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Masern: RKI-Chef gegen Impfpflicht

Die Diskussion um eine Impfpflicht gegen Masern geht weiter. Prof. Lothar H. Wiehler, Chef der Robert Koch-Instituts, hält verpflichtende Impfungen für kontraproduktiv. Das schreibt er in der Ärztezeitung.
Masernimpfung

Deutschlands oberster Gesundheitswächter hält eine Masern-Impfpflicht für kontraproduktiv

In Frankreich und Italien gibt es mittlerweile eine Impfpflicht für so genannte „Kinderkrankheiten“, darunter auch Masern. Deutschlands oberster Gesundheitswächter, RKI-Chef Lothar C. Wiehler, spricht sich dagegen aus: Eine Impfpflicht bei Masern würde ungeimpfte Erwachsene als Verursacher nicht erreichen und Skeptiker vor den Kopf stoßen.

Bei allen Krankheiten und Altersgruppen gibt es Impflücken, schreibt Wiehler weiter in dem ÄZ-Gastbeitrag. Derzeit stehen diesbezüglich die Masern im Mittelpunkt. Es gibt immer wieder hohe Erkrankungszahlen, Ausbrüche und Todesfälle, zuletzt im Frühjahr in Essen. Auf den ersten Blick scheint eine Impfpflicht die logische Reaktion auf ungenügende Impfquoten zu sein, unabhängig von der Frage der rechtlichen Umsetzbarkeit. Auf den zweiten Blick ist sie es aber nicht. Im Gegenteil, sie wäre möglicherweise sogar kontraproduktiv, betont der Mikrobiologe.

An Masern erkranken vor allem junge Erwachsene

Maßgebliche Ursache der Masern-Ausbrüche der vergangenen Jahre sind die großen Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Nach Ergebnissen einer RKI-Studie sind bei den 18- bis 44-Jährigen mehr als 40 Prozent nicht gegen Masern geimpft. Diese Altersgruppe wird aber bei Forderungen für eine Impfpflicht nie erwähnt.

Vielen ist die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO)  nicht bekannt, dass die nach 1970 Geborenen die Impfung nachholen oder vervollständigen sollen, wenn keine zwei Impfungen im Impfausweis vermerkt sind. Die jungen Erwachsenen gehen auch selten zum Arzt. Genau aus diesen Gründen sind Informationskampagnen und aufsuchende Impfangebote dringend erforderlich, um diese Impflücke zu schließen.

Skepsis der Impfgegner ernst nehmen

Skepsis gegenüber Impfungen muss ernst genommen werden. Sie ist aber nicht das Hauptproblem, sonst gäbe es bei Schulanfängern keine Impfquote von fast 97 Prozent für die erste Masernimpfung. Dennoch sei auch hier noch einiges zu tun: Kinder werden oft zu spät geimpft, und es gibt große regionale Unterschiede bei den Impfquoten gerade in den ersten Lebensjahren.

Erinnerungssysteme sind daher ein probates Mittel, um Impfquoten zu erhöhen. Die 2016 eingeführte verpflichtende Impfberatung vor dem Besuch einer Kindertagesstätte und die Impfstatuskontrolle bei den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter wie auch die J1-Untersuchung im Jugendalter sind hier wichtige Bausteine.

RKI-Chef argumentiert gegen Masern-Impfpflicht

Es gibt genügend Gründe fürs Impfen. Eine Impfpflicht könnte jedoch den Eindruck erwecken, dass diese sachlichen Argumente doch nicht so gut sind. Zudem wäre bei Einführung einer Masern-Impfpflicht Widerstand von Impfgegnern zu erwarten, der personelle Kapazitäten im öffentlichen Gesundheitsdienst und in Arztpraxen bindet,die an anderer Stelle gebraucht werden, zum Beispiel bei den aufsuchenden Impfangeboten für junge Erwachsene.

Zudem fanden Forscher aus Erfurt und Aachen heraus, dass eine Impfpflicht die Impfbereitschaft für die verbleibenden freiwilligen Impfungen deutlich verringern würde. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Einschränkung der Entscheidungsfreiheit dazu führt, sich diese bei nächster Gelegenheit zurückholen zu wollen, erklärt der RKI-Chef weiter.

Gesundheitsämter besser ausstatten

Um die Masernelimination in Deutschland zu schaffen sei es vor allem nötig, die Gesundheitsämter personell und finanziell so auszustatten, dass sie als kompetente Taktgeber vor Ort handeln können. Auch Abrechnungshindernisse sollten abgebaut werden, damit jeder Arztkontakt zum Schließen von Impflücken genutzt werden kann, sodass zum Beispiel der Kinderarzt die anwesenden Eltern mit impfen kann. Solche rein bürokratischen Hindernisse stellen fachlich nicht gerechtfertigte Barrieren dar.

Und natürlich brauchen wir motivierte Ärzte, die selbst geimpft sind und jede Gelegenheit nutzen, um ihre Patienten nach deren Impfpass zu fragen. In Deutschland ist noch eine Menge Luft nach oben, bevor die drastische Maßnahme einer Impfpflicht in Erwägung gezogen werden sollte, schließt Wiehler. Das Robert Koch-Institut ist die zentrale Einrichtung der Bundesregierung für die Krankheitsüberwachung und -prävention.

Foto: Stockfotos-MG/Fotolia.com

Autor: red
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