. Hirntumorinformationstag in Berlin

Immuntherapie oder Tumorstammzelltherapie? Was Hirntumorexperten in der Pipeline haben

Immuntherapien gegen Krebs wecken riesige Hoffnungen. Auch Hirntumorpatienten könnten profitieren. Der neue Ansatz befindet sich allerdings noch im experimentellen Stadium und muss sich erst einmal gegenüber anderen Verfahren behaupten.
Immuntherapie oder Tumorstammzelltherapie? Was Hirntumorexperten in der Pipeline haben

Lichtblicke in der Hirntumortherapie: Immuntherapien werden gerade getestet, die Tumorstammzelltherapie ist noch Zukunftsmusik

Kaum zu glauben: Weltweit laufen augenblicklich 2.000 Studien, in denen verschiedenste Verfahren zur Bekämpfung von Hirntumoren getestet werden. Darunter befinden sich Medikamentencocktails wie CUSP 9 von Ulmer Hirntumorforschern, die photodynamische Therapie, das Nanothermverfahren und sogar Ernährungsansätze wie die ketogene Diät oder der Pflanzenstoff Curcumin. Was am Ende von diesen innovativen Ansätzen übrig bleibt, darüber wollen Mediziner nicht spekulieren. Es gelte, die endgültigen Studienergebnisse abzuwarten, hieß es von Expertenseite auf dem 35. Hirntumorinformationstag der Deutschen Hirntumorhilfe am 18. Oktober in Berlin. Doch ein Ansatz scheint sich aus dem bunten Sammelsurium herauszukristallisieren: die Immuntherapie - jenes Konzept, das sich beim Kampf gegen Krebs das körpereigene Abwehrsystem zu Nutze macht und mittlerweile bei nahezu allen Krebserkrankungen große Hoffnungen weckt.

Impfungen und Checkpoint-Inhibitoren gegen das Glioblastom sind experimentelle Verfahren

Beim Melanom habe man schöne Erfolge gesehen, meinte etwa Professor Oliver Grauer vom Hirntumorzentrum des Universitätsklinikums Münster. „Gut denkbar, dass die Immuntherapie auch bei den schwer zu behandelnden Glioblastomen eine Option werden kann“, sagte der Neuroonkologe vorsichtig. Auf seiner Power Point Folie hatte er die Immuntherapie allerdings schon als vierte Säule aufgemalt; ganz rechts neben dem klassischen Trio Operation, Chemotherapie und Bestrahlung.

Derzeit müssen sich die neuen immuntherapeutischen Ansätze allerdings allesamt noch in klinischen Studien beweisen. Weder eine Zelltherapie mit dendritischen Zellen noch eine Impfung mit Peptiden oder eine medikamentöse Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren, die zu den beachtlichen Erfolgen beim schwarzen Hautkrebs geführt haben, ist augenblicklich einfach so zu haben. Der in Heidelberg entwickelte, viel beachtete Impfstoff gegen IDH1-mutierte Gliome geht zum Beispiel gerade erst in eine klinische Studie der Phase 1.

Immuntherapien

Immuntherapien sind experimentelle Therapien und ein Zugang ist augenblicklich nur über klinische Studien möglich, stellten die Hirntumorexperten auf dem Berliner Hirntumorinformationstag klar. Dass die dendritische Zelltherapie mittlerweile auf dem freien Markt angeboten wird, steht auf einem anderen Blatt. „Man sollte sich immer fragen, was da überhaupt für Zellen verwendet werden“, warnte Oliver Grauer und gab zu verstehen, dass die Herstellung einer dendritischen Zelltherapie äußert komplex ist und nur Studienzentren vorbehalten bleiben sollte. Erste Studienergebnisse zur dendritischen Zelltherapie beim Glioblastom-Rezidiv zeigen, dass vor allem jüngere Patienten profitieren und die Therapie gut vertragen wird. Die Hoffnung, das Gesamtüberleben zu verlängern hat sich bislang allerdings nicht bestätigt.

Ausblick: Die Tumorstammzelltherapie könnte das Tumorwachstum endgültig stoppen

Auf jeden Fall bleibt es spannend, welche Therapie unter den 2.000 Studien das Rennen macht. Vielleicht wird es ja auch eine gänzlich neue Methode. Derzeit würden nur die Tumorzellen, nicht aber die Tumorstammzellen behandelt, gab Dr. Martin Misch von der neurochirurgischen Klinik der Charité auf dem Hirntumorinformationstag zu bedenken. Dabei wisse man inzwischen, dass genau diese Vorläuferzellen den Tumor am Leben erhalten und wahrscheinlich auch für Rezidive verantwortlich sind. Der Neurochirurg und Spezialist für neuroonkologische Chemotherapien sieht deshalb in der Tumorstammzelltherapie ein riesiges Potenzial – auch wenn sie derzeit noch in den Kinderschuhen steckt. „Wir beginnen gerade zu verstehen, wie Tumorstammzellen funktionieren und werden diese Zellen eines Tages auch behandeln können“, meinte Misch und nannte eine Zeitspanne von etwa fünf bis zehn Jahren.

Das wohl schwierigste an diesem Ansatz ist, die seltenen Stammzellen überhaupt zu identifizieren, um sie dann für eine Therapie herauspicken zu können. In Experimenten ist dies jedoch auch schon bei Hirntumoren gelungen. Charité-Arzt Martin Misch: „Im Idealfall bringt die Tumorstammzelltherapie das Tumorwachstum zum Stillstand. Aber das ist im Moment noch Zukunftsmusik.“

Foto: © Minerva Studio - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
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