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17.09.2021

Klimawandel: Immer mehr Fälle von Hitzekollaps, Pollenallergie, Borreliose und Hautkrebs

Selbst im klimatisch gemäßigten Mitteleuropa lässt der Klimawandel bestimmte Krankheiten und Notfälle schon jetzt sprunghaft ansteigen. Das ergibt sich aus einer Analyse der BKK-Nordwest von Versicherten- und Klimadaten aus dem zurückliegenden Jahrzehnt. Und offenbar ist dies erst der Anfang.
Thermometer mit transparenter Skala bis 50 Grad vor blitzender Sommersonne.

Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der klimasensiblen Erkrankungen in Deutschland spürbar angestiegen.

Manche Wissenschaftler sehen im Klimawandel eine Bedrohung für die Gesundheit und das Leben der Menschheit, die in ihren Dimensionen die Corona-Pandemie womöglich noch übertrifft. Eine aktuelle Analyse der BKK-Nordwest von Versicherten- und Klimadaten zeigt: Obwohl der Klimawandel gerade erst Fahrt aufnimmt, zeigen bei bestimmten Krankheiten und Notfällen die Kurven der Fallzahlen schon jetzt deutlich nach oben.

„Viel näher an Klimawandelfolgen dran, als viele glauben“

„Die Auswertung zeigt das Ausmaß und dass wir viel näher an den negativen Folgen des Klimawandels dran sind, als viele glauben", sagt Matthias Augustin vom Institut für Versorgungsforschung (IVDP) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), der an der Studie mitwirkte.

 

Dreimal so viele Hitze-Notfälle wie 2011

Das vergangene Jahrzehnt war das wärmste seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Höhere Jahresdurchschnittstemperaturen und Sommer mit Extremhitze verursachen oder verstärken der BKK-Studie zufolge ein ganzes Bündel unterschiedlicher Typen von Krankheiten beim Menschen. „Der Anstieg der Temperaturen und die Häufung sehr heißer Sommer hat im vergangenen Jahrzehnt zu mehr Hitzekollapsen, Dehydrierungen, Borreliose-Infektionen und Pollenallergien geführt“, heißt es in einem Bericht der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), der aus der aktuellen Studie des BKK-Landesverbands Nordwest zitiert.

Der Vergleich der Daten von rund zehn Millionen BKK-Versicherten aus dem gesamten Bundesgebiet mit Klimadaten zeigt demnach einen drastischen Anstieg etwa von Hitzschlägen und Hitzekollapsen in den besonders heißen Sommern 2015, 2018 und 2019. Auf 100.000 Versicherte kamen von April bis September 2019 im Bundesschnitt 120 Fälle solcher Hitze-Notfälle – fast dreimal so viele wie 2011. Jeder Behandlungsfall kostete die Kasse im Schnitt 6.512 Euro.

Wegen Hitze ins Krankenhaus: Kinder und Alte besonders betroffen

Auch nahmen die Klinikeinweisungen von dehydrierten Patienten zu, also von Menschen, deren Organismus in behandlungsbedürftiger Weise ausgetrocknet war. Säuglinge, Kleinkinder und Alte ab 75 waren hiervon besonders betroffen. In Nordrhein-Westfalen gab es im Rekordsommer 2018 mit 1.064 Einweisungen je 100.000 Versicherte die bundesweit meisten Fälle von gefährlichem Flüssigkeitsmangel, der stationär behandelt werden musste. Erst im Juni hatte eine andere Studie der AOK und des Klimaforschungsinstituts MCC ergeben: Jeder vierte AOK-Versicherte über 65 Jahre ist an heißen Tagen gesundheitlich so angeschlagen, dass das Krankenhaus zur Debatte steht.

Zeckenbisse: 36 Prozent mehr Borreliosefälle

Um 36 Prozent stieg im zurückliegenden Jahrzehnt die Zahl der durch Zeckenbisse verursachten Fälle von Lyme-Borreliose. Um rund 12 Prozent nahm die Zahl der behandelten Fälle von Pollenallergien („Heuschnupfen“) zu. Grund dafür ist eine durch mildere Winter verlängerte Pollenflugsaison. Für beides machen Mediziner die Erderwärmung verantwortlich. Für Pollenallergiker wächst mit der Pollenmenge zudem die Gefahr, Asthma zu entwickeln, eine chronische Erkrankung der Atemwege.

BKK: Hautkrebs ist „neue Volkskrankheit“

Prozentual am stärksten gestiegen ist im Analyse-Jahrzehnt die Zahl der Hautkrebsfälle: Sie nahm um 74 Prozent zu – auf 6.730 Patienten je 100.000 Versicherte. Der BKK-Landesverband spricht hier von einer „neuen Volkskrankheit". Experten erwarten angesichts der aggressiver werdenden UV-Strahlung in den kommenden Jahren beim weißen und schwarzen Hautkrebs einen weiteren Anstieg der Fälle.

Hitze und Sonne: Spargelanbau, Krankenpflege und Verkauf besonders betroffen

Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage bei ausgesuchten klimasensiblenen Erkrankungen stieg der BKK-Analyse zufolge innerhalb von zehn Jahren in etwa auf das Dreifache an. Ein besonders heftiger Ausschlag nach oben war während der Rekordhitze im Sommer 2018 zu beobachten. Sieht man sich die Betroffenen nach Berufsgruppen an, so zeigt sich der BKK-Analyse zufolge: Am häufigsten erlitten Freilandarbeiter wie Spargelstecher Hitzeschäden. Aber auch Kranken- und Altenpflegekräfte und das Personal im Verkauf waren überdurchschnittlich betroffen.

„Gesundheitswesen nicht gut gegen Klimawandel gewappnet“

„Auch das Gesundheitswesen selbst ist derzeit sprichwörtlich nicht wetterfest, Klimaanpassung ist das Gebot der Stunde“, sagte Dirk Janssen, Chef des BKK-Landesverbands Nordwest, der WAZ. Auch für künftige Hitzewellen seien Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser oft nicht gut genug gewappnet. Der BKK-Landesverbandschef rief deshalb die Einrichtungen der Gesundheitswirtschaft zu mehr Investitionen in den Hitzeschutz der Gebäude auf, um Mitarbeiter und Patienten vor Gesundheitsbelastungen durch Hitze besser zu schützen.

Daten und Fakten zur BKK-Analyse

Für die aktuelle Analyse wurden die Daten von mehr als zehn Millionen BKK-Versicherten bundesweit aus dem Zeitraum 2010 bis 2019 untersucht. Für die Studie ausgewählt wurden Krankheiten, die direkt oder indirekt im Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen zu sehen sind. Für diese Langzeitstudie kooperierte die BKK-Nordwest mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und dem Helmholtz-Zentrum „Hereon“, einer Einrichtung der Spitzenforschung zu Klima, Küste und Technologien in Geesthacht bei Hamburg.

Foto: AdobeStock/Wolfilser

Hauptkategorie: Umwelt und Ernährung
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