. Interview

„Künstliche Intelligenz wird den demografischen Wandel definitiv erleichtern“

Welche Chancen bietet Künstliche Intelligenz (KI) bei der Bewältigung des demografischen Wandels? Darüber hat Gesundheitsstadt Berlin mit dem KI-Forscher Dr. Norbert Reithinger gesprochen. Ein Fazit: Bei der Akzeptanz neuer technischer Systeme gibt es in Deutschland noch Luft nach oben.
Dr. Norbert Reithinger, Künstliche Intelligenz, DFKI

Dr. Norbert Reithinger

Dr. Reithinger, können Sie uns eine kurze Definition von Künstlicher Intelligenz geben?

Reithinger: Künstliche Intelligenz oder KI ist ja ein Begriff, der mit allen möglichen Vorstellungen aufgeladen ist – manche davon stimmen, andere nicht. Allgemein gesagt bezeichnet der Begriff solche Vorgänge, die sich zuvor nur vom menschlichen Verstand vollziehen ließen und sich nun automatisieren oder mechanisieren lassen. Was wir konkret als KI bezeichnen, ist dabei durchaus wandelbar. Denn unter Künstlicher Intelligenz verstehen viele Menschen Leistungen von Computern, die besonders überraschend oder neuartig sind. Einer der Urväter der KI-Forschung, John McCarthy, hat den Satz geprägt: Wenn es funktioniert, ist es keine KI mehr.

Aber was macht die KI dann genau aus? Ist es nur die schnelle Rechenleistung, mit der ein Computer mehr Daten in kürzerer Zeit zusammenfassen kann als ein Mensch?

Reithinger: Nein, KI ist durchaus mehr. Zum einen kann sie tatsächlich eine große Menge von Daten schnell miteinander verbinden. Sie kann diese aber auch klassifizieren. Und sie kann dabei aus den Daten dazulernen.

Wie macht sich die Medizin das zunutze?

Reithinger: Mit Künstlicher Intelligenz können heute beispielsweise schon Krankheiten schneller und besser erkannt werden. So können KI-basierte Systeme anhand von Bildern erkennen, ob es sich bei bestimmten Hautveränderungen um Krebs handeln könnte und auch, um welche Art von Krebs. Dazu muss aber natürlich vorher bereits eine sehr große Menge an Daten gesammelt und in das System eingespeist worden sein. Und natürlich wird die Definition dafür, um welche Krankheit es sich bei bestimmten Bildmerkmalen handeln könnte, von Medizinern vorgegeben. Es ist auch ein verbreitetes Missverständnis, dass KI-Systeme selbständig „denken“ könnten. Sie können lernen, sind aber nicht wirklich kreativ.

Bei welchen Krankheiten kommt Künstliche Intelligenz bereits zur Anwendung?

Reithinger: Angewendet wird Künstliche Intelligenz heute insbesondere in der Radiologie und der Dermatologie, aber auch beispielsweise bei der Diagnose Seltener Erkrankungen. Hier kann sie die Ärzte schon sehr gut unterstützen.

Sie selbst beschäftigen sich ja mehr mit der Frage, inwieweit Systeme mit Künstlicher Intelligenz ältere Menschen im Alltag unterstützen können. Welche Projekte konnten Sie bereits entwickeln?

Reithinger: Wir haben in Kooperation mit Firmen und Kliniken verschiedenste Projekte entwickelt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Unterstützung der Rehabilitation zu Hause. Hier haben wir unter anderem Informationssysteme entwickelt, die nur durch Sprache gesteuert werden können – was besonders wichtig ist, wenn jemand in seiner Mobilität und Motorik eingeschränkt ist. Ein weiteres Beispiel ist das Projekt LeVer – Lernen gegen das Vergessen -, das wir in Zusammenarbeit mit der Charité entwickelt haben. Dabei handelt es sich um ein Computerspiel, das die kognitiven Fähigkeiten trainiert. Besonders wichtig ist es bei solchen Anwendungen, dass sie von Senioren auch wirklich genutzt werden können. So fehlt bei der Nutzung von Smartphones und deren Touchscreens älteren Menschen oft die Kraft oder die Koordination zur Bedienung. Hier hilft ein spezielles Interface, das dazu beiträgt, dass Menschen trotz verschiedener Einschränkungen – beispielsweise in der Sehkraft oder bei der Beweglichkeit der Finger – diese Programme nutzen können.

