. Interview

Körperzellen aus dem Labor

Interview mit Vilma Siodla, Vorstand der co.don AG
Vilma Siodla

Vilma Siodla

Sie regenerieren defektes Knochen- und Knorpelgewebe: Körpereigene Zellen, die in Speziallaboren zu körpereigenen (autologen) Zelltransplantaten gezüchtet werden. Die Teltower co.don® AG gehört zu den Pionieren des so genannten "Tissue Engineering". Mit Vilma Siodla, Vorstand der co.don AG, sprach Beatrice Hamberger.

Die co.don® AG produziert körpereigenes Ersatzgewebe. Ein Schwerpunkt ist die Regeneration von Bandscheiben. Können Sie damit den vielen Menschen, die an Rückenschmerzen leiden, helfen?

Rückenschmerzen können natürlich vielfältige Ursachen haben, deshalb ist die genaue Diagnose unbedingt durch einen Facharzt zu stellen. Wenn feststeht, dass der Rückenschmerz durch eine abgenutzte Bandscheibe verursacht wird, dann kann man eine körpereigene Zelltransplantation in Betracht ziehen.

Erklären Sie uns bitte, was eine Knorpelzelltransplantation genau ist?

Der erste Schritt ist ein minimal invasiver Eingriff, bei dem der Arzt ein Gewebestück der Bandscheibe entnimmt. Dabei handelt es sich in der Regel um die Entfernung eines sogenannten Bandscheibenvorfalls. Dieses schickt er samt einer Blutprobe des Patienten in unser Labor. In hermetisch abgeriegelten Produktionseinheiten isolieren wir dann die Zellen aus der Gewebeprobe und vermehren sie unter sterilen Bedingungen - ohne Zusatz künstlicher Stoffe. Nach etwa drei bis vier Wochen ist das körpereigene Bandscheibenzelltransplantat fertig. Der Arzt injiziert es dem Patienten, und zwar unter örtlicher Betäubung, eine Vollnarkose ist nicht notwendig.

Was passiert anschliessend mit der Bandscheibe?

Sie müssen wissen: Eine stark verschlissene Bandscheibe kann ihre Stossdämpferfunktion nicht mehr erfüllen, weil sie an Höhe und wasserbindende Stoffe verloren hat. Allein könnte die Bandscheibe das verloren gegangene Gewebe nicht wieder aufbauen und der Verschleiss würde sich fortsetzen. Durch die Injektion des patienteneigenen Knorpelzelltransplantats wird der Verschleiss stark verzögert und bestenfalls sogar gestoppt. Es wächst eigenes Bandscheibengewebe nach und die Bandscheibe regeneriert sich. Dieser Prozess dauert ungefähr zehn Wochen, dann ist der Patient in der Regel wieder voll belastungsfähig.

Verstehen Sie die Bandscheibenzelltransplantation als Alternative zu einer herkömmlichen Operation?

Eine Operation, also die alleinige Entfernung des Bandscheibenvorfalls, kann die Degeneration der Bandscheibe nicht aufhalten. Insofern bieten wir den Patienten eine Therapie mit echtem Mehrwert an. Im Übrigen produzieren wir nicht nur Bandscheibengewebe. Die erste Transplantation im Bereich der Gelenkknorpel lag im Kniebereich.

1997 wurde erstmals die Knorpelzelltransplantation an einem Kniegelenk durchgeführt. Wohin hat sich diese Technik weiterentwickelt?

Mittlerweile haben sich die Indikationen auf Sprunggelenk, Hüfte und Schultergelenk erweitert. Inzwischen wurden mit Hilfe unserer Transplantate auch die ersten Knorpelzelltransplantationen an Ellenbogen durchgeführt. So konnte beispielsweise das zertrümmerte Radiusköpfchen eines verunglückten Motorradfahrers vollständig heilen. Und natürlich arbeiten wir ständig an Indikationserweiterungen. Auch das Kniegelenk verfügt über unterschiedliche Knorpelflächen mit konkaven und konvexen Strukturen. Unser dreidimensionales Produkt bietet als nahezu einziges die Möglichkeit, alle Gelenkflächen zu rekonstruieren. Zu den nächsten geplanten Indikationen gehören die Züchtung von Gelenksknorpeln kleinerer Gelenke und die Behandlung von Arthrose unter Anwendung von Tissue Engineering Produkten.

Kann man Arthrose heute schon mit einer autologen Knorpelzelltransplantation behandeln?

Bislang ist das noch nicht möglich. Aber man kann die Entstehung einer Arthrose mit einer solchen Therapie heute schon vermeiden. Denn von einem Verschleiss durch Abnutzung ist zunächst der Knorpel betroffen. Wenn man hier rechtzeitig eingreift und sich der Knorpel mit Hilfe einer körpereigenen Knorpelzelltransplantation regeneriert, kann der Patient vor einer Arthrose bewahrt werden. Aber wie gesagt: Wir sind dabei, auch Behandlungsmöglichkeiten bei fortgeschrittener Arthrose zu entwickeln.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen der Züchtung von Gelenkknorpel und Bandscheibengewebe?

Die technischen Verfahren unterscheiden sich, aber alle Produkte, auch die Knochenzelltransplantate, werden in unserer Integrierten Isolator-Technik-Anlage (IIT) - einem Reinraum im Reinraum - hergestellt. Zur Züchtung von Gelenkknorpel haben wir die körpereigene dreidimensionale Knorpelzelltransplantation (ACT3D) entwickelt, das ist ein weltweit einzigartiges Verfahren. Hierbei werden aus dem operativ entnommenen Gelenkknorpelgewebe gesunde Zellen isoliert und zu einem 3-dimensionalen Knorpelzelltransplantat namens co.don chondrosphere® hergestellt. Der Herstellungsprozess dauert etwa sechs Wochen. Dann appliziert der Arzt dem Patienten die 1 mm grossen Knorpelzellaggregate. Das Besondere am ACT3D Verfahren ist neben der Möglichkeit der arthroskopischen Applikation, dass die Knorpelzellaggregate bereits nach 15 bis 20 Minuten am Defektgrund haften bleiben. Eine Naht oder zusätzliche Verklebung ist nicht notwendig.

Nach dem Arzneimittelgesetz handelt es sich bei Ihren Produkten um Medikamente. Wie autolog bzw. körpereigen sind Ihre Medikamente eigentlich?

co.don® verarbeitet ausschliesslich menschliches Ausgangsmaterial, nämlich Gewebe und Blut. Das sind die Stoffe, aus denen wir körpereigene Zelltransplantate für jeden einzelnen Patienten individuell herstellen, ohne Verwendung von Antibiotika, Wachstumsfaktoren oder gentechnischen Methoden. Es gibt zwar Konkurrenzprodukte, die sich auch als "autolog" bezeichnen, aber sie werden zum Teil unter Zuhilfenahme tierischer Zusätze und Proteine hergestellt. Somit sind sie nicht zu 100 % körpereigen und nicht frei von einer möglichen Abstossungsreaktion. Wir legen grossen Wert darauf, dass unsere zellbasierten Medikamente rein autolog sind, sprich, dass die Ausgangsstoffe ausschliesslich aus dem Körper des Empfängers stammen.

Die co.don® AG liefert ihre Produkte auch ins Ausland ...

Wir haben sogar schon Australien und Singapur beliefert. Dank der validierten Logistik ist das transporttechnisch kein Problem. Noch sind wir aber in Deutschland am stärksten auf dem Markt; in Österreich, Italien, Griechenland, Spanien und Belgien haben wir bereits Vertriebspartner. Nach erfolgreichem Abschluss des zentralen Zulassungsverfahrens bei der EMEA werden wir ganz Europa beliefern.

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Stress löst bei der Fruchtfliege (Drosophila melanogaster) einen depressionsartigen Zustand aus. Dieser ließ sich durch Lithium oder Zucker beheben. Dies ergab eine Studie von Neurobiologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Vom Hepatitis C Medikament Sovaldi ist eine Fälschung auf den deutschen Markt gelangt. Das BfArM warnt davor, die Tabletten einzunehmen. Patienten können die Fälschung leicht erkennen: Die Filmtabletten sind weiß statt gelb.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender

ZV Berlin, großer Sitzungssaal, Georg-Wilhelm-Straße 16, 10711 Berlin
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.
Kinder, Job – und Reha? Mit der „Berufsbegleitenden Rehabilitation“ passt alles unter einen Hut, meint Christoph Gensch von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Im Interview verrät der Reha-Experte, was es mit dem neuen Modellprojekt auf sich hat.