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Kleine Hirne, schwache Herzen, krumme Körper: Was Glyphosat mit Tieren macht

Freitag, 25. Februar 2022 – Autor:
Noch bis Ende 2023 darf das Herbizid Glyphosat in Deutschland in Landwirtschaft und Privatgärten versprüht werden, obwohl es als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft worden ist. Eine Studie der Universität Ulm mit Tests an Kaulquappen bestätigt jetzt seine schädliche Wirkung auf Tiere in der Natur und auf die Artenvielfalt. Pestizide gelten als ein Hauptgrund für den Rückgang der Amphibienbestände weltweit.
Kaulquappen: normal entwickelte - und aufgrund von Glyphosat degenerierte.

Kaulquappen des Südafrikanischen Krallenfrosches: Die Behandlung mit einem Glyphosat-basierten Herbizid (GBH) führte während der Embryonalentwicklung der Frösche zu „massiven Fehlbildungen“ (rechts). Unbehandelte Embryonen entwickelten sich im Laborexperiment dagegen normal (links). – Foto: Universität Ulm/Hannah Flach

Pestizide werden seit vielen Jahren in der Landwirtschaft eingesetzt, um die Erträge zu steigern. Sie sollen Unkräuter und Schädlinge beseitigen und so optimale Wachstumsbedingungen für die Nutzpflanzen schaffen. Allein auf Feldern in Deutschland werden jährlich rund 5.000 Tonnen an Pestiziden versprüht, die den umstrittenen Wirkstoff Glyphosat enthalten. Das Unkrautvernichtungsmittel wurde Ende 2017 in der EU erneut zu gelassen, obwohl es zwei Jahre zuvor von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) als beim Menschen „wahrscheinlich krebserzeugend“ eingestuft worden war. Und was bewirkt das bei Tieren?

Glyphosat stört Orientierungssinn bei Bienen

Erwiesen ist, dass Glyphosat bei Bienen Orientierungssinn und Immunsystem stört und damit deren Sterblichkeit erhöht. Weil die Bestände an Amphibien weltweit auffällig schwinden, hat sich jetzt die Universität Ulm mit der Wirkung von Glyphosat auf den Nachwuchs von Fröschen beschäftigt und festgestellt, dass der Pestizidwirkstoff deren Körpern gleich auf vielfältige Art und Weise schädigt.

 

Kaulquappen mit Glyphosat: Schwimmprobleme machen sie zur leichten Beute für Fressfeinde

In ihrer Studie untersuchten die Biologen aus Ulm im Tierexperiment, wie sich unterschiedliche Dosen eines Glyphosat-basierten Herbizids (GBH) auf die Embryonalentwicklung von Amphibien wie dem Südafrikanischen Krallenfrosch auswirken. Dafür analysierten sie im Labor, in welchen Konzentrationen dieser Pestizid-Wirkstoff toxisch wirkt beziehungsweise die Embryonalentwicklung stört. „Dabei traten nicht nur Defekte im Gehirn und im Herzen auf, sondern die Kaulquappen waren auch vermindert schwimmfähig, was sie in der Natur anfälliger für Fressfeinde macht“, berichtet Hannah Flach, die Erstautorin der jetzt im Fachjournal „Aquatic Toxicology“ veröffentlichten Studie.

Wie Glyphosat Frosch-Embryonen schädigt

Die Behandlung des Froschlaichs mit einem Glyphosat-basierten Herbizid führte zu folgenden körperlichen Veränderungen (im Vergleich zu den unbehandelten Frosch-Embryonen):

  • zu sichtbar kleineren Augen, Gehirnen, Gehirnnerven und Schädelknorpeln,
  • zu langsamerem Herzschlag,
  • zu kleineren Herz-Vorkammern sowie
  • zu verkürzten und deformierten Körpern.

„Beunruhigend fanden die Naturwissenschaftlerinnen an ihrem Befund, dass die eingesetzten Konzentrationen an Glyphosat, für die Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen beobachtet wurden, nah an jenen liegen, die in einigen Ländern wie Brasilien in kleinen und stehenden Gewässern nachgewiesen wurden“, heißt es in einer Mitteilung der Universität Ulm.

„Pflanzenschutzmittel schaden der Artenvielfalt“

 „Viele Pflanzenschutzmittel sind aus ökologischer Sicht nicht ganz unproblematisch, weil sie nachweislich die Biodiversität beeinträchtigen“, erklärt Susanne Kühl, Biologin vom Institut für Biochemie und Molekularbiologie der Universität Ulm. Das von ihr geleitete Forschungsteam kommt in der Studie zu dem Schluss, „dass Pestizide wie GBH beim weltweiten Rückgang von Amphibienpopulationen durchaus eine tragende Rolle spielen könnten“.

Wissenschaftler: Vorsichtig mit Chemie im Garten

Die Empfehlung der Ulmer Wissenschaftler, um die negativen Auswirkungen von GBH abzumildern: Eine strikte Einhaltung und Überwachung der Grenzwerte sowie eine bessere Ausbildung von Personen, die mit solchen Pflanzenschutzmitteln arbeiten. Ihr Tipp an Leute mit eigenem Garten: „Auch als Privatperson sollte man sich gut erkundigen, bevor man chemische Pflanzenschutzmittel im Garten ausbringt und wenn immer möglich nach Alternativen suchen“, empfiehlt Susanne Kühl, die Leiterin der Studie. In Deutschland ist Glyphosat, wie bereits erwähnt, noch bis Ende 2023 erlaubt. In der EU ist ein Glyphosat-Verbot zumindest in der Diskussion.

Hauptkategorie: Umwelt und Ernährung
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