Welche weiteren Möglichkeiten bietet die KI?

Reithinger: Ich denke, dass vor allem Sprachsteuerungen immer wichtiger werden. Es gibt aber auch ganz andere, sehr interessante Anwendungsmöglichkeiten – beispielsweise Sensoren, die besondere emotionale Zustände oder Stress bei Personen erkennen.

Woran arbeiten Sie im DFKI zurzeit?

Reithinger: Gerade haben wir das Programm ViRST (Virtual Reality für Schmerztherapie) in der Entwicklung. Dabei handelt es sich um ein Spiel, mit dem – auch wiederum mit sprachlicher Interaktion – das Schmerzgedächtnis beeinflusst werden kann. Wir entwickeln hier die technischen Grundlagen und arbeiten eng mit Ärzten und Patienten zusammen. Die ersten Usability-Tests waren erfolgreich und im Winter soll das System in die praktische Testphase gehen. Zurzeit arbeiten wir noch daran, ein Stresserkennungssystem einzubauen. Das heißt, dass während des Spiels der Stresslevel des Anwenders gemessen und sich das Spiel dann entsprechend anpassen soll.

Wie werden diese Anwendungen in der Praxis angenommen?

Reithinger: Das ist tatsächlich oft gar nicht so einfach. So entsteht beispielsweise bei den sogenannten Smart Home-Systemen oft die Frage, wer die Kosten tragen soll. Im Gegensatz zu Medikamenten ist es schwierig, diese Anwendungen ins Abrechnungssystem der Krankenkassen zu überführen. Hinzu kommt in Deutschland eine gewisse Skepsis gegenüber technischen Neuerungen. Wenn wir beispielsweise nach Japan schauen, können wir sehen, dass man dort schon sehr viel weiter ist. So ist dort der Einsatz von Robotern bei der Betreuung von Senioren schon sehr verbreitet. Dabei geht es nicht unbedingt um den vielbeschworenen Pflegeroboter. Vielmehr dienen die „Robbies“ auch einfach der Unterhaltung und dem Spiel.

Warum sind wir in Deutschland Ihrer Meinung nach bei solchen Themen oft so zurückhaltend?

Reithinger: Ich denke, das ist vor allem eine Frage der kulturellen Einstellung. Da gibt es oft die Vorstellung, die Roboter sollen die Menschen ersetzen. Doch darum geht es ja gar nicht. Roboter bzw. KI-Systeme sollen ja immer nur der Unterstützung dienen. Es geht darum, den Menschen zu helfen, nicht darum, eine Maschine zu bauen, die die „Macht“ über uns übernimmt oder alle persönlichen Kontakte ersetzt. Daher würde ich mir etwas mehr Offenheit gegenüber diesen Themen wünschen.

Wie sieht Ihr Blick auf die Zukunft aus? Sind Sie optimistisch, dass Künstliche Intelligenz tatsächlich den demografischen Wandeln erleichtern wird?

Reithinger: Ich bin da in der Tat sehr optimistisch. Natürlich werden viele Entwicklungen noch Zeit brauchen. Woran wir jetzt forschen, kommt vielleicht in zehn Jahren auf den Markt. Doch ich sehe in der KI großes Potenzial, den Alltag sowohl der Patienten als auch der Pflegekräfte und der pflegenden Angehörigen zu erleichtern. Dazu gehören beispielsweise Roboter als Haushaltshilfen oder Systeme zur Unterstützung bei der Mobilität. Und dazu wird es viele kleine Assistenzsysteme geben, die das Leben leichter machen und neue Freiheiten eröffnen.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Dr. Norbert Reithinger ist leitender Wissenschaftler und Research Fellow am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).

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