. Interview

"Ich wünsche mir mehr Anerkennung"

Gabriele Schilling, Heim- und Pflegeleiterin des St. Kamillus Seniorenheims der Caritas, über die übertriebene Angst vorm Pflegeheim, eine bessere Bezahlung von Altenpflegern und schlechte Noten für die Qualitätsprüfer.
Gabriele Schilling

Gabriele Schilling

In den Medien wird meist ein düsteres Bild von der Altenpflege gezeichnet. Da ist von vernachlässigten Patienten auf der einen und von Pflegkräften mit Burnout auf der anderen Seite die Rede. Ärgert Sie das, Frau Schilling?

Schilling:
Klar. Ich habe hier Mitarbeiter, die mit vollem Herzen dabei sind und alles für ihren Beruf geben - da sind solche Berichte wie ein Schlag ins Gesicht. Leider entsteht dadurch ein sehr negatives Bild von der Altenpflege, das der Realität nicht gerecht wird und meiner Meinung nach unnötig viel Angst erzeugt.
Ist die Angst vor dem Pflegeheim unbegründet?

Schilling:
Natürlich geht niemand gerne freiwillig in ein Altenpflegeheim und gibt sein gewohntes Leben auf. Aber wenn es zu Hause nicht mehr geht und Angehörige mit der Pflege überfordert sind, dann ist das Heim auf jeden Fall die bessere Alternative. Ich habe schon oft den Satz gehört: Ach, wäre ich doch schon früher zu Ihnen gekommen.

Weil es bei Ihnen so schön ist oder weil der Leidensdruck vorher so gross war?

Schilling:
Ich würde sagen beides. Ein gewisser Leidensdruck spielt immer eine Rolle, sonst wären die Menschen nicht hier. Aber wenn sie dann bei uns sind, erleben sie eine Form der Zuwendung und Gemeinschaft, die die meisten von ihnen vorher nicht hatten. Schauen Sie sich unser tägliches Programm an, das vom Balancetraining über Bastelkurse bis zu Essensgruppen reicht. Das ist ein Angebot, das jeder annehmen, aber auch ablehnen kann. Unser Anspruch ist es, unseren Bewohnern so viