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Ketamin bei schweren Depressionen: Forscher suchen nach Biomarker

Ketamin ist seit Kurzem als Antidepressivum zugelassen. Welche Patienten darauf ansprechen, weiß man momentan noch nicht. Nun suchen Forscher in einer klinischen Studie nach einem Biomarker.
Wer profitiert von Ketamin? In Deutschland startet eine Studie startet mit 100 scher depressiven Patienten

Wer profitiert von Ketamin? In Deutschland startet eine Studie mit 100 schwer depressiven Patienten

Ketamin gilt als Hoffnungsträger für die Behandlung bei schweren Depressionen und akuter Selbstmordgefährdung. Der Wirkstoff wurde vor kurzem in Form eines Nasensprays zugelassen. Allerdings wirkt er nicht bei jedem: Nur etwa jeder zweite Patient spricht darauf an. Außerdem kann es zu Nebenwirkungen wie einem erhöhten Blutdruck oder vorübergehenden psychoseartigen Symptomen kommen.

Studie startet mit 100 Patienten

Um den Nutzen und die Risiken des Medikaments individualisiert abwägen zu können, sucht ein europäischer Forschungsverbund unter deutscher Federführung nun einen Blutbiomarker für das Ansprechen der Therapie. Das Projekt umfasst eine klinische Studie mit 100 Patienten, die an einer schwer behandelbaren Depression leiden, sowie Untersuchungen an einem Tiermodell. Die Studienpatienten werden an den Universitätskliniken in Jena und Tübingen betreut.

Zu Beginn der Studie werden verschiedene Stoffwechselparameter im Blut der Patienten erfasst und MRT-Messungen des Gehirns durchgeführt. Dabei wird die funktionelle Netzwerkaktivität des Gehirns aufgezeichnet und auch die Konzentration des Botenstoffs Glutamat im Gehirn gemessen. Drei Wochen nach Beginn der Ketamintherapie werden diese Parameter noch einmal abgeglichen.

 

Gehirnstoffwechsel unter der Lupe

Bisherige Untersuchungen belegen den Einfluss von Ketamin auf die einzelnen betrachteten Signalwege und Stoffwechselprodukte, auch werden Veränderungen dieser Hirnbotenstoffe und der Netzwerkkommunikation im Gehirn mit Depression in Zusammenhang gebracht. Das Vorhaben führt diese Ansätze erstmals in einer prospektiven klinischen Studie und mit tierexperimentellen Untersuchungen zusammen. „Wir nutzen modernste Verfahren der Proteomik und Neurobildgebung, um die physiologischen und molekularen Wirkungsmechanismen des Ketamins bei Depression besser zu verstehen. Anhand dessen wollen wir den oder die Parameter identifizieren, die als Biomarker helfen können, den individuellen Nutzen einer Ketamintherapie besser einzuschätzen“, sagt Professor Martin Walter, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Jena.  

In einer anschließenden Studie mit zwei Patientengruppen, die sich hinsichtlich des Biomarkers klar unterscheiden, müsste sich als nächster Schritt der Vorhersagewert des Markers bestätigen. Damit könnte das Verfahren zur Entscheidungsfindung dann in den klinischen Alltag eingeschlossen werden.

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und wird von der EU und dem BMBF im Rahmen des NEURON-Netzwerkes mit 800.000 Euro gefördert.

Ketamin hilft, traumatische Erfahrungen zu überschreiben

Ketamin wurde ursprünglich für Narkosen entwickelt. Der Wirkstoff greift biochemisch in die Informationsübertragung der Hirnzellen ein und kann damit auch die Lernfähigkeit des Gehirns verbessern. Das ist insbesondere bei den sehr schweren Depressionen wichtig, wo sich traumatische oder Angsterfahrungen so tief ins Gedächtnis eingebrannt haben, dass sie nicht so einfach verlernt werden können. Experten gehen davon aus, dass Ketamin das therapeutische Fenster für neue, positive Erfahrungen öffnen kann und lähmende Erinnerungen somit praktisch überschrieben werden.

FOTO: © Adobe Stock/CrazyCloud

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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