. Studie aus Deutschland

Medizinische Versorgung von Asylbewerbern unzureichend, aber teuer

Asylbewerber haben in Deutschland nur eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem. Nur dringliche Fälle dürfen behandelt werden. Unterm Strich kostet das mehr als die Regelversorgung, wie Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben.
Asylbewerber sind von der Regelversorgung ausgeschlossen. Unterm Strich ist das teurer

Asylbewerber sind von der Regelversorgung ausgeschlossen. Unterm Strich ist das teurer

Immer mehr Menschen suchen Asyl in Deutschland – und ja, es sind auch Wirtschaftsflüchtlinge darunter. Um einer Art Gesundheitstourismus den Riegel vorzuschieben, haben Asylbewerber nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Einen Arzt sehen sie nur dann, wenn sie unter akuten Gesundheitsproblemen oder Schmerzen leiden oder eine Behandlung unaufschiebbar ist. So ist es seit 1993 im Asylbewerberleistungsgesetz geregelt. Die Regelung ist aber ethisch umstritten. Nun haben Wissenschaftler in einer Studie herausgefunden, dass sie auch wirtschaftlich keinen Sinn macht. Die Ausgaben für einen Asylsuchenden liegen demnach um 40 Prozent höher – das sind 376 Euro pro Jahr- als bei einem Asylsuchenden, der bereits Anspruch auf den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung hat. Anspruch auf GKV-Leistungen haben Asylanten, die bereits 15 Monate im Land sind.

376 Euro Mehrausgaben pro Kopf und Jahr

Für ihre Studie haben Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg und der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld repräsentative Daten dieser beiden Gruppen miteinander verglichen. Grundlage waren Daten des statistischen Bundesamtes der Jahre 1994 bis 2013.

Die Analyse zeigt, dass bei der Regelung die Rechnung offenbar ohne den Wirt gemacht wurde: Unter den Bedingungen eines gleichen Zugangs für alle Asylsuchenden hätten die Gesamtausgaben für die medizinische Versorgung der letzten 20 Jahre um rund 22 Prozent gesenkt werden können, rechnen die Studienautoren vor.

"Unsere Studie belegt, dass eine bundesweite Umsetzung des Bremer Modells - bei dem seit 2005 bürokratische Hürden zur Versorgung abgebaut wurden -  nicht zwingend mit Mehrkosten verbunden sein muss", betont Studien-Autor Professor Dr. Oliver Razum, Dekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. In Bremen und Hamburg erhalten Asylsuchende ohne Wartezeit eine Gesundheitskarte und damit besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung. "Es ist wichtig, so früh wie möglich eine Anbindung an die Regelversorgung und somit eine umfassende Versorgung mit primärmedizinischen Maßnahmen sicherzustellen", ergänzt Dr. Kayvan Bozorg, Studienautor vom Universitätsklinikum Heidelberg.

Wissenschaftler wollen teures Parallelsystem abschaffen

Dies sei nicht nur ethisch geboten, sondern würde auch eine bessere Gesundheitsversorgung der Menschen garantieren. Anders ausgedrückt:  Dürften Asylsuchende wie jeder andere gesetzlich Versicherte auch Allgemein-, Haus- und Kinderärzte aufsuchen, wären die Menschen besser versorgt und die Gesundheitsausgaben sogar niedriger. Kayvan Bozorg: „Parallelsysteme hingegen sind teuer und ineffizient, vor allem wenn sie Teile der Bevölkerung von der Versorgung ausschließen."

Die  Ergebnisse der Studie „Effect of Restricting Access to Health Care on Health Expenditures among Asylum-Seekers and Refugees“ wurden jetzt in der internationalen Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht.

Foto: © Kzenon - Fotolia.com

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
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