Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
12.11.2020

Leben auf dem Bauernhof schützt Kinder vor Asthma

Millionen Kinder erkranken bereits in jungen Jahren an Asthma. Bauernhofkinder haben dabei ein geringeres Asthmarisiko als Kinder, die nicht auf einem Bauernhof leben. Warum das so ist, haben Forscher nun herausgefunden.
Bauernhof, Kinder, Asthma

Das Leben auf dem Bauernhof kann vor Asthma und Allergien schützen. Forscher haben nun entschlüsselt, warum das so ist.

Dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, seltener an Asthma erkranken als andere, ist bekannt. Warum dies so ist, konnte hingegen noch nicht genau entschlüsselt werden. Schon länger besteht allerdings die Vermutung, dass die Schutzwirkung der bäuerlichen Umgebung mit dem Mikrobiom des Darms zu tun hat. Das konnten nun Forscher des Helmholtz Zentrums München und des Dr. von Haunerschen Kinderspitals der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) bestätigen. Sie entdeckten Zusammenhänge zwischen der bäuerlichen Umgebung und dem Darmmikrobiom der Kinder.

Reifung des Darmmikrobioms im frühen Kindesalter entscheidend

Schon in früheren Studien hatten die Münchner Wissenschaftler gezeigt, dass ein vielfältiges Umweltmikrobiom zu einer Schutzwirkung vor Asthma führt. Dies konnte besonders bei Bauernkindern beobachtet werden. Die Forschungsgruppe untersuchte nun, ob dieser Effekt auf den Reifungsprozess des Darmmikrobioms bei Kindern zurückzuführen sein könnte.

Dazu analysierten die Forscher Stuhlproben von mehr als 700 Kindern im Alter von zwei bis zwölf Monaten, die teilweise auf traditionellen Bauernhöfen aufwuchsen. „Wir stellen fest, dass ein vergleichsweise großer Teil der Schutzwirkung des Bauernhofs vor Asthma im Kindheitsalter auf die Reifung des Darmmikrobioms im ersten Lebensjahr zurückzuführen ist“, erklärt Dr. Martin Depner, Biostatistiker am Helmholtz Zentrum München, und stellt weiter fest: „Dies deutet darauf hin, dass Bauernhofkinder mit Umweltfaktoren, wahrscheinlich Mikrobiota, in Berührung kommen, die mit ihrem Darmmikrobiom interagieren und diesen Schutzeffekt herbeiführen.“

 

Nähe zu Tieren schützt vor Asthma

Zuvor waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, dass vor allem die Ernährung zur Reifung des Darmmikrobioms beiträgt. Überrascht waren sie, als sie feststellten, dass auch bauernhofspezifische Einflüsse wie der Aufenthalt in Tierställen einen starken Einfluss auf die Reifung hatten. Für die Zeit der ersten zwei Lebensmonate trugen eine vaginale Geburt und Stillen des Kindes ebenfalls zur Schutzfunktion des Mikrobioms bei.

Darüber hinaus stellten die Forschenden eine inverse Assoziation von Asthma mit der gemessenen Konzentration von Butyrat im Stuhl fest. Butyrat ist eine kurzkettige Fettsäure, von der bekannt ist, dass sie bei Mäusen eine asthmaschützende Wirkung hat. Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass Darmbakterien wie Roseburia und Coprococcus, die kurzkettige Fettsäuren produzieren, auch beim Menschen zum Asthmaschutz beitragen könnten. Kinder mit einem ausgereiften Darmmikrobiom wiesen im Vergleich zu anderen Kindern eine höhere Menge an Roseburia- und Coprococcus-Bakterien auf.

Darmgesundheit beeinflusst auch die Lunge

„Unsere Studie liefert weitere Hinweise darauf, dass der Darm einen Einfluss auf die Gesundheit der Lunge haben kann. Die Atemwege der untersuchten Kinder wurden durch ein ausgereiftes Darmmikrobiom mit einem hohen Gehalt an kurzkettigen Fettsäuren geschützt. Dies spricht für die Idee einer relevanten Darm-Lungen-Achse beim Menschen“, sagt Dr. Markus Ege, Professor für klinisch-respiratorische Epidemiologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital.

Die Studie zeigt weiterhin, dass es kein einziges Bakterium gibt, das alleine für den Asthmaschutz verantwortlich ist. Vielmehr ist die Reifung des gesamten Darmmikrobioms der Schlüsselfaktor. Diese Erkenntnis stellt den Einsatz einzelner Bakterien als Probiotika zur Asthma-Prävention in Frage. Vielmehr sollten Probiotika im Hinblick auf ihre nachhaltige Wirkung auf die Zusammensetzung des Darmmikrobioms und dessen Reifung geprüft werden.

Foto: Adobe Stock / stefano

Foto: ©stefano - stock.adobe.com

Autor: anvo
Hauptkategorien: Medizin , Umwelt und Ernährung
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Asthma , Kinder
 

Weitere Nachrichten zum Thema Asthma

20.01.2021

Neben Umwelt- und Ernährungseinflüssen ist offenbar auch die menschliche Genetik ein zentraler Faktor für die Besiedlung des Körpers mit Bakterien. Kieler Wissenschaftler konnten jetzt einen Zusammenhang nachweisen zwischen der genetischen Veranlagung für bestimmte Blutgruppen und der Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms. Das kann bestimmte Krankheiten verhindern helfen oder begünstigen.

 

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Kopfbälle gehören zu den coolsten Spieltechniken im Fußball – doch sie haben ihren Preis. Eine Studie aus Schottland zeigt: Das Risiko für Profifußballer, später an neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer oder Demenz zu erkranken, ist dreieinhalb mal so hoch wie bei der Allgemeinbevölkerung. Ein Spielertyp ist besonders in Gefahr.


Viele Eltern meinen es gut, wenn sie vor ihren Kindern über eine Demenz bei deren Großeltern nicht sprechen. Sie wollen sie nicht belasten. So schwer es für Kinder ist, diese Erkrankung zu verstehen – so sehr spüren sie, dass etwas nicht stimmt. Experten raten deshalb zu einer kindgerechten Offenheit.
 
Interviews
Aducanumab ist das erste in den USA zugelassene Medikament, das die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques zum Verschwinden bringt. Aber kann der neue monoklonale Antikörper mit dem Handelsnamen Aduhelm auch den Gedächtnisverlust stoppen? Und warum ist die Notfallzulassung in den USA durch die US-Food and Drug Administration (FDA) so umstritten? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem Neurologen und Alzheimer-Experten Prof. Johannes Levin vom LMU Klinikum München gesprochen.

Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.

Logo Gesundheitsstadt Berlin