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08.01.2020

IQWiG hält PSA-Screening für schädlich

Obwohl Prostaatkrebs die häufigste Krebserkrankung des Mannes ist, wird es in Deutschland wohl kein PSA-Screening geben. In seinem aktuellen Bericht bewertet das IQWIG den Schaden höher als den Nutzen.
Kein PSA-Test für gesunde Männer: Ein PSA-Screening zur Krebsfrüherkennung ist nach Einschätzung des IQWIG nicht sinnvoll.

Kein PSA-Test für gesunde Männer: Ein PSA-Screening zur Krebsfrüherkennung ist nach Einschätzung des IQWIG nicht sinnvoll.

Im Jahr 2017 starben in Deutschland knapp 14.000 Männer an Prostatakrebs. Einige hätten wohl durch ein PSA-Screening gerettet werden können. Im Gegenzug müssen aber deutlich mehr Männer wegen Überdiagnosen und Übertherapie mit dauerhafter Inkontinenz und dauerhafter Impotenz rechnen, und das in relativ jungem Alter. Zu dieser Einschätzung ist das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG) gelangt. Das Institut hatte im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) den Nutzen einer solchen Reihenuntersuchung überprüft. Die Fragestellung lautete, ob Männern ohne Verdacht auf Prostatakrebs innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ein Prostatakarzinomscreening mittels PSA-Test zur Früherkennung angeboten werden sollte.

Nutzenbewertung basiert auf elf Studien

Für die aktuelle Nutzenbewertung hatte das IQWiG elf randomisierte Studien mit mehr als 400.000 Männer zwischen 55 und 70 Jahren analysiert. In allen Studien war das Prostatakarzinomscreening mittels PSA-Test mit keinem Screening auf ein Prostatakarzinom verglichen worden. Die Nachbeobachtungszeit lag zwischen 13 und 20 Jahren.

Nach der Auswertung kommt das IQWiG zu dem Schluss, dass etwa 3 von 1.000 Männern von einem PSA-Screening profitiert hätten, indem es ihnen eine Belastung durch eine metastasierte Krebserkrankung erspart oder verzögert hätte. Obwohl ein PSA–Screening rein statistisch 3 von 1.000 Patienten innerhalb von 16 Jahren vor dem Tod durch ein Prostatakarzinom bewahren würde, bleibe dessen lebensverlängernder Effekt unklar, schreibt das IQWiG. Grund sei, dass in den Studien zwischen Screening-Arm und Kontrollgruppe keine Unterschiede in der Gesamtsterblichkeit sichtbar wurden. Dies hat offenbar mit relativ hohen Alter der Männer zu tun  „Andererseits ist es dadurch aber auch nicht unwahrscheinlich, dass die in der Regel älteren Männer, die durch ein PSA–Screening vor dem Tod durch Prostatakrebs bewahrt werden, ohnehin zu einem vergleichbaren Zeitpunkt an einer anderen Ursache sterben“, heißt es in einer Mitteilung des Instituts.

 

Es gibt einen Nutzen, aber der Schaden ist größer

Warum das IQWiG letztlich keinen Nutzen im PSA-Screening sieht, das wird durch eine hohe Zahl an Überdiagnosen und falsch-positiven Befunde erklärt. Allein die Diagnose einer potenziell tödlichen Erkrankung stelle für die Männer einen Schaden dar, schreiben die IQWiG-Autoren. Hinzu kämen Belastungen durch eine unnötige Prostatabiopsie und eine eigentlich nicht erforderliche Therapie. So müssten nach einer Modellierung drei von 1.000 Männern mit einer dauerhaften Inkontinenz rechnen und 25 von 1.000 Männern drohe eine dauerhafte Impotenz – obwohl sie keinen Krebs hätten. Der Anteil der Screeningteilnehmer, bei denen im Studienverlauf trotz positivem PSA-Test letztlich kein Prostatakarzinom bestätigt wurde, lag zwischen 22 und 26 Prozent. Nach Prostatabiopsien traten in den Studien dabei bei etwa 2 Prozent der Männer Komplikationen auf.

Inkontinenz und Impotenz wegen falschem Alarm

„Screeningmaßnahmen können erhebliche Schäden nach sich ziehen“, erläutert IQWiG-Leiter Jürgen Windeler. „Beim PSA–Screening kommt es insbesondere zu einer beträchtlichen Zahl von Überdiagnosen, die an sich belastend sind, vor allem aber Übertherapien nach sich ziehen und letztlich zu schwerwiegenden und langanhaltenden Komplikationen wie Inkontinenz und Impotenz führen können.“ Daher sollte Männern ohne Verdacht auf Prostatakrebs gegenwärtig kein organisiertes Prostatakarzinomscreening mittels PSA-Test angeboten werden. Diese Einschätzung wird laut IQWiG von nahezu von allen nationalen Gesundheitsbehörden und auch von Fachgesellschaften geteilt.

Autor: ham
Hauptkategorien: Berlin , Gesundheitspolitik , Medizin
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