Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
24.07.2020

Krebsmedikament könnte gegen Alzheimer helfen

Für die Behandlung der Alzheimer-Demenz gibt es nach wie vor keine wirksamen Therapien. In einer Phase-II-Studie wurde nun das Krebsmedikament Nilotinib an Patienten getestet. Es könnte gegen die neurodegenerative Erkrankung helfen.
Alzheimer, Demenz, Vergesslichkeit, Gedächtnisverlust

Ein Medikament gegen Leukämie fördert den Abbau schädlicher Proteinablagerungen im Gehirn

Für die Behandlung der Alzheimer-Demenz stehen wirksame Therapien nach wie vor aus. In einer Phase-II-Studie wurde nun das Krebsmedikament Nilotinib an Patienten getestet. Es könnte gegen die neurodegenerative Erkrankung helfen. Das meldet die Deutsche Gesellschaft für Neurologie.

Nilotinib wird bislang für die Behandlung einer bestimmten Form der Leukämie eingesetzt. Es ist ein sogenannter Tyrosinkinase-Inhibitor. Er blockiert bestimmte Schritte im Stoffwechsel der Krebszellen und hemmt ihr Wachstum. 

Nilotinib reduziert Proteinablagerungen

Bei der Alzheimer-Erkrankung kommt es zur Produktion von fehlerhaften beziehungsweise fehlgefalteten Proteinen (Beta-Amyloid, Tau-Protein), welche sich im Gehirn in Form von Plaques oder als faserartige Fibrillen ablagern.

Im Alzheimer-Tiermodell reduzierte Nilotinib die Proteinablagerungen und förderte deren Abbau. In einer klinischen Phase-II-Studie wurden nun randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert die Sicherheit und Verträglichkeit der Substanz und die Wirkung auf verschiedene Alzheimer-Biomarker am Menschen untersucht. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Annals of Neurology.

 

Leichte bis mittelgradige Alzheimer-Demenz

37 Patienten (davon 27 Frauen) zwischen 50 und 85 Jahren (im Mittel 70,7 Jahre) mit leicht bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz wurden zunächst stabil auf eine einheitliche medikamentöse Therapie eingestellt (Acetylcholinesterase-Hemmer, Galantamin, Rivastigmin oder Donepezil).

Das Gehirn wurde mit Positronen-Emissions-Tomographie und MRT untersucht, auch wurden Proben der Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) genommen. Die Patienten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt und erhielten über 26 Wochen entweder einmal täglich oral 150 mg Nilotinib, gefolgt von 300 mg täglich für weitere 26 Wochen - oder Placebo.

Krebsmedikament könnte gegen Alzheimer helfen

Ergebnis: Die PET-Bildgebung zeigte, dass in der Nilotinib-Gruppe die Amyloid-Plaques im Frontallappen des Gehirns gegenüber der Placebogruppe signifikant zurückgegangen waren. Im Liquor waren relevante Konzentrationen von Nilotinib nachweisbar. Außerdem sanken die Konzentration von Beta-Amyloid-40 nach sechs Monaten und von Beta-Amyloid-42 nach 12 Monaten deutlich ab.

Auch die Tau-Protein-Menge (Phospho-Tau-181) war nach sechs und 12 Monaten rückläufig und der Volumenverlust des Hippocampus, eine Hirnregion die für das Gedächnis wichtig ist, war im MRT-Bild nach 12 Monaten um 27 Prozent geringer ausgeprägt als in der Placebogruppe. Das Krebsmedikament könnte also gegen Alzheimer helfen.

Tendenz zu besseren kognitiven Werten

Nilotinib wurde gut vertragen. Mit 300 mg gab es allerdings mehr Nebenwirkungen (besonders Stimmungsschwankungen) als mit 150 mg. Schwere unerwünschte Ereignisse gab es in der Nilotinib-Gruppe nicht, in der Placebogruppe traten bei drei Patienten insgesamt fünf Ereignisse auf (Rhabdomyolyse, Bronchitis, Hypotonie, Schwindelattacke).

Schwere kardiale Nebenwirkungen (wie sie in der Onkologie unter 600 mg/d beschrieben sind) gab es nicht. Tests wie der MMST (Mini-Mental-Status-Test) und ADAS-Cog (Alzheimer's Disease Assessment Scale) zur Objektivierung kognitiver Fähigkeiten (Orientierung, Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit/Rechenfähigkeit, Sprache) zeigten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen, jedoch eine Tendenz zu besseren Werten in der Nilotinib-Gruppe.

Frühere Erkrankungsstadien

"Diese relativ kleine Studie hat zunächst in erster Linie Sicherheit, Verträglichkeit und Effekte von Nilotinib auf Alzheimer-Biomarker untersucht - und das erfolgreich", so Prof. Richard Dodel, Geriater und Neurologe an der Universität Duisburg-Essen, in einer Pressemitteilung der DGN.

"Die Studie hatte jedoch zu wenige Patienten beziehungsweise war nicht dazu konzipiert, um eine Verlaufsbeurteilung der Demenz zu ermöglichen. Dennoch hoffen wir darauf, dass sich der positive Trend hinsichtlich der kognitiven Tests künftig in großen klinischen Studien bestätigen lässt. Möglicherweise muss man die Patienten in noch früheren Erkrankungsstadien behandeln, um langfristig krankheitsmodifizierende Vorteile zu sehen."

Foto: Adobe Stock/Rido

Autor: bab
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Alzheimer
 

Weitere Nachrichten zum Thema Alzheimer

Bei einer vaskulären Demenz kommt es zu einem langsamen, aber fortschreitenden Verlust von geistigen Fähigkeiten, ausgelöst durch Gefäßveränderungen und Durchblutungsstörungen im Gehirn. Zu den Risikofaktoren gehören Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Diabetes mellitus, Übergewicht, Bewegungsmangel und Rauchen.

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Sie wiegen so viel wie unser Gehirn und viel mehr als unser Herz – und sind genauso lebenswichtig: die Darmbakterien. Sie verdauen unser Essen, entsorgen Giftstoffe und schützen uns als Teil des Immunsystems vor Krankheitserregern. Mit seiner Ernährung hat es der Mensch selbst in der Hand, ob er dieses unsichtbare „Organ“ schwächt – oder stärkt.

Für Babys ist liebevolle Berührung existenziell: um sich geborgen zu fühlen, physisch und psychisch zu gedeihen und später normale Beziehungen eingehen zu können. Zwischenmenschliche Berührung wirkt auf sie wie ein sanftes Arzneimittel: Sie verlangsamt den Herzschlag, baut Stress ab und führt im Körper zu Entspannung.

 
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin