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Medizin und Pflege: Wie lässt sich die Personallücke schließen?

Sonntag, 9. Oktober 2022 – Autor:
Wenn immer mehr Menschen länger leben, braucht es immer mehr andere Menschen, die sie in Medizin und Pflege versorgen. Wie lässt sich die immer größere Personallücke schließen und welche neuen Ansätze gibt es? Das diskutierten Experten jetzt in Berlin.
Krankenschwester im hellblauen Kittel mit einem Notizblock, auf dem "Personalmangel" steht.

Maßnahmen zur Schließung der Personallücke in Medizin und Pflege: Dieses brennende Thema diskutierten Experten auf dem „Kongress Demografie & Nachhaltigkeit“ in Berlin. – Foto: AdobeStock/HNFOTO

Warum gibt es in Medizin und Pflege zu wenig Personal, während der Bedarf mit dem Demografischen Wandel steigt und steigt? Ist die Bezahlung wirklich so schlecht? Ist die Arbeitsbelastung zu groß und damit auch die Gefahr von Burnout und Frustration? Stimmt die Work-Life-Balance nicht (mehr)? Wie können auf der anderen Seite Lösungen für dieses immer dringlichere Problem aussehen? Sind Pflegekräfte aus dem Ausland die Lösung? Oder eine Lockerung des NC beim Medizinstudium? Wie könnte man zumindest einen Teil der vielen gut ausgebildeten Berufsaussteiger zurückholen und als Ressource nutzen? Diese Fragen haben jetzt Experten auf dem „Kongress Demografie & Nachhaltigkeit“ in Berlin diskutiert.

Berufsflucht aus der Pflege –  ein Teufelskreis

Schon jetzt fehlen in Deutschland 200.000 Pflegekräfte. Nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln wird diese Zahl in den nächsten Jahren auf eine halbe Million ansteigen. In ihrem Auftaktreferat beim Kongress in Berlin skizzierte Sandra Mehmecke vom Deutschen Pflegerat für den Bereich der Kranken- und Altenpflege einen Teufelskreis: Personalmangel führt zu Situationen, die die Patientensicherheit gefährden, aber auch die Gesundheit von Pflegekräften. Die alten Menschen bekommen nicht die Pflegeleistung, die ihnen auf dem Papier zusteht und die ihnen pflegerisch-menschlich guttäte. Das führt zu einer Frustration bei Pflegekräften.

 

Teilzeit kann auch eine Form von Berufsausstieg sein

Mehr als ein Drittel der Pflegekräfte (35 Prozent) denkt nach einer Umfrage des Berufsverbands DBfK über einen Berufsausstieg nach. „Beim Nachdenken bleibt es aber nicht“, sagt Mehmecke, „die Kollegen reduzieren ihre Arbeitszeit oder steigen ganz aus.“ Teilzeit sei dabei häufig ein Teil-Ausstieg oder eine Vorform des Komplettausstiegs. Die seit Längerem bereits extrem hohe Teilzeitquote sei im Zuge der zusätzlichen Belastungen durch die Corona-Pandemie noch einmal gestiegen. In Krankenhäusern arbeiteten die Hälfte (49 Prozent) und in der Langzeitpflege sogar zwei Drittel oder 65 Prozent der Beschäftigten mittlerweile in Teilzeit.

Berufsaussteiger und Teilzeitarbeitende: Rein mathematisch ein Potenzial von 300.000 Vollzeitkräften

Welche Ideen gibt es, um den beschriebenen Teufelskreis zu durchbrechen? „Es klingt verrückt, aber: Um die Berufsflucht aus der Pflege zu verhindern, braucht es mehr Pflegefachpersonen“, sagte Mehmecke, die jetzt Fachkommissionsleiterin beim Deutschen Pflegerat ist und früher Präsidentin der inzwischen wieder aufgelösten Pflegekammer Niedersachsen war. Weil diese nicht vom Himmel fallen, verweist Mehmecke auf die große Gruppe von real existierenden Pflegefachpersonen in Deutschland, die über eine mindestens dreijährige Ausbildung verfügen, deren Potenzial aber aufgrund von Teilzeit oder Ausstieg gewissermaßen brachliegt.

