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Lockdown: Auch Tele-Freundschaften tun gut

Sich persönlich zu begegnen, hat eine besondere Qualität und Wirkung. Die in Zeiten der Corona-Isolation aus der Not heraus gepflegten virtuellen Kontakte per Messenger-App oder Videokonferenz können trotzdem eine positive Wirkung auf Stimmung und Psyche entfalten. Das zeigt eine Studie der Universität Innsbruck.
Silvester: Freunde prosten sich mit Sekt zu - per Videoschalte.

Aufbauende Botschaften in Kombination mit bloßen Bildern von uns nahestehenden Personen wirken sich positiv auf die Fähigkeit aus, mit negativen Gefühlen umzugehen.

In Zeiten der Pandemie, in denen soziale Isolation und Quarantäne an der Tagesordnung stehen, ist es vielen Menschen nicht möglich, ihre besten Freundinnen und Freunde persönlich zu treffen, um sich über Ängste, Gefühle und Sorgen des Alltags auszutauschen.  Gerade junge Leute kommunizieren während des pandemiebedingten „Social Distancing“ noch stärker als bisher über Messenger-Apps, tauschen Gefühle aus und suchen so auch Hilfe. Auch solche virtuelle Begegnungen können offenbar dazu führen, dass das menschliche Gehirn negative Emotionen durch soziale Unterstützung abschwächen kann. Das zeigt eine Studie des Instituts für Psychologie der Universität Innsbruck. Fazit der Wissenschaftler aus Österreich: „Beste Freunde sind in stressigen Situationen von besonders großem Wert, auch wenn diese nicht persönlich anwesend sind.“

Kombination aus aufbauender Botschaft und Foto

„Aufbauende Botschaften, die zusammen mit einem Foto eines besten Freundes oder einer besten Freundin präsentiert werden, wirken sich sehr positiv auf die Fähigkeit aus, mit negativen Gefühlen umzugehen“, heißt es in der internationalen Studie, an der auch Forscher der Freien Universität Berlin und der Universität Melbourne/Australien beteiligt waren. Dies stehe in Zusammenhang mit einer differenzierten Aktivierung in einem Netzwerk von Hirnregionen, das für die Kontrolle von Emotionen zuständig sei. Mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT), einem bildgebenden Diagnostikverfahren, konnte den Forschern zufolge gezeigt werden, dass bestimmte Hirnregionen bei sozialer Unterstützung durch eine andere Person – egal ob Freund oder Fremder – mehr rekrutiert werden als bei dem Versuch, negative Gefühle alleine in den Griff zu bekommen.

 

Wie Gehirnregionen bei Ängsten zusammenspielen

Emotionen werden im Gehirn durch ein Zusammenspiel mehrerer für bestimmte Einzelaufgaben zuständigen Teilorgane kontrolliert und bei Bedarf abgeschwächt. Befinden wir uns in einer stressigen Situation, die uns vielleicht Angst macht, dann versuchen wir, durch verschiedene Strategien, das Gefühl der Angst abzuschwächen. Zum Beispiel, indem wir probieren, die Situation als weniger negativ zu interpretieren, uns innerlich Mut zuzusprechen oder gedanklich abzulenken. Eine Gehirnregion (der „laterale präfrontale Kortex“) beispielsweise unterdrückt Antworten in Regionen, die mit der Emotionsentstehung zu tun haben („Amygdala/Mandelkern“). Diese emotionale Kontrolle kann der Studie zufolge durch soziale Unterstützung verbessert werden.

Soziale Nähe: Menschen können Gefühle leichter bewältigen

„Wir wissen aus zahlreichen anderen Studien, dass Menschen Gefühle durch soziale Nähe besser bewältigen können“, sagt Carmen Morawetz vom Institut für Psychologie in Innsbruck. „Das Spannende an der aktuellen Studie war aber, dass sich diese soziale Unterstützung auf das Zusammenspiel verschiedener Gehirnregionen selbst dann auswirkt, wenn diese nur virtuell erfolgte, die unterstützend wirkende Person also nicht selbst im Raum anwesend war.“ Das ist deshalb erfreulich, weil derzeit das Coronavirus Menschen Angst macht. Auch haben festgestellt, dass Depressive unter dem Eindruck der COVID-19-Pandemie noch depressiver werden können.

Neuro-Labor: Wie Gefühle zu Nervenimpulsen werden

Die Wissenschaftlerin hat an der Universität Innsbruck der Universität ein spezielles Forschungslabor eingerichtet. In diesem „Affective Neuroscience Lab“ kann etwa durch bildgebende Verfahren wie das fMRT dokumentiert werden, wie sich Emotionen in neuronalen Prozessen abbilden. Der aktuelle Versuch im Innsbrucker Gefühlsforschungslabor lief dabei wie folgt ab: Während des fMRT-Experiments wurden den Probanden negative Bilder präsentiert und sie wurden angewiesen, ihre dadurch entstandenen Gefühle abzuschwächen. Dies geschah in drei Konstellationen. Die Versuchteilnehmer sollten versuchen, ihre negativen Emotionen

  1. alleine ohne Hilfe abzuschwächen,
  2. oder mit Hilfe ihres besten Freundes/ihrer besten Freundin
  3. oder mit Hilfe einer fremden Person.

Die soziale Unterstützung erfolgte durch einen aufbauenden Satz zusammen mit einem Foto des besten Freundes oder eines Fremden. Das Experiment zeigte, dass die soziale Nähe zum Unterstützer für die Gehirntätigkeit entscheidend ist. Psychologin Morawetz: „Das heißt, es macht für unser Gehirn einen Unterschied, ob wir Hilfe von uns nahestehenden Menschen, wie in diesem Fall unserem/unserer besten Freund*in bekommen, oder ob es sich um eine für uns unbekannte Person handelt.“

Foto: AdobeStock/M.Dörr & M.Frommherz

Autor: zdr
Hauptkategorie: Corona
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