. Altersgerechte Assistenzsysteme

Intelligente Hilfen fürs Alter haben auch Präventionsfunktion

Forschung, Wirtschaft und Regierungsvertreter erörtern in Berlin neue technikbasierte Lösungen für ein selbstbestimmtes Lebens im Alter. Experten beziffern Marktpotenzial auf 87,1 Milliarden Euro.
Prisma GmbH

Prisma GmbH

Nolens volens werden wir älter. Das sollte aber nicht bedeuten, dass wir auf unsere Eigenständigkeit verzichten. Solange es geht, wollen wir in den eigenen vier Wänden für uns selbst sorgen, aktiv und gesund den Lebensabend verbringen. Vor diesem Hintergrund trafen sich beim 5. "Ambient Assisted Living" Kongress, kurz AAL, in Berlin die führenden Köpfe aus Forschung, Wohnungswirtschaft, IT- und Gesundheitssektor, um altersgerechte Produkte und Dienstleistungen zu erörtern. Mit Hilfe von altersgerechter Technik und neuen Dienstleistungen sollen ältere Menschen ein längeres, selbstbestimmtes Leben in ihrer gewohnten Umgebung geniessen.

Martktpotential AAL

Die Kombination aus der niedrigen Geburtenrate und der steigenden Lebenserwartung in Deutschland eröffnet den Experten zu Folge ein riesiges Marktpotenzial für altersgerechte Assistenzsysteme.  Nach einer gemeinsamen Studie der Universität Vechta, TU Berlin und IEGUS GmbH, die beim AAL Kongress vorgestellt wurde, wird das Umsatzpotenzial für altersgerechte Assistenzsysteme auf 87,1 Milliarden Euro beziffert, wobei 79,4 Milliarden Euro davon auf den Bereich Sicherheit und Privatsphäre entfällt (im Wesentlichen intelligente Schliess- und Alarmsysteme).

Für den Bereich Gesundheit und Pflege, insbesondere Produkte für die Überwachung der Vitaldaten oder Bewegungen von Patienten (Telemonitoring) wird jedoch ein Umsatzpotenzial von lediglich 0,4 Milliarden Euro in den nächsten Jahren geschätzt. "Das geringe Potenzial für Innovationen im Bereich Gesundheit und Pflege ruht daher, dass solche Produkte nicht zur Regelversorgung gehören und die eigene Zahlungsbereitschaft der Patienten oft weniger als 20 Euro pro Monat beträgt", so Professor Uwe Fachinger, Universität Vechta. "Dabei könnte die Regelversorgung mit e-health Lösungen eine Versorgung ermöglichen, die die Ausgaben der gesetzlichen Kassen reduzieren würde."

Prävention

Wer für Leistungen im Gesundheitswesen bezahlen sollte, ist allerdings die Frage. Dr. Axel Viehweger, Minister a.D. und Vorstand des Verbands Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e.V. fordert, dass Assistenzsysteme in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen werden. "Es geht um Prävention." Für Investitionskosten im Wohnungsbereich, die er mit 20 000 Euro pro Wohnung beziffert, sollten die Kosten zwischen dem Staat, Mieter und Vermieter geteilt werden. Die Zahlungsfähigkeit der Patienten / Mieter sieht er mit drei Euro pro Quadratmeter begrenzt. "Nur mit einer Dreiteilung können die 500 000 altersgerechte Wohnungen, die nun fehlen, eingerichtet werden und ein Markt für technische Assistenzsysteme entstehen", so Viehweger.

Einem riesigen Marktpotenzial für technische Assistenzsysteme stehen beachtliche Hemmnisse gegenüber. Neben der Finanzierungsfrage wird das Marktwachstum durch eine mangelhafte Austauschbarkeit der Systeme gehindert. Will der Senior seine Daten für Blutdruck oder ähnliches selbstverfolgen, so muss er momentan pro Gerät eine gesonderte Software besitzen. Laut Dr.-Ing. Stefan Heusinger, Leiter Bereich Standardisierung des Verbands VDE, kann der Markt erst entstehen, wenn eine Normierung vorliegt, sodass die verschiedenen Systeme interoperativ sind. "Patienten kaufen ungern Produkte, die Insellösungen darstellen." 

Trotz Hemmnissen in der Marktentstehung wimmelte der Kongress vor lauter Innovationen und Highlights. Patienten können sich jetzt schon Lösungen im Bereich Telemonitoring von Bosch oder Philips kaufen, die ihn viel stärker mit in die Therapie einbeziehen und zeigen, wie er sein tägliches Verhalten auf seine Krankheit abstimmen kann. Sehr spannend ist ausserdem eine vom BMBF geförderte Technologie namens SensFloor, die in Oberflächen eingebaut wird. SensFloor schaltet Licht, öffnet automatische Türen oder signalisiert unbefugtes Betreten. Im Pflegebereich alarmiert er bei Verlassen des Bettes oder des Zimmers von sturzgefährdeten und dementen Patienten über Rufanlagen oder Funksysteme.

"SmartSenior"

Und damit das Problem der fehlenden Interoperabilität vermindert wird, haben sich 28 Unternehmen mit unterschiedlichen Dienstleistungen und Produkten einschliesslich der Barmer GEK im Rahmen eines Forschungsprojekts des BMBF "SmartSenior" zusammengeschlossen. Durch "SmartSenior" sollte eine integrierte Lösung für das Leben im häuslichen Umfeld entwickelt werden, damit Senioren künftig eine hersteller-unabhängige Visualisierung von Vitaldaten über Mobilgeräte erleben können.

Das neue Technologiefeld "Ambient Assisted Living" wird wie die Stadt Rom nicht über Nacht entstehen. Der Nutzen von altersgerechten Assistenzsystemen für Patienten im Sinne der Prävention und Vermeidung von Krankenhauseinweisungen kombiniert mit der Innovationskraft der Industrie lässt jedoch Experten hoffen, dass das Potenzial dieses Marktes noch realisiert wird.

Hauptkategorie: Demografischer Wandel
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Alter , Altersgerechtes Wohnen , Prävention , Forschung , Demografie

Weitere Nachrichten zum Thema Demografischer Wandel

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.
Kinder suchtkranker Eltern sind besonderen Belastungen ausgesetzt und haben ein hohes Risiko, später selbst eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler über die Situation betroffener Kinder und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten gesprochen.
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.