. Schmerztherapie

Lieferengpässe bei medizinischem Cannabis

Seit fünf Monaten übernehmen die Krankenkassen die Kosten für medizinisches Cannabis bei chronisch Erkrankten, denen kein anderes Medikament mehr hilft. Die Nachfrage ist in die Höhe geschnellt, in vielen Apotheken ist Cannabis vergriffen. Weil ein Vertriebssystem unter staatlicher Kontrolle sich erst etablieren muss, ist Deutschland noch auf Importe angewiesen.
Oft die einzige Lösung bei chronischen Schmerzen: medizinisches Cannabis.

Oft die einzige Lösung bei chronischen Schmerzen: medizinisches Cannabis.

Seit 23 Jahren plagen Rüdiger Klos-Neumann „Cluster-Kopfschmerzen“: Das sind schwere, an Augen, Stirn oder Schläfe auftretende Schmerzattacken, die vielen Kranken das Leben zur Hölle machen können. Sie kehren periodisch wieder und dauern durchschnittlich vier bis zwölf Wochen an. Bis zu achtmal täglich können sie auftreten – und halten dann 15 bis 180 Minuten an. Das besondere Problem bei Rüdiger Klos-Neumann: Wie viele chronisch Kranke ist er therapieresistent. Konventionelle Medikamente schlagen bei ihm nicht an – oder sind mit massiven Nebenwirkungen verbunden. Bei seinen Beschwerden helfen nur zwei der 14 in Apotheken erhältlichen Sorten von medizinischem Cannabis. Doch aktuell hat Klos-Neumann wie viele Schmerzpatienten ein Problem: Sein Medikament ist ausverkauft.

Staatliches System für Cannabis-Versorgung noch nicht etabliert

"Die Verzweiflung ist groß“, sagt Schmerzpatient Klos-Neumann. „Denn es muss immer die gleiche Sorte mit dem gleichen Wirkstoffgehalt sein, damit es lindernd wirkt. Die falsche Sorte kann sogar zu einem Trigger werden, der die Schmerzen auslöst." Die Versorgungslage ist nach Einschätzung des 43-jährigen Berliners derzeit schlechter als im März 2017. Damals trat ein neues Gesetz in Kraft, das medizinisches Cannabis in Deutschland legalisiert und die Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen ermöglicht. Damit stieg die Nachfrage spürbar an, mit der Folge, dass sich die aktuelle Versorgungslage für viele Schmerzpatienten zuspitzt. Schätzungen zufolge besaßen damals rund tausend Patienten bundesweit eine Ausnahmegenehmigung – heute sollen es mehrere tausend sein. Unterdessen ist das im Gesetz vorgesehene System für Herstellung und Vertrieb von medizinischem Cannabis unter staatlicher Aufsicht offenbar noch nicht etabliert. Deshalb ist Deutschland noch auf Importe, insbesondere aus den Niederlanden, angewiesen. Hier hakt es aber offenbar mit dem Nachschub.

Verschreibung von Cannabis ist legal - doch wenige Ärzte tun es

Ein weiteres Problem ist: Cannabis wird zwar in der Theorie als Medikament anerkannt – doch gibt es offenbar sehr wenig Ärzte, die es in der Praxis auch verschreiben. „Die Vorurteile gegenüber der Heilpflanze ziehen sich noch immer durch die gesamte Gesellschaft“, sagt Rüdiger Klos-Neumann. „Dabei ist es für Schmerzpatienten, die zum Beispiel an Multipler Sklerose, Krebs, Endometriose oder anderen chronischen Krankheiten leiden, oft die einzige Lösung für ein schmerzarmes Leben.“

Keine Medikamente mehr nötig - gegen Nebenwirkungen von anderen

Patienten, die auf die regelmäßige Einnahme von medizinischem Cannabis angewiesen seien, fühlten sich von Politik und Gesundheitssystem allein gelassen, kritisiert Klos-Neumann, der seine eigene Krankheit zum Anlass genommen hat, sich auch beruflich mit dem Thema zu beschäftigen. Der Geschäftsführer des Berliner Medienunternehmens „sens media“ arbeitet seit Jahren gegen eine Stigmatisierung von Cannabis. Bevor Klos-Neumann seine Schmerzen mit Cannabis lindern konnte, musste er Cortison und Opiate einnehmen – und weitere Medikamente, um die massiven Nebenwirkungen dieser Hauptpräparate zu bekämpfen. Heute nimmt er nur noch ein einziges Medikament: Cannabis – als Kapseln mit dem Essen und per Inhalation als Aerosol.

Das am 10. März 2017 in Kraft getretene Gesetz regelt in Deutschland den Einsatz von Cannabisarzneimitteln als Therapiealternative bei schwerwiegenden Erkrankungen in medizinisch begründeten Einzelfällen und erweitert die Möglichkeiten zur ärztlichen Verschreibung. Bedingung dafür ist, dass nach Einschätzung des behandelnden Arztes diese Mittel spürbar positiv den Krankheitsverlauf beeinflussen oder dessen Symptome lindern. Dies kann insbesondere in der Schmerztherapie der Fall sein oder bei bestimmten schweren chronischen Erkrankungen.

Kontrollierter Anbau durch staatliche "Cannabis-Agentur"

Cannabis für medizinische Zwecke soll künftig unter der Kontrolle einer staatlichen „Cannabisagentur“ erzeugt, vertrieben und an Endverbraucher abgegeben werden. Diese Agentur ist beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Berlin angesiedelt. Sie kontrolliert Anbau, Ernte, Verarbeitung, Qualitätsprüfung, Lagerung, Verpackung sowie die Abgabe an Großhändler und Apotheker oder Hersteller. Der Anbau erfolgt durch Unternehmen, die in einem europaweiten Ausschreibungsverfahren ausgewählt und von der Cannabisagentur beauftragt werden. In dem Verfahren werden nach Auskunft des BfArM alle arzneimittel- und betäubungsmittelrechtlichen Vorgaben berücksichtigt.

Foto: © 123rf.com (Gabe123)

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