage lang 3-mal täglich 1.000 mg Amoxicillin.

Freilich sollte nicht jeder Patient mit Rückenschmerzen Antibiotika bekommen, sagte Hanne Albert. „Aber diejenigen mit ‚modic changes’, bei denen Bakterien eine Rolle spielen, profitieren enorm.“

Der Deutsche Schmerzpreis wird jährlich an Persönlichkeiten verliehen, die Besonderes in der Schmerzmedizin geleistet haben. Wissenschaftlicher Träger des Preises ist die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS), Stifter des Preisgeldes in Höhe von 10.000 Euro ist die Limburger Pharmaunternehmen Mundipharma.

Foto: © photo 5000 - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Rückenschmerzen , Antibiotika
 

Weitere Nachrichten zum Thema Rückenschmerzen

Aktuelle Nachrichten

Mehr zum Thema
 
Weitere Nachrichten


 
Interviews
Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.

Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.

Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin