. Interview

Infektionsprävention beginnt im Kopf

Interview mit Prof. Dr. Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin, Charité
Prof. Dr. Petra Gastmeier

Prof. Dr. Petra Gastmeier

Frau Professor Gastmeier, pro Jahr treten in Deutschland ca. 500.000 Krankenhausinfektionen auf. Wäre nicht ein Grossteil davon vermeidbar?

Das Auftreten einer nosokomialen bedeutet nicht automatisch, dass Fehler in der medizinischen Behandlung oder bei der Pflege dafür ursächlich sind und diese Fälle somit vermeidbar wären. Aufgrund eigener Hochrechnungen gehen wir davon aus, dass jährlich ca. 80.000 bis 180.000 Krankenhausinfektionen in Deutschland zu verhindern wären, damit verbunden sind ca. 1.500 bis 4.500 Todesfälle.

Wo liegen denn die meisten Infektionsquellen im Krankenhaus?

Die meisten nosokomialen Infektionen werden durch die körpereigene Flora des Patienten hervorgerufen, etwa durch Erreger auf der Haut, Schleimhaut oder im Darm des Patienten. Insbesondere entlang von so genannten "devices" wie Harnwegkatheter, Gefäßkatheter, Trachealtuben wird für diese Erreger der Weg in normalerweise sterile Körperbereiche bereitet. Auch andere Patienten oder das Personal können die Infektionsquelle von nosokomialen Infektionen sein, beispielsweise ein bisher unbekannter Carrierstatus von Hepatitis B- oder C-Viren oder von S.aureus in der Nase. Gegenstände in der Umgebung der Patienten oder Wasser und Luft sind selten Ursache für die Entwicklung von nosokomialen Infektionen.

Was kann man tun, um nosokomiale Infektionen zu vermeiden?

Der Mensch ist entscheidend für die Infektionsprävention. Eine Krankenhausinfektion kann nur dann zustande kommen, wenn drei Bedingungen vorliegen: Eine Infektionsquelle muss existieren, ein empfindliches Individuum sowie ein geeigneter Übertragungsweg. Deshalb müssen alle Mitarbeiter im Krankenhaus die wichtigsten Infektionswege im Gesundheitswesen kennen und regelmässig alle notwendigen Barrieremassnahmen beachten. In diesem Zusammenhang hat die hygienische Händedesinfektion herausragende Bedeutung, weil die meisten Kontakte zwischen Patienten und Personal über die Hände erfolgen. Verhaltensaspekte haben daher besonderes Gewicht.

Wie die Aktion Sauber Hände zeigt, ist es gar nicht so einfach, Mitarbeiter von der Händedesinfektion zu überzeugen. Was empfehlen Sie Krankenhäusern, um die notwendige Compliance zu erreichen?

Medizinische Einrichtungen sollten regelmässig Fortbildungen zur Infektionsprävention - möglichst auf der Basis der Daten der eigenen Einrichtung - anbieten. Auch mit Hilfe von Checklisten zur regelmässigen Kontrolle der Umsetzung der wichtigsten Präventionsmassnahmen konnten in der letzten Zeit signifikante Präventionserfolge bei Katheter-assoziierten Blutstrominfektionen und postoperativen Wundinfektionen nachgewiesen werden. Um den Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen einen Hinweis zu geben, wo sie im Hinblick auf die Compliance zur Händedesinfektion stehen, hat das Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) 2007 eine zusätzliche Komponente (HAND-KISS) entwickelt, um die Verteilung des alkoholischen Händedesinfektionsmittelverbrauchs pro Patiententag in den einzelnen Institutionen zu erfassen.

Gibt es auch Produkte, die das Entstehen von nosokomialen Infektionen verhindern können?

Manche Entwickler glauben, dass man bereits dann das Entstehen von nosokomialen Infektionen beeinflussen kann, wenn man durch "Innovationen" dazu beiträgt, dass Erreger an bestimmten Oberflächen weniger anhaften können. Beispiele sind Imprägnierungen von Gardinen, Lichtschaltern, Büromaterial oder Türklinken. In entsprechenden Werbematerialien sind Sätze zu finden wie "Türgriffe aus Kupfer helfen, Krankenhauskeime zu bekämpfen" oder "ein eingewirkter medizinischer Silberfaden sorgt für eine antibakterielle Wirkung und bekämpft Mikroorganismen, Bakterien, Pilze und Viren". In der Regel ist das nicht möglich.

Also bieten diese Produkte keine Unterstützung?

Die genannten Innovationen können nicht dazu beitragen, dass man auf die Händedesinfektion vor und nach Patientenkontakt verzichtet, um die Übertragung von Infektionserregern von einem Patienten zum anderen zu vermeiden. Wegen der Suggestion eines verminderten Infektionsrisikos und damit möglicherweise entstehender Nachlässigkeit bei den gezielten und regelmässig notwenigen Präventionsmassnahmen sind solche "Innovationen" eher abzulehnen. Aber es gibt auch sinnvolle Innovationen, die helfen, nosokomiale Infektionen zu reduzieren.

Welche sind das?

Sinnvoll sind beispielsweise diagnostische Tests zur schnellen Erkennung von Patienten, die als Infektionsquelle für andere Patienten infrage kommen, etwa zur schnellen Identifizierung von MRSA-Carriern. Aber auch auf dem Gebiet der Informationstechnik wurden in den letzten Jahren einige interessante Produkte eingeführt, z.B. um die Mitarbeiter regelmässig an die Einhaltung bestimmter Standards zu erinnern und Daten für Entscheidungen zur Infektionsprävention schnell und systematisch bereitzustellen. Auch E-learning-Instrumente zur Fortbildung sind in diesem Zusammenhang unbedingt zu nennen. Dennoch bleiben die Möglichkeiten von Innovationen bei der Infektionsprävention begrenzt. Entscheidend bleibt der Faktor Mensch.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Weitere Nachrichten
Die Geburtskliniken in Deutschland leisten nach Wahrnehmung der Frauen, die dort entbunden haben, insgesamt gute Arbeit. Es gibt jedoch deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Kliniken. Deshalb sollten werdende Eltern bei ihrer Klinikwahl gezielt vergleichen.
Regelschmerzen sind für viele Frauen bis zu einem gewissen Punkt normal. Werden sie jedoch unerträglich, kann eine Endometriose dahinterstecken, eine chronische Erkrankung, die zur Unfruchtbarkeit führen kann. Die Diagnose ist schwierig, und auch die Therapie kann kompliziert sein.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Kliniken
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.
Kinder, Job – und Reha? Mit der „Berufsbegleitenden Rehabilitation“ passt alles unter einen Hut, meint Christoph Gensch von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Im Interview verrät der Reha-Experte, was es mit dem neuen Modellprojekt auf sich hat.