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Lungenarzt kritisiert Hospitalisierungsrate als „undifferenziert“

Mittwoch, 9. Februar 2022 – Autor:
Die Hospitalisierungsrate soll der neue Maßstab in der Pandemie sein. In der Statistik werden alle Krankenhauspatienten mit positivem Corona-Test erfasst. Die wahre Krankheitslast werde dadurch nicht abgebildet, kritisiert Lungenarzt Thomas Voshaar.
Jeder Corona-Fall wird erfasst: Hospitalisierungsrate spiegelt die wahre Krankheitslast nicht wider

Jeder Corona-Fall wird erfasst: Hospitalisierungsrate spiegelt die wahre Krankheitslast nicht wider – Foto: © Adobe Stock/ contrastwerkstatt

Die Hospitalisierungsrate liegt bundesweit aktuell bei 6. Das bedeutet: Je 100.000 Einwohner wurden innerhalb von sieben Tagen sechs Patienten mit Corona aufgenommen. Zusammen mit der Intensivbettenbelegung ist die Hospitalisierungsrate bzw. -inzidenz inzwischen zum wichtigsten Maßstab in der Pandemie geworden.

Kliniken melden jeden positiven Fall

Entgegen der ursprünglichen Vorgabe des Robert Koch-Instituts, nur Covid-19-Fälle zu melden, melden die Krankenhäuser jedoch jeden aufgenommenen Patienten mit einem positiven Corona-Testergebnis. Also auch Patienten, die wegen ganz anderer Erkrankungen ins Krankenhaus gekommen sind, einer Knieoperation zum Beispiel, aber nicht wegen Covid-19. Dass sie mit dem Coronavirus infiziert sind, erfahren die Kliniken lediglich durch ihre routinemäßigen Tests. Deswegen steht die Hospitalisierungsrate schon seit längerem in der Kritik.

 

„Erfahren nichts über die Krankheitslast“

Thomas Voshaar, Chefarzt der Klinik für Lungen- und Bronchialheilkunde im Bethanien-Krankenhaus in Moers, gehört zu denjenigen, die sich an der Statistik stören. Die Hospitalisierungsrate werde „undifferenziert erhoben“, sagte er am Dienstag „WELT.“ Da nicht zwischen Covid-Patienten und jenen mit anderen Erkrankungen bei positivem Test unterschieden werde, „erfahren wir bei der Meldesystematik nicht das, was wir erfahren wollen, nämlich, wie hoch die Krankheitslast ist“, kritisiert der Lungenarzt.

Angesichts der absehbar steigenden Infektionsraten, würden künftig immer mehr Menschen im Krankenhaus positiv getestet. „Sie werden irgendwann wohl sogar in der Überzahl sein“, erklärt Voshaar. Damit steige natürlich auch die Hospitalisierungsrate.

Zahl der echten Covid-Patienten viel geringer

Seiner Ansicht nach könnte man die Krankenhausinzidenz grob halbieren, um zur Zahl der „echten Covid-Patienten“ zu kommen. Voshaar verweist auf das Beispiel seiner Klinik. Im Bethanien Krankenhaus Moers liegen demnach derzeit 37 Patienten in Zusammenhang mit Corona. Doch nur zehn davon werden tatsächlich wegen einer Covid-19-Erkrankung behandelt. Die übrigen 27 sind aufgrund anderer Leiden da. Sie liegen in Isolation, weil bei ihnen Corona festgestellt wurde, aber ohne, dass sie eine Covid-Erkrankung haben.

Infizierte bedeuten für Krankenhäuser einen Mehraufwand

Manche Krankenhäuser sind ganz froh über die großzügige Meldesystematik. Bedeuten Infizierte doch einen erheblichen Mehraufwand, da man sie von Nicht-Infizierten trennen und strenge Hygienemaßnahmen einhalten muss. Um den Aufwand zu reduzieren, hat das Krankenhaus in Moers Stationen eingerichtet, wo alle Corona-Infizierten zusammen liegen, egal wegen welcher Erkrankung sie ins Krankenhaus gekommen sind. „Mit Covid-Stationen schone ich die Ressourcen von Personal und Betten und bin hygienisch besser aufgestellt“, sagt Lungenexperte Voshaar. Das Argument vieler Kollegen, dass die Normalstationen von Omikron belastet seien, will der Mediziner darum nicht so ohne weiteres gelten lassen. Der Mehrbelastung sei nicht medizinisch begründet, sagt er, sondern eine Frage "der Hygiene und Organisation."

Hauptkategorien: Corona , Gesundheitspolitik , Medizin
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