Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 

Missbrauch beeinträchtigt Reflexionsfähigkeit bei Kindern

Freitag, 25. September 2015 – Autor:
Von Missbrauch betroffene Kinder sind oft übermäßig aufmerksam bei der Beobachtung ihrer Mitmenschen, doch echte Einfühlung und Reflexion über eigene und fremde Gefühle fällt ihnen oft schwer. Das hat eine neue Studie bestätigt.
Kindesmissbrauch stört Empahtie-Entwicklung

Missbrauchserfahrungen verändern die Gehirnstrukturen bei Kindern nachhaltig – Foto: michaklootwijk - Fotolia

Kindern, die Missbrauch erlebt haben, fällt es oft schwer, über sich und andere zu reflektieren und Gefühlszustände und Motivationen adäquat zu beschreiben. Professor Karin Ensink von der Laval University in Québec (Kanada) untersuchte nun mit ihrem Team, wie reflexions- und empathiefähig Kinder sind, die sexuellen Missbrauch erlebt haben. Dabei befragten die Psychologen 94 Mutter-Kind-Paare, bei denen die Kinder zum Teil Missbrauchsopfer waren und zum Teil keine solchen Erfahrungen gemacht hatten. Im Durchschnitt waren die Kinder zwischen neun und zehn Jahre alt. Die meisten Missbrauchsopfer waren Mädchen.

Um die Ergebnisse nicht zu verzerren, hatten die Forscher Kinder aus ähnlichen sozioökonomischen Verhältnissen ausgesucht. Die Mütter und Kinder wurden nun von geschulten Studienmitarbeitern befragt. Dabei sollten die Kinder erzählen, was sie selbst in bestimmten Situationen fühlen und denken und wie ihrer Ansicht nach ihre engsten Bezugspersonen fühlen. Auch die Mütter wurden zu ihren Vorstellungen über ihre Kinder und ihre eigene Beziehung zu ihnen befragt. Die Wissenschaftler ordneten die Antworten dann nach dem Bewertungsmaßstab für die Fähigkeit zur Reflexion und Einfühlung, dem „Reflective Functioning Score“, ein.

Kinder mit Missbrauchserfahrung hatten schlechteren Reflexions-Score

Wie sich zeigte, konnten die missbrauchten Kinder tatsächlich signifikant schlechter reflektieren als die anderen. Zudem gaben Kinder, die Missbrauchserfahrungen hatten, scheinbar unpassende Antworten. So reagierten sie auf Fragen wie „Wann hattest du das letzte Mal Spaß mit deiner Mama?“ zum Beispiel mit folgenden Antworten: „Ich habe ein Video von der Sesamstraße“ oder „Es macht mir Spaß, mit Mama zusammen zu sein.“ Auf eine Frage wie „Was passiert, wenn dein Papa böse mit dir wird?“ sagten sie hingegen oft „Ich weiß nicht.“ Auch gehen sie insgesamt selten auf Gefühlszustände ein. Kinder, die innerhalb der Familie missbraucht wurden, wiesen dabei einen signifikant schlechteren Reflexions-Score auf, als Kinder, die außerhalb der Familie sexuell missbraucht worden waren.

 

Missbrauchsopfer vermeiden Einfühlung

Experten erklären sich diesen Mangel in der Reflexionsfähigkeit damit, dass Kinder über die Spiegelung mit den Eltern lernen, eigene und fremde Gefühle zu verstehen und einzuordnen. So imitieren Eltern normalerweise die Gesichtsausdrücke ihrer Kinder und verbalisieren dabei die bei den Kindern vermuteten Gefühle. Indem die Eltern auf diese Weise Bezug auf das Seelenleben ihrer Kinder nehmen und deren Gefühle verbalisieren, lernen die Kinder, die eigenen Gefühle zu verstehen und Worte dafür zu finden.  

Bei Gewalttätigkeit ist diese Kommunikation wesentlich gestört. Eine Folge davon kann eine fehlende Empathie-Entwicklung sein. Zwar beobachten missbrauchte Kinder ihre Umgebung oft ganz genau, doch fühlen sie sich meist nicht wirklich in die Personen ihrer Umgebung ein. Möglicherweise, so die Theorie mancher Psychologen, wäre das, was solche Kinder erkennen würden, zu bedrohlich. Die Vermeidung von Reflexion und Einfühlung wäre dann ein natürlicher Schutzmechanismus.

Foto: © michaklootwijk - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
 

Weitere Nachrichten zum Thema Gewalt an Kindern

20.06.2018

Die Hälfte der pflegenden Angehörigen hat Gewalt durch den Pflegebedürftigen erlebt, 40 Prozent haben selbst Gewalt ausgeübt. Das Thema ernstzunehmen fordert das Zentrum für Qualität in der Pflege.

01.12.2016

Sexueller Missbrauch wird in der Mehrzahl der Fälle von psychisch gesunden Menschen begangen. Das haben Experten auf dem Psychiatriekongress in Berlin berichtet. Die Öffentlichkeit habe ein völlig falsches Bild von Sexualstraftätern.

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Während es die Evolution so eingerichtet hat, dass Babys gern geknuddelt werden, um sich gesund zu entwickeln, sind Berührungen unter Erwachsenen nicht mehr so selbstverständlich. Dabei sind für sie genauso wichtig und gesund. Beispiel: Stressabbau.


Die elektrische Vagusnerv-Stimulation wird etwa bei Depressionen und Schmerzen eingesetzt. Wissenschaftler aus Wien nutzen das Verfahren für sehr kranke Covid-19-Patienten – offenbar mit Erfolg. Die Stimulation des zehnten Hirnnerven erfolgt am Ohr.
 
Kliniken
Interviews
Affenpocken verlaufen in der Regel harmlos. Doch nicht immer. Dr. Hartmut Stocker, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am St. Joseph Krankenhaus in Berlin Tempelhof, über die häufigsten Komplikationen, die Schutzwirkung der Impfung und den Nutzen von Kondomen.

Zöliakie kann in jedem Lebensalter auftreten und ein buntes Bild an Beschwerden machen. Bislang ist das wirksamste Gegenmittel eine glutenfreie Ernährung. Gesundheitsstadt Berlin hat mit PD Dr. Michael Schumann über die Auslöser und Folgen der Autoimmunerkrankung gesprochen. Der Gastroenterologe von der Charité hat an der aktuellen S2K-Leitinie „Zöliakie“ mitgewirkt und weiß, wodurch sich die Zöliakie von anderen Glutenunverträglichkeiten unterscheidet.

Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.
Logo Gesundheitsstadt Berlin