. AOK Krankenhaus-Report

In deutschen Kliniken wird mehr operiert

Immer häufiger greifen Ärzte in Deutschland zum Skalpell. Laut Krankenhaus-Report der AOK hat sich die Zahl der Wirbelsäulen-Operationen seit 2005 verdoppelt. Experten bemängeln schon lange ökonomische Fehlanreize und fordern Qualität statt Masse.
Zahl der Operationen steigt weiter an

Krankenhaus-Report zeigt auffällige Mengenentwicklungen

Deutschlands Kliniken haben im vergangenen Jahr so viele Patienten behandelt wie nie zuvor. 18,3 Millionen Behandlungen verzeichnet der AOK-Krankenhausreport. Damit steigt die Zahl der Krankenhausfälle seit dem Jahr 2005 kontinuierlich an. Bis zum Jahr 2011 kamen 1,8 Millionen Fälle hinzu. Entsprechend ist auch die Zahl der operativen Eingriffe gestiegen, insbesondere in lukrativen Bereichen.

Mehr Operationen

Viele Operationen seien unnötig und würden nur erbracht, damit die Kliniken ihre Einnahmen verbesserten, kritisierten die Herausgeber des von AOK-Bundesverband und Wissenschaftlichem Institut der AOK (WIdO) erstellten Berichts. „Die Mengenentwicklungen vollziehen sich vor allem in denjenigen Fallgruppen, die wirtschaftlichen Gewinn versprechen", erklärte Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) und Mitherausgeber des Krankenhaus-Reports. So zeigt der neue Krankenhaus-Report beispielsweise, dass sich die Zahl der Wirbelsäulenoperationen bei AOK-Versicherten zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt hat. Die steigende Anzahl an Operationen in Kliniken lasse sich nicht allein mit medizinischem Bedarf erklären.

Im Zeitraum von 2007 bis 2011 gingen fast 50 Prozent der Fallzahlentwicklung auf Erkrankungen des Muskel-Skelett- und des Kreislaufsystems zurück.

"Diese Entwicklung kann einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft nicht gleichgültig sein. Jede Operation ist auch ein erhebliches Gesundheitsrisiko für den einzelnen Patienten. Umso wichtiger ist es, dass alle Operationen aus einer klaren medizinischen Indikation heraus stattfinden", unterstrich Professor Dr. Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie e. V. (DGOOC).

 

Krankenhaus-Report

Der Krankenhaus-Report belegt außerdem, dass bei bestimmten Eingriffen am Herzen, den Defibrillatorimplantationen und -wechseln, die Menge allein zwischen den Jahren 2008 und 2010 um 25 Prozent gewachsen ist. Laut Krankenhaus-Report sind bei diesen Fällen nur etwa zehn Prozent des beobachteten Anstiegs auf die demografische Entwicklung zurückzuführen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft widersprach dieser Darstellung. Sie verweist auf eine eigene Studie mit dem Ergebnis, dass es zwar deutlich mehr Operationen gebe. Der Anstieg gehe aber auf die steigende Zahl der Älteren und den medizinischen Fortschritt zurück. „Eine generelle Diffamierung der Krankenhausmitarbeiter und eine haltlose Verunsicherung vieler Patienten sind folglich zurückzuweisen", heißt es in der Erhebung. Zwar seien ökonomische Fehlanreize nicht zu leugnen. Doch gerade bei den in die Kritik geratenen zahlreichen künstlichen Hüft- und Kniegelenken sowie den Herzschrittmachern und Herzkatheter-Eingriffen gebe es eine solide Indikationsstellung.

Die AOK hat unterdessen einen rigideren Qualitätswettbewerb angekündigt: „Die enorme Mengenentwicklung bei Krankenhausbehandlungen darf nicht dazu führen, dass unnötig operiert wird oder dass die Qualität nicht stimmt. Unser Ziel ist es, Versicherte besser zu schützen", sagte Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes, am Freitag, 7. Dezember. Deshalb werde die AOK in Zukunft wissenschaftlich fundierte Qualitätsinformationen intensiver nutzen, um Patienten bei der Klinikwahl zu unterstützen. In Zukunft müsse es zudem möglich sein, nachweislich schlechte Qualität nicht zu bezahlen.

Foto: © Bergringfoto - Fotolia.com

Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Chirurgie , Mengenentwicklung , Wirbelsäule
 

Weitere Nachrichten zum Thema Krankenhäuser

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
Der Gesundheitsweise Professor Ferdinand Gerlach über das neue Gutachten des Sachverständigenrates und warum die Kluft zwischen Praxen und Kliniken überwunden werden muss.
 
. Weitere Nachrichten
Ein Medikament gegen COVID-19 mit durchschlagender Wirkung gibt es nach wie vor nicht. Seit Beginn der Pandemie richteten sich Hoffnungen auf verfügbare antivirale Medikamente wie gegen HIV oder Malaria. Auch der Ebola-Wirkstoff Remdesivir ist darunter. Obwohl der Hersteller dessen Wirksamkeit auch gegen Corona beteuert, entthront jetzt eine MPI-Studie ein weiteres Mal das Präparat.
FFP2-Masken können zu Virenschleudern werden. Doch Wegwerfen muss nicht unbedingt sein. Die Masken können auch desinfiziert und wiederverwendet werden. Bloß auf das richtige Desinfektionsverfahren kommt es an.
Ladenkassen, Empfangstresen, Schalterhallen in Banken oder Behörden: Beschäftigte an Orten mit Kundenverkehr sind einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Am Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) haben Klimatisierungsexperten jetzt eine Art Luftdusche entwickelt, die potenziell infektiöse Raumluft von solchen Arbeitsplätzen fernhalten soll: durch einen virusfreien Luftstrom von oben.
 
 
. Interviews
Unter dem Stichwort der „harm reduction“ werden E-Zigaretten vielfach als weniger gefährlich bezeichnet als herkömmliche Zigaretten und sogar zur Raucherentwöhnung empfohlen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Darstellung deutlich. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Pneumologen Professor Wulf Pankow über die Gefahren durch E-Zigaretten und geeignete Methoden für den Rauchentzug gesprochen.
Der klassische Medikationsprozess im Krankenhaus ist fehleranfällig. Untersuchungen untermauern das. Dabei könnte die Digitalisierung die Arzneimitteltherapie wesentlich sicherer machen. Das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) hat schon vor Jahren auf ein Closed Loop Medication Management umgestellt. Gesundheitsstadt Berlin hat mit UKE-Krankenhausapothekerin PD Dr. Claudia Langebrake über die Vorteile des digitalen Medikationsprozesses gesprochen.
Hitzewellen sind eine reale Gefahr für die Gesundheit und lassen die Mortalitätsrate ansteigen. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Freiburg, Prof. Dr. Andreas Matzarakis, über Hitzewarnsysteme und die Auswirkungen von Hitzewellen auf unsere Gesundheit gesprochen.