. Bahnlärm

Lärm macht krank: Studie weist Gefäßschäden nach

An Verkehrslärm kann man sich vielleicht gewöhnen, doch der Körper leidet "im Stillen". Dass Bahnlärm die Blutgefäße schädigt und somit ein ebenbürtiger Risikofaktor wie Diabetes oder Rauchen ist, zeigt nun eine aktuelle Studie aus Mainz.
Gefäße wie bei einem Raucher: Studie belegt die gesundheitlichen Auswirkungen von Bahnlärm

Gefäße wie bei einem Raucher: Studie belegt die gesundheitlichen Auswirkungen von Bahnlärm

Wenn nachts Züge am Haus vorbeirattern, ist das nicht besser als wenn Flugzeuge übers Dach donnern. Der Körper verzeiht keinen den Lärm. Die schädigende Wirkung von Fluglärm hatten Wissenschaftler der Uniklinik Mainz bereits in Feldversuchen von 2011 bis 2015 zeigen können. Danach führte simulierter nächtlicher Fluglärm bei gesunden und herzkranken Probanden zu einem erhöhten Stresshormonspiegel und schlechtem Schlaf. Bei den Herzkranken verschlechterte sich überdies die koronare Herzerkrankung.

Studie untersucht Effekte von Bahnlärm auf die Gefäße

Jetzt hat sich das Team um den Kardiologen Prof. Thomas Münzel den Bahnlärm vorgeknöpft. Das Augenmerk lag auf der Gefäßfunktion. Simuliert wurde nächtlicher Bahnlärm mit 65 dB(A) Spitzenlärmpegeln und bis zu 54 dB(A) mittleren Schalldruckpegeln bei 30 bis 60 Zügen pro Nacht. Bei Probanden, die dieser Geräuschkulisse ausgesetzt waren, kam es zu einer substanziellen Verschlechterung der Endothelfunktion, das ist ein etablierter Parameter, um Frühstadien der Gefäßverkalkung (Atherosklerose) festzustellen. Gleichzeitig wurden im Blut der Probanden Veränderungen der Eiweiße in Richtung Thrombose und Entzündung festgestellt. Dies könnte das erhöhte Risiko für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkt und Herzschwäche erklären, meint Studienleiter Thomas Münzel.

 

Vom Ausmaß der Gefäßschädigung überrascht

„Wir waren vom Ausmaß der Gefäßschädigung überrascht“, sagt der Kardiologe. „Denn diese Veränderungen der Gefäßfunktion sehen wir normalerweise nur bei Patienten mit ausgeprägten Risikofaktoren wie hohem Cholesterin, Diabetes oder bei Rauchern.“

Die veränderte Gefäßfunktion konnte allerdings durch die Gabe von Vitamin C deutlich verbessert werden. Nach Ansicht der Studienautoren spricht dieser Fund dafür, dass freie Radikale eine wichtige Rolle als Verursacher des Gefäßschadens spielen. Eine therapeutische Bedeutung hätten die Vitamin C-Ergebnisse jedoch nicht, da dessen Wirksamkeit bei kontinuierlicher Anwendung verlorengehe. „Die signifikanten Änderungen in den Blutplasmaspiegeln von 31 Proteinen, die überwiegend für prothrombotische, pro-oxidative und pro-inflammatorische Prozesse verantwortlich sind, sind alarmierend“, betont Münzel.

Gesundheitspolitische Konsequenzen gefordert

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt mittlere Schallpegel für die Nacht von 44 dB(A) (Lnight), da bei höheren Schallpegeln mit Schlafstörungen und mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu rechnen ist. In vielen Teilen des Rhein-Main-Gebiets, wo auch die beiden Studien stattfanden, werden diese Werte jedoch deutlich überschritten. So werden im Mittelrheintal bis zu 130 Züge pro Nacht, Spitzenschallpegel bis zu 90 dB(A) und mittlere Schallpegel von circa 60 dB(A) gemessen.

Die Autoren sehen daher politischen Handlungsbedarf: „Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass nächtlicher Bahnlärm aufgrund der negativen Auswirkungen auf die Gefäßfunktion einen wichtigen Herz-Kreislauf-Risikofaktor darstellt - und das muss gesundheitspolitische Konsequenzen haben.“

Originalpublikation:
Acute exposure to nocturnal train noise induces endothelial dysfunction and pro-thromboinflammatory changes of the plasma proteome in healthy subjects. Basic Research in Cardiology.

Foto: pixabay

Autor: ham
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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