. Interview

„Menschen mit Behinderung leisten Erstaunliches“

Für Menschen mit Behinderung sind Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe nach wie vor nicht selbstverständlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Ulla Schmidt, MdB und Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, darüber gesprochen, was getan werden muss, um die Situation von Betroffenen zu verbessern.
Schmidt

Ulla Schmidt

Frau Schmidt, Sie sind Bundesvorsitzende der Lebenshilfe. An wen richtet sich der Verein?

Die Lebenshilfe ist für Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung und ihre Familien da. Gegründet wurde die Lebenshilfe vor fast 60 Jahren durch Eltern von behinderten Kindern. Die Eltern wollten damals wie heute, dass ihre Kinder zuhause in den Familien aufwachsen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Daraus ist im Laufe der Jahre eine große Selbsthilfe-Bewegung entstanden, der bundesweit mehr als 500 örtliche Vereine mit rund 130.000 Mitglieder angehören. Mittlerweile gibt es in Deutschland über 4000 Einrichtungen, Dienste und Angebote der Lebenshilfe: Frühförderstellen, Familienentlastende Dienste, Kindergärten, Schulen, Wohn-, Arbeits-, Freizeit- und Beratungsangebote. Dabei richten sich immer mehr dieser Angebote gleichermaßen an Menschen mit und ohne Behinderung, zum Beispiel inklusive Kindergärten, Schulen oder Wohngemeinschaften.

Was muss getan werden, um die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu verbessern?

Da geht die Lebenshilfe mit gutem Beispiel voran. Als Bundesvereinigung setzen wir uns mit aller Kraft für Inklusion ein und fördern im eigenen Verband die Beteiligung von Menschen mit Behinderung. Viele von ihnen sind heute Mitglied in der Lebenshilfe, bestimmen in den Vorständen mit und stellen als Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter selbstbewusst ihre Forderungen. Letztlich kommt es aber auf jeden einzelnen Bürger an. Möchte ich, dass mein Sohn mit dem Nachbarsjungen spielt, der das Down-Syndrom hat? Wie finde ich es, wenn meine Tochter gemeinsam mit behinderten Mitschülern in eine Klasse gehen soll? Freue ich mich darüber oder gehe ich dagegen auf die Barrikaden?  Jeder sollte sich diese Fragen einmal stellen. Für mich ist klar, dass Inklusion bei den Kindern beginnen muss, denn sie haben noch keine Barrieren im Kopf.

Nach wie vor ist es für Menschen mit Behinderung schwierig, einen Job im ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Woran liegt das Ihre Meinung nach?

Es ist eben nicht einfach, Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass auch sie davon profitieren können, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Behinderung einzustellen. Die meisten Unternehmen kaufen sich lieber mit der sogenannten Ausgleichsabgabe frei. Aber es gibt auch Fortschritte.

Welche Fortschritte sind das?

Mit dem Bundesteilhabegesetz wird 2018 das Budget für Arbeit flächendeckend eingeführt, bisher gab es das nur in manchen Bundesländern. Das Budget umfasst einen Lohnkostenzuschuss an den Arbeitgeber und die notwendige Assistenz für den Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz. Auch Werkstätten für Menschen mit Behinderung tragen ihren Teil dazu bei. Werkstätten beraten und begleiten Beschäftigte auf dem Weg in den ersten Arbeitsmarkt. Sie gründen selbst vermehrt Inklusionsfirmen und schaffen sogenannte Außenarbeitsplätze. Die Menschen mit Behinderung bleiben so Beschäftigte der Werkstatt, arbeiten aber etwa in der Gastronomie oder in Supermärkten zusammen mit nicht behinderten Kolleginnen und Kollegen.

Sie fordern ein Wahlrecht für alle Menschen mit Behinderung. Warum ist es so schwierig, das durchzusetzen?

In manchen Bundesländern ist die Politik bereits unserer Forderung gefolgt: In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein durften in diesem Jahr alle Menschen mit Behinderung ihre Stimme bei den Landtagswahlen abgeben, in Berlin und Niedersachsen steht die Abschaffung der Wahlrechtsausschlüsse im Koalitionsvertrag. Ich bedaure sehr, dass es im Bund die Große Koalition nicht rechtzeitig vor der Wahl geschafft hat, obwohl neben der SPD-Fraktion auch Abgeordnete der Union die Position der Lebenshilfe teilten. Wir haben zu lange auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gewartet, die leider bis heute aussteht. Acht Menschen mit Behinderung hatten nach der Bundestagswahl 2013 mit Unterstützung der Lebenshilfe und des Caritasverbandes Behindertenhilfe und Psychiatrie Wahlprüfungsbeschwerde eingelegt. Ich bin aber davon überzeugt, dass der Bundestag das Wahlrecht in dieser Legislaturperiode ändern wird.   

Kürzlich haben Sie in einem Interview geäußert, dass die Politik der AfD mit der Lebenshilfe nicht vereinbar ist. Können Sie das erläutern?

Eine Politik wie die der AfD, die Menschen bewusst ausgrenzt, können wir als Lebenshilfe nicht hinnehmen. Die Lebenshilfe steht für eine weltoffene, tolerante Gesellschaft. Die AfD jedoch lehnt Inklusion ab und widerspricht damit unseren ethischen Grundpfeilern.

Wie kann die Gesellschaft profitieren, wenn sie Menschen mit Behinderung stärker integriert?

Menschen mit Behinderung leisten Erstaunliches – und das gilt besonders, wenn man nicht nur auf ihre Behinderung, sondern vor allem auf ihre individuellen Fähigkeiten schaut. Sie können der Gesellschaft so viel geben. So können einige Menschen mit geistiger Behinderung beispielsweise als Alltagshelfer im Altenheim arbeiten und dort, wo den Pflegekräften die Zeit fehlt, für alte Menschen da sein.

Wie sehen Sie das Thema gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Zukunft? Werden wir irgendwann eine wirklich gleichberechtige Gesellschaft haben?

Diese Vision hatten ja schon vor 60 Jahren die Mütter und Väter unserer Gründergeneration. Aus ihrer Perspektive sind wir dem Ziel der Inklusion mit der UN-Behindertenrechtskonvention und dem Bundesteilhabegesetz schon recht nahegekommen. Aber Natalie Dedreux, eine junge Frau mit Down-Syndrom, sieht das vermutlich anders. Sie hat vor der Bundestagswahl in einer Fernseh-Sendung Kanzlerin Merkel gefragt, warum in Deutschland so viele Babys mit Down-Syndrom abgetrieben werden. Natalie Dedreux sagte: „Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben!“ Wir müssen also noch viele Hindernisse überwinden, damit Eltern die Herausforderung, ein Kind mit Behinderung großzuziehen, annehmen können und sich dabei durch die Gesellschaft unterstützt fühlen.

Die frühere Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ist Mitglied des Bundestages und Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Die Lebenshilfe hilft Menschen mit geistiger Behinderung dabei, gleichberechtigt am Leben in der Gesellschaft teilzunehmen.

Foto: © Laurence Chaperon Photographie

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Hauptkategorien: Demografischer Wandel , Medizin
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