Nach Berechnungen des Deutschen Pflegerats liegt dieses Potenzial – vorsichtig beziffert – bei 300.000 Vollzeit-Äquivalenten und optimistisch gerechnet beim Doppelten. „Das ist ein riesengroßes Potenzial“, sagt Mehmecke. Die Bereitschaft zum Wiedereinstieg in „den tollen, abwechslungsreichen Pflegeberuf“ sei relativ hoch – aber zugleich abhängig von bestimmten – besseren – Arbeitsbedingungen.

Rückkehr in den Pflegeberuf? Diese Bedingungen müssen stimmen

In der aus Bremen stammenden Befragung mit dem vielsagenden Titel „Ich pflege wieder, wenn …“ sind folgende Arbeitsbedingungen die Top Ten für einen Wiedereinstieg in den Beruf oder eine Aufstockung der Wochenarbeitszeit:

  • Wertschätzung durch Vorgesetzte
  • Zeit für qualitativ hochwertige Pflege
  • bedarfsgerechte Personalbemessung/nicht unterbesetzt arbeiten müssen
  • Sensibilität von Vorgesetzten für Belastungen in der Pflege
  • Tarifbindung
  • mehr Zeit für menschliche Zuwendung
  • verbindliche Dienstpläne/Garantie, an freien Tagen nicht arbeiten zu müssen
  • betriebliche Interessenvertretung
  • höheres Grundgehalt/höhere Zulagen für besondere Tätigkeiten
  • Augenhöhe gegenüber der Ärzteschaft.

Auch Mediziner flüchten sich in Teilzeit

Einen vergleichbaren Mechanismus als Grund für Personalmangel durch Teilzeit und Berufsflucht arbeitete in ihrem Kongressbeitrag die Berliner Chirurgin Yüksel König für den Bereich der ärztlichen Beschäftigten heraus. Eine Umfrage der Ärztegewerkschaft „Marburger Bund“ zeige: Auch immer mehr Klinikärzte verzichteten auf Gehalt und wählten bewusst den Teilzeit-Status, um die Wochenarbeitszeit auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und für eine akzeptable Work-Life-Balance zu sorgen. Teilzeit 80 Prozent bedeute am Ende faktisch 100 Prozent, also von der Stundenzahl her Vollzeit. 31 Prozent der jetzt Befragten arbeiteten mittlerweile in Teilzeit – doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren (2017: 15 Prozent).

Ausgebrannte Ärzte: Fehlerwahrscheinlichkeit doppelt so hoch

Als Gründe für den Trend zur Teilzeit nennt die Ärztin: unzureichende Personalausstattung, steigende Arbeitsbelastung, hohe Anzahl an Überstunden und die 24-Stunden-Dienste. 91 Prozent der Klinikärzte fühlten sich regelmäßig erschöpft. Wenn sich die Wochenarbeitszeit in Vollzeit bei 80 Stunde bewege, seien die Ärzte Burnout-gefährdet. Ausgebrannte Ärzte seien doppelt so oft in Vorfälle verwickelt, die die Patientensicherheit beträfen. „Es kann Zeiten geben, wo wir überanstrengt sind und an unsere Grenzen kommen. Das darf aber nicht der Normalzustand sein“, sagt die Chirurgin, die auch im Vorstand der Landesärztekammer sitzt. „Das geht auf Kosten von Familie und Gesundheit. Niemand will von einem ausgebrannten Arzt behandelt oder operiert werden.“

Was Ärzte und Arbeitgeber gegen Berufsflucht tun können

Als Gegenmaßnahme empfahl König ihren ärztlichen Kollegen, ihre persönliche Resilienz zu stärken. Die Arbeitgeber ermahnte die Ärztin, Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz zu unterbinden, weil diese häufig zu gefährlichen Situationen für Patienten führten (bei einem Fußballer wurde das falsche Bein operiert). Außerdem: eine Führungskultur mit mehr Wertschätzung und weniger ökonomischer Brille im „Medizingeschäft“. Yüksel König: „Mit dem Arztsein haben wir eine besondere Verantwortung übernommen. Wir stehen nicht am Fließband und produzieren keine Güter.“

Diskussion mit Kongressteilnehmern: Medizin-NC lockern?

Bei der anschließenden Diskussion regte ein Kongressteilnehmer an, zur Lösung des Problems den strengen Numerus Clausus beim Zugang zum Studienfach Medizin aufzubrechen. „Glauben Sie mir, daran liegt es nicht“, konterte die Ärztevertreterin König: „Jeder fünfte hört auf mit dem Beruf. Der Staat zahlt extrem viel Geld für das Studium. Die Kolleginnen kriegen eine gute Ausbildung – und dann sind sie weg. Warum sind sie weg? Weil die Arbeitsbedingungen überhaupt nicht mehr zu realisieren sind.“ Damit stieß die Ärztin ins gleiche Horn wir zuvor die Vertreterin des Pflegerats und sagte: „Wir haben genug Personal da. Die fliehen nur. Die müssen wir zurückholen.“

Sind Pflegekräfte aus dem Ausland die Lösung?

 Auch wurde die Frage diskutiert, inwieweit Pflegekräfte aus dem Ausland die Lösung sein könnten. „Das ist nicht die Lösung“, sagte Pflegeexpertin Mehmecke. „Da haben wir dasselbe Problem wie bei den in Deutschland ausgebildeten Pflegekräften. Unter den gegebenen Bedingungen sind viele nicht bereit, über einen längeren Zeitraum im Pflegeberuf in Deutschland zu arbeiten.“ Für Personal aus dem Ausland gelte das sogar verschärft. In vielen Ländern seien Pflegekräfte hochwertiger ausgebildet, besäßen einen Status näher in Richtung Arzt und dürften in ihren Heimatländern auch mehr Dinge in Eigenregie tun.

Offensivere Werbung für Pflegeberufe in Schulen

Auf die Anregung eines Kongressteilnehmers, dass für Pflegeberufe viel offensiver in Schulen geworben werden könnte, sagte Pflegerat-Vertreterin Mehmecke: „Wir hatten 2018 eine Konzertierte Aktion Pflege bundesweit. Da ging es auch um diese Frage. Dann sind Kampagnen entstanden. Die einzelnen Bundesländer haben Kampagnen gemacht, mehr schlecht als recht. Das Thema war damals im Kopf vieler Entscheidungsträger noch nicht so schlimm, als dass man wirklich bereit gewesen wäre, dafür Geld in die Hand zu nehmen.“

„Pflegebranche sollte sich nicht selbst schlecht machen: Wo gejammert wird, will keiner hin“

Sascha Bock, Geschäftsführer einer kommunalen Pflegeeinrichtung aus der Lausitz, regte an, die Branche in der Öffentlichkeit nicht unter Wert zu verkaufen. Bei Fachkräften liege das Einstiegsgehalt bei 3.000 Euro ohne Zuschläge/Urlaubs-/Weihnachtsgeld. „Wenn wir uns andere Berufsgruppen angucken, dann kann von schlechter Bezahlung keine Rede sein.“ Missstände müssten ganz klar angesprochen werden. Zugleich müsse die Pflegebranche aber selbstbewusster kommunizieren und ihre Vorzüge besser herausarbeiten. „Dieses Jammern hilft uns nicht weiter“, sagte Bock. „Da, wo gejammert wird, gehen die jungen Leute nicht hin.“

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
 

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