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Krebsdiagnose auf Augenhöhe

Mittwoch, 24. September 2014 – Autor:
Kommunikationstrainings für Ärzte sind in Deutschland nicht verpflichtend. Dabei könnten Ärzte eine Menge lernen, wie sie Patienten eine lebensbedrohliche Erkrankung nahebringen. Heidelberger Ärzte und Psychologen bieten seit Jahren ein freiwilliges Training für Krebsmediziner an.
Krebsdiagnose auf Augenhöhe

Ärzte können eine effektive Gesprächsführung trainieren

In vielen Ländern gehören Kommunikationstrainings bereits zur Facharztweiterbildung, in Deutschland sind sie bislang nicht verpflichtend. Doch gerade bei lebensbedrohlichen Erkrankungen kommt es auf den richtigen Ton und die Wortwahl an, aber auch auf ein gewisses Maß an Empathie. Ein extremes Beispiel von misslungener Kommunikation schildert die Schriftstellerin Charlotte Link in ihrem soeben erschienen Buch „Sechs Jahre“. Einige, nicht alle, Ärzte beschreibt Link darin als vollkommen emotionslos. Mit unfassbarer Brutalität habe die Ärztin ihrer damals 41-jährigen Schwester, Mutter zweier kleiner Kinder, die Krebsdiagnose überbracht und ihren baldigen Tod verkündet.

KoMPASS: Standards setzen wie in England oder der Schweiz

Die Problematik ist bekannt, jedoch alles andere als gelöst. Um Ärzte besser auf schwierige Gespräche vorzubereiten, haben Ärzte und Psychologen der Universität Heidelberg bereits vor sechs Jahre ein Kommunikationstraining speziell für Krebsmediziner entwickelt. Es heißt KoMPASS und bedeutet ausgeschrieben „Kommunikative Kompetenz zur Verbesserung der Arzt-Patienten-Beziehung durch strukturierte Fortbildung.“ Die Schulungen werden in Heidelberg und mittlerweile an sechs weiteren Krebszentren in Deutschland angeboten. Die Heidelberger Experten wollen damit nach eigener Auskunft an Standards anschließen, wie sie etwa in England und der Schweiz bereits mit Erfolg etabliert sind. „Eine effektive Gesprächsführung kann und muss man lernen", sagte die Leiterin des Projekts Dr. Monika Keller von der Universitätsklinik für Psychosomatische und Allgemeine Klinische Medizin Heidelberg auf dem Fachsymposium patientenzentrierte Kommunikation am 19. September in Heidelberg. Ein Gespräch auf Augenhöhe schaffe Vertrauen und genau darauf seien gerade Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen angewiesen, um sich besser mit der belastenden Therapie arrangieren sowie Angst und Stress abbauen zu können.

 

Studie belegt Wirksamkeit des Trainingsprogramms

So lernen die Ärzte in den Schulungen zum Beispiel, wie man eine niederschmetternde Diagnose überbringt. Welche Nachrichten dem jeweiligen Patient in diesem Moment zumutbar sind, welche Informationen er braucht, was er überhaupt noch aufnehmen kann. Wie mit Angst, Trauer oder Wut der Patienten und Angehörigen umzugehen ist. In den praxisnahen Trainings üben die Teilnehmer in kleinen Gruppen mit erfahrenen Lehrern und speziell ausgebildeten Schauspielern, die in die Rolle von Patienten oder Angehörigen schlüpfen.

„Eine auf den Patienten ausgerichtete Kommunikation ist gerade in Zeiten zunehmend komplexer – und für den Patienten häufig nur schwer überblickbaren – Untersuchungsverfahren und Therapien entscheidend für eine hohe Versorgungsqualität“, meinte Keller. Auch für die Ärzte sei das Training eine große Entlastung. Eine wissenschaftliche Begleitstudie mit 325 Ärzten habe zudem belegt, dass das Trainingsprogramm umsetzbar und vor allem auch wirksam sei.

Foto: © Dan Race - Fotolia.com

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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