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Mikroplastik „unkalkulierbares Risiko“

Samstag, 19. März 2022 – Autor:
Die Sorge, dass Mikroplastik Gesundheit und Umwelt schadet, ist groß. Bislang liegen jedoch nur geringe wissenschaftliche Erkenntnisse über die Auswirkungen vor. Eine Studie kommt nun zu dem Schluss, dass sich die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung nicht mit der augenblicklichen Faktenlage deckt. Hinkt die Forschung hinterher?
Die Bevölkerung ist besorgt über wachsende Konzentration von Mikroplastik in der Umwelt

Die Bevölkerung ist besorgt über wachsende Konzentration von Mikroplastik in der Umwelt – Foto: © Adobe Stock/ Microgen

Plastikpartikel sind weit verbreitet. Mikroplastik befindet sich sowohl in der Umwelt als auch in Artikeln des täglichen Bedarfs. In Zahnpasta, Duschgels und Putzmitteln zum Beispiel. Nachrichten, dass Mikroplastik im menschlichen Darm nachgewiesen wurde, schrecken auf. Kein Wunder also, dass die Sorge groß ist, Mikroplastik könne der Gesundheit und der Umwelt schaden.

Gesundheitsrisiken durch Mikroplastik überschätzt?

Wie groß diese Sorge ist, das haben nun Wissenschaftler vom ISOE - Institut für sozial-ökologische und der Universität in Utrecht ermittelt. Zentrales Ergebnis der Umfrage, an der 1027 Personen teilgenommen haben: Die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung ist insgesamt höher, als sie derzeit durch wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden kann.

So meinten 93 Prozent der Befragten, dass Mikroplastik eher negative oder sehr negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit habe. Die Besorgnis über Umweltrisiken war sogar noch höher.

 

Langfristige Folge für die Umwelt unklar

„Wissenschaftliche Studien zur Konzentration von Mikroplastik in der Umwelt haben eine weite Verbreitung der Plastikpartikel in allen Bereichen der natürlichen Umwelt festgestellt“, sagt die Ökotoxikologin Carolin Völker von der PlastX-Forschungsgruppe am ISOE. Mikroplastik sei nicht nur in marinen, aquatischen und terrestrischen Ökosystemen nachgewiesen worden, sondern auch im in der Luft befindlichen Staub. „Bisherige wissenschaftliche Umweltrisikobewertungen haben gezeigt, dass von den Partikeln – zumindest noch – keine Gefahr für Wasserorganismen ausgeht, da die Umweltkonzentrationen zu niedrig sind“, sagt Völker. Die langfristigen Folgen dieser Belastung seien jedoch noch unklar.

Dennoch ist die Risikowahrnehmung sehr hoch. Völker und Ihre Co-Forscherin Johanna Kramm haben eine Vermutung, wie es zu dieser Diskrepanz kommt. Eine vergleichende Analyse zwischen populären Online-Zeitungen und wissenschaftlichen Arbeiten im Jahr 2019 hatte ergeben, dass die meisten Medienberichte über Mikroplastik die schädlichen Auswirkungen betonen und das Material als „hochgiftig“ darstellten.

Verbote von Mikroperlen in Pflege- und Reinigungsmittel in den USA und in Großbritannien seien möglicherweise weniger auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückzuführen als auf ein hohes Maß an Besorgnis, das wesentlich durch eine dramatisierende Medienberichterstattung hervorgerufen wird, spekulieren die Forscherinnen.

Die Anreicherung der Plastikpartikel ist das Problem

Doch damit wollen sie die möglichen Gefahren von Mikroplastik nicht in Abrede stellen. Vielmehr schätzen sie genau wie die Europäische Chemikalienagentur „Mikroplastik als unkalkulierbares Risiko ein“, dessen Folgen möglicherweise noch nicht aktuell sichtbar, aber aufgrund der Anreicherung des Materials in der Umwelt in einigen Jahrzehnten zu irreversiblen Schäden führen könnte. Darüber hinaus hatten Laborstudien der PlastX-Forschungsgruppe aus dem Jahr 2019 gezeigt, dass Alltagsprodukte aus Kunststoffen einen Mix aus schädlichen und unbekannten Substanzen enthalten, die aus den Produkten auslaugen und von Verbrauchern aufgenommen werden können.

„Die Verbote und politischen Maßnahme zu Mikroplastik sollten sich nicht nur auf ein Verbot von Mikroplastik in bestimmten Produkten beschränken, sondern auch weitere Quellen in den Blick nehmen“, betont Kramm. Denn der größte Anteil des Mikroplastiks entstehe aus dem Zerfall von größerem Plastikmüll, der in die Umwelt eingetragen werde.

Hauptkategorie: Umwelt und Ernährung
 

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