. Gerichtsurteil zur Fernbehandlung

Krankenkasse muss Kosten für telemedizinische Behandlung nicht übernehmen

Krankenkassen müssen die Kosten für eine neuartige Videotherapie für Babys nicht übernehmen, solange der Gemeinsame Bundesausschuss die Methode nicht empfohlen hat. Das hat das Sozialgericht Berlin entschieden.
Ferndiagnosen und Fernbehandlung im Sozialrecht

Telemedizinische Fernbehandlung beschäftigt nun auch die Gerichte.

Die Mutter muss die Kosten die für die telemedizinische Entwöhnung ihres Babys von der Sondennahrung angefallen sind, selbst tragen, so die Entscheidung des größten deutschen Sozialgerichts. Ein Anspruch auf Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung bestehe nicht, weil es sich um eine neuartige Behandlungsmethode handele, die vom zuständigen Gemeinsamen Bundesausschuss noch nicht geprüft und anerkannt worden sei. Die Krankenkasse übernehme Kosten nur für anerkannte Behandlungsmethoden, so das Gericht.

Im Zuge technischer Neuerungen gibt es immer mehr Behandlungsmethoden, bei denen der direkte Kontakt zwischen Arzt und Patient durch internetbasierten Austausch ersetzt wird. Das gilt etwa für Untersuchungen und Beratungen mittels Videotechnik oder per Email.

Ferndiagnose und Fernbehandlung sind im Kommen

Seit April dieses Jahres sind zwar Videosprechstunden in eng begrenzten Fällen als ergänzende Behandlungsmethode im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zugelassen. Das gilt jedoch nicht für alle Formen der Telemedizin. Für eine Anerkennung in der GKV ist eine Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses nötig.

Im konkreten Fall ging es um die Fernbehandlung eine Säuglings, der 2015 mit einer Fehlbildung der Speiseröhre zur Welt kam. Das Baby musste mehrfach operiert werden, bevor die Fehlbildung erfolgreich behandelt war. Währenddessen wurde es durch eine Sonde ernährt. Als das Baby auf normale Nahrungsaufnahme umgestellt werden sollte, reagierte es mit Würgereiz und Erbrechen.

Die Mutter organisierte für das Kind ab November 2016 die Teilnahme an einem von der Universität Graz entwickelten telemedizinischen Sonden-Entwöhnungsprogramm. Bei diesem Netcoaching werden betroffene Familien rund um die Uhr durch ein Team aus Ärzten und Therapeuten auf telemedizinischem Weg betreut. Der Patient bleibt zuhause und die Betreuung erfolgt durch Videoanalysen mittels täglicher Cybervisiten und Beratungen per email. Dafür fielen Kosten von 4360 Euro an.

Krankenkasse lehnte Kostenübernahme für Fernbehandlung ab

Die Techniker Krankenkasse hatte die Kostenübernahme unter Verweis darauf abgelehnt, dass der Gemeinsame Bundesausschuss für diese Behandlungsmethode noch keine positive Empfehlung ausgesprochen habe und es andere, bereits anerkannte Behandlungsmethoden gebe. Dagegen klagte die Mutter. Sie verwies darauf, dass die telemedizinische Behandlung im häuslichen Umfeld die beste und auch kostengünstigste Lösung sei. Außerdem gab sie an, dass ein weiterer Klinikaufenthalt den Kläger psychisch erheblich belastet und großer Ansteckungsgefahr ausgesetzt hätte.

Mit seinem Urteil vom 11. Juli 2017 (Aktenzeichen: S 81 KR 719/17) hat das Sozialgericht Berlin die Klage abgewiesen und die Auffassung der Krankenkasse bestätigt. Prägend für das Netcoaching ist nach Auffassung des Gerichts, dass die Eltern die Sondenentwöhnung durchführen und Ärzte und anderes Fachpersonal sie dabei mit modernen Kommunikationsmitteln anleiten und überwachen. Das Gericht räumte ein, dass es vorteilhaft und sicher auch deutlich preiswerter als ein Krankenhausaufenthalt sei, dass die Behandlung im häuslichen Umfeld erfolge. Es verwies aber auch auf Risiken, weil die Ärzte den Patienten nicht selbst untersuchten und bei etwaigen Komplikationen auch nicht sofort einschreiten könnten.

Foto: style-fotography – fotolia.com

Hauptkategorie: Gesundheitspolitik
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Telemedizin , Krankenkassen

Weitere Nachrichten zum Thema Gerichtsurteil zur Fernbehandlung

| Fast 50 Prozent der Deutschen würden gerne eine Videosprechstunde nutzen. Ärzte sind jedoch eher skeptisch. Worauf diese unterschiedlichen Einschätzungen beruhen, wollte nun die Bertelsmann-Stiftung durch eine Umfrage herausfinden.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Zu viel Salz reduziert die Anzahl der Milchsäurebakterien im Darm. Dadurch können verschiedene Krankheiten entstehen. Das hat eine Studie eines internationalen Forscherteams gezeigt, die jetzt im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht wurde.
Über die vorbeugende Wirkung von Vitamin D wird schon länger diskutiert. Eine Meta-Studie fand keinen Effekt bei Leiden wie Diabetes oder Krebs. Das Vitamin könnte aber Erkältungskrankheiten verhindern und Asthmatikern helfen.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender

KZV Berlin, großer Sitzungssaal, Georg-Wilhelm-Straße 16, 10711 Berlin
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Prof. Hendrik Streeck leitet Deutschlands erstes Institut für HIV-Forschung am Universitätsklinikum Duisburg-Essen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem US-Rückkehrer über sein größtes Ziel gesprochen: eine präventive Impfung gegen HIV.
Die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern der Homöopathie sind verhärtet. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Homöopathie-Kritikerin Dr. med. Natalie Grams über wissenschaftliche Prinzipien und den verbreiteten Wunsch nach medizinischen Alternativen gesprochen.
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.