. Serratien-Keime an der Charité

Infektionsschützer warnen vor schneller Vorverurteilung

Das Risiko schwerwiegender Krankenhausinfektionen lässt sich nicht auf Null senken, sagen Infektionsschützer – und warnen vor einer schnellen Vorverurteilung.
Infektionsschützer warnen vor schneller Vorverurteilung

Den 100prozentigen Infektionsschutz gibt es nicht

Wie berichtet hat es auf zwei Neugeborenen-Intensivstationen am Virchow-Klinikum der Charité und am Deutschen Herzzentrum Mitte Oktober einen Ausbruch von Serratien-Infektionen gegeben. Der Ausbruch scheint aber unter Kontrolle, seit Bekanntwerden habe es keine neuen Fälle gegeben, allen betroffenen Kindern, die jetzt noch behandelt werden, gehe es gut, teilt die Charité mit.

Die Initiative Infektionsschutz hat unterdessen vor schnellen Vorverurteilungen gewarnt und alle „sich als berufen fühlende Personen“ dazu aufgerufen, bei laufenden Ausbruchgeschehen in Deutschland keine pauschalen Verdächtigungen oder vage Spekulationen ohne gründliche Analyse der Faktenlage öffentlich auszusprechen. „Insbesondere Hygieniker sollten ihrer besonderen Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit bewusst sein und nicht in undifferenzierter Weise das Feuer voreiliger Pressemeldungen schüren“, sagt Professor Axel Kramer, Gründungsgmitglied der Initiative Infektionsschutz und ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). „Auch im aktuellen Fall gilt zunächst der Grundsatz der Unschuldsvermutung.“ Das Kolpotieren von Hygienefehlern ohne Kenntnis der Faktenlage missachte diesen Grundsatz und sei einer objektiven Aufklärung nicht dienlich.

Mehrere Medien hatten über schwere Hygienefehler und Schlamperei an der Charité berichtet und sich dabei auf Aussagen eines DGKH-Sprechers berufen. Dabei ist die Ausbruchsursache noch nicht einmal geklärt.

Die Beurteilung möglicher Hygienerisiken sollte erst nach Kenntnis der Faktenlage erfolgen

Selbst durch optimale Einhaltung aller hygienischen Vorschriften und ausreichende Anzahl erfahrener und ausgebildeter Mitarbeiter lasse sich das Risiko schwerwiegender oder sogar tödlicher Krankenhausinfektionen nicht auf Null senken, betonte der Hygieneexperte Axel Kramer. Der EHEC-Ausbruch im vergangenen Jahr und der Fall an der Uniklinik Mainz habe gezeigt, wie viel verbrannte Erde unreflektierte und voreilige Aussagen hinterlassen - ganz zu schweigen von der zusätzlichen seelischen Belastung der Angehörigen.

Zur Erinnerung: Nach dem Tod dreier Säuglinge am Universitätsklinikum Mainz wurde öffentlich über das Mitverschulden der Klinik-Mitarbeiter spekuliert. Die erlösende Nachricht kam für die Mainzer Universitätsklinik erst einige Wochen später: „Uniklinik unschuldig am Tod der Babys“ schrieben die Zeitungen unter Berufung auf die Mainzer Staatsanwaltschaft. Deren Ermittlungen hatten ergeben, dass die Krankheitserreger während des Transports durch Haarrisse in die Infusionsflaschen gelangt waren.

Der Mikrobiologe Alexander S. Kekulé bezeichnete im gestrigen Tagesspiegel die Charité in Sachen Sauberkeit als Klassenprimus und kritisierte „die reflexartige Anklage einiger Fachkollegen, so ein Ausbruch sei nur durch „Schlamperei“ und Missachtung der Vorschriften erklärbar“. Er verwies darauf, dass trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Infektionen nie ganz vermeidbar sind. Möglicherweise hätte die Charité früher reagieren können.

Foto: © Kadmy - Fotolia.com

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