. MHG-Studie

Missbrauch durch katholische Priester reißt nicht ab

Die Missbrauchsbrauchsskandale der katholischen Kirche gehören längst nicht der Vergangenheit an. Eine Studie zeigt für die Jahre 2009 bis 2015, dass sich offenbar unverändert viele Priester an Kindern vergreifen. Forscher haben dafür mehr als 38.000 Personalakten der deutschen katholischen Kirche gesichtet.
Missbrauch, Katholische Kirche

Gott, warum hast Du mich verlassen? Missbrauch von Kindern ist in der Katholischen Kirche nach wie vor ein großes Problem

Massenhafte Kirchenaustritte, Mahnrufe des Papstes, Bemühungen zur Aufklärung und Prävention von Missbrauchsfällen – all das kann nicht verhindern, dass katholische Priester weiterhin Minderjährige missbrauchen. Einer Studie zufolge ist die Zahl der Missbrauchsvorwürfe gegen Priester seit 2009 nämlich nicht rückläufig, sondern konstant geblieben. Jedenfalls bis zum Jahr 2015.Auf diesen Zeitraum bezieht sich die sogenannte MHG-Studie, für die Forscher unter Federführung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) die Personalakten der deutschen katholischen Kirche gesichtet haben. 

Bemerkenswerte Ergebnisse 

Insgesamt haben die Forscher 38.156 kirchliche Personalakten ausgewertet. Bei 1.670 Klerikern fanden sich Hinweise auf Beschuldigen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Das entspricht einem Anteil von 4,4 Prozent der Priester und Diakone. Nach der Aktenlage sollen 3.677 Minderjährige sexuell missbraucht worden sein. Das Durchschnittsalter betrug 12 Jahre. Mit 62,6 Prozent waren Jungs deutlich häufiger Missbrauchsopfer als Mädchen. 

Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Psychiatrische Praxis“ des Thieme Verlags erschienen. Die Deutsche Bischofskonferenz und der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) haben die Auswertung gefördert.

„Es ist bemerkenswert, dass die Beschuldigungsquote von Priestern in den vergangenen Jahren nicht zurückgeht, obwohl die Deutsche Bischofskonferenz bereits 2002 Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker erlassen hat, die in den Jahren 2010 und 2013 überarbeitet wurden“, sagt Professor Dr. Harald Dreßing, Leiter Forensische Psychiatrie am ZI und Verbundkoordinator der MHG-Studie.

Missbrauch kein historisches Problem

Bei der Analyse wurden keine Fälle aus der Vergangenheit einbezogen, sondern nur Beschuldigungen in Bezug auf Taten, die im jeweiligen Jahr der Erhebung stattgefunden haben sollen und bei denen das Kind zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre alt war. „Die Auswertung der Personalakten zeigt deutlich, dass sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch katholische Priester ein anhaltendes Problem ist, kein historisches“, sagt Verbundkoordinator Dreßing und ergänzt: „Die Präventionsarbeit der Kirche sollte sich vor allem an die Gruppe von Priestern richten, die zum sexuellen Missbrauch disponiert ist.“

 

Zeitweise mehr Übergriffe als in der Allgemeinbevölkerung

Die Weihe eines Geistlichen zum Priester gilt in der katholischen Kirche als heiliges Sakrament. Darum sind mit der Priesterweihe besonders hohe moralische Anforderungen verbunden. Nach der Studie werden katholische Priester jedoch genauso oft übergriffig wie Männer in der weltlichen Bevölkerung. Schlimmer noch: In einigen Jahren des Auswertungszeitraums (2009 bis 2015) lag die Quote der Strafanzeigen wegen Kindesmissbrauchs sogar höher als in der männlichen Allgemeinbevölkerung. 

Die Forscher gehen davon aus, dass über die offiziell bekannten Tatvorwürfe hinaus in allen Bereichen der Gesellschaft von erheblichen Dunkelziffern ausgegangen werden muss. Eine Vielzahl von Taten bliebe unentdeckt. In der Zivilgesellschaft sei diese Quote aber vermutlich höher, mutmaßen die Autoren, da die häufigsten sexuellen Übergriffe im familiären Umfeld geschehen und die Hemmschwelle zur Anzeige hier höher sei. Zum Dunkelfeld in der katholischen Kirche wollten sie keine Aussage treffen. 

Foto: © wideonet - Fotolia.com

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