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20.08.2019

Lernen: So wird Wissen abgespeichert und abgerufen

Lernen ist ein komplexer Vorgang. In einem neuen Animationsfilm wird anschaulich erklärt, wie Wissen abgespeichert wird, wie es wieder abgerufen werden kann und was beim Lernen hilft.
Gedächtnisinhalte sind in einem Netzwerk aus Synapsen hinterlegt

Gedächtnisinhalte sind in einem Netzwerk aus Synapsen hinterlegt

Vieles, was wir einmal gelernt haben, haben wir vergessen. Oder können wir es nur nicht abrufen? So wie die Vokabeln einer Sprache oder den Satz des Pythagoras?

Jeder Mensch kennt die Situation, wenn ihm plötzlich etwas nicht mehr einfällt, was er sonst stets im Gehirn abrufbar hatte. Das sei noch kein Grund zur Sorge, meint Prof. Dr. Ingrid Ehrlich vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung. „Es ist oft schwer herauszufinden, ob etwas wirklich vergessen oder nur so gut versteckt ist, dass wir die erlernte Information nicht mehr so einfach abrufen können“, sagt die Hirnforscherin. Dass etwas vermeintlich Vergessenes doch nicht ganz verschwunden ist, zeigen Untersuchungen: Beim nochmaligen Lernen lernt man schneller.

Wie funktioniert unser Gedächtnis?

Doch wo verdammt hat sich das Wissen versteckt und warum lässt es uns manchmal im Stich? Fragen rund ums Lernen und das Abspeichern und Abrufen von Wissen beantwortet ein neuer animierter Erklärfilm der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung „Nichts vergessen – wie funktioniert unser Gedächtnis?“

Danach ist das Gehirn kein geordnetes Ablagesystem mit Inhaltsverzeichnis. Vielmehr ist ein Sammelsurium aus viele Milliarden Nervenzellen im Gehirn für die Speicherung von Informationen verantwortlich Die Informationen selbst werden in Gruppen („Ensembles“) aus mehreren Nervenzellen hinterlegt. Sind die Neuronen fast gleichzeitig aktiv, kann die Information abgerufen werden, die in diesem Ensemble abgespeichert ist.

 

Im Gehirn gibt es nicht den einen Speicherort

„Man kann sich diese Ensembles wie verschiedene Freundeskreise vorstellen. Denn jede einzelne Nervenzelle kann nicht nur zu einer Gruppe gehören, sondern gleichzeitig zu sehr vielen verschiedenen“, heißt es im Film. Wie bei echten Freundschaften gelte daher auch beim Lernen: Je öfters man gemeinsam aktiv ist, desto besser ist die Beziehung. Bei jeder Aktivierung eines Ensembles werden die Verbindungen zwischen den einzelnen Neuronen gestärkt und damit das Gelernte stabiler. Mit jeder Wiederholung einer Information rückt demnach ein bestimmter Freundeskreis in unserem Gehirn etwas enger zusammen. Und wenn man eine Information zum ersten Mal hört, entsteht quasi eine neue neuronale Freundschaft.

Werde eine „neuronale Freundschaft“ über lange Zeit nicht gepflegt, könne dies durchaus zu einem tatsächlichen Vergessen führen, sagt Hirnforscherin Ehrlich.  „Wie im richtigen Leben können auch im Gehirn Verbindungen verblassen und regelrecht abgebrochen werden“, sagt sie. Das Gehirn schaffe sich damit Platz für andere Informationen. Abgebrochen können die Verbindungen aber auch durch andere Einflüsse werden, etwa durch langanhaltenden Stress.

Junge Gehirne lernen schneller

Dass junge Menschen schneller und effektiver neues lernen als ältere bestätigt die Neurowissenschaftlerin. Der Grund: Während der Entwicklung eines Organismus, also in jungen Jahren, sind die Synapsen – die Schaltstellen der Nervenzellen, die für die Verbindungen untereinander zuständig sind – veränderlicher als in späteren Jahren. Wissenschaftler nennen das auch synaptische Plastizität.  „Im Alter geht man davon aus, dass synaptische Plastizität nicht mehr so einfach auszulösen ist oder nicht mehr optimal funktioniert“, sagt Prof. Ehrlich.

Trotzdem kann man auch im Alter noch neues Lernen. Für Alt und Jung gilt gleichermaßen, dass das Wie und die Lernumgebung dabei eine große Rolle spielt. „Ich kann nur etwas gut behalten, wenn ich es auch gut lerne“, sagt Prof. Ehrlich.

Schlaf festigt Erlerntes

Manch einer kann mit Musik im Hintergrund gut lernen, ein anderer braucht eine bestimmte Umgebung. Was hilfreich für ist, muss jeder selbst ausprobieren.

Mit einer Ausnahme: Wissenschaftlich erwiesen ist, dass das vor dem Schlafengehen Erlernte im Schlaf gefestigt wird. „Unser Gehirn ist nicht inaktiv im Schlaf, sondern vielmehr verarbeitet und konsolidiert es wichtige Informationen, die langfristig abgespeichert werden sollen“, weiß Prof. Ehrlich. Dies passiere durch die Wiederholung der Aktivitätsmuster der Nervenzellen und derjenigen neuronalen Ensembles, die sich vorher im Wachzustand durch Lernen gebildet haben. Schlaf ist also eines der einfachsten Hausmittel für gutes Lernen.

„Nichts vergessen – wie funktioniert unser Gedächtnis?“ mit Dr. Mondino unter: https://youtu.be/uqN5MnMuhik

Foto: 190617_HERTIE_Mondino_Thumbnails_Lernen_2.jpg

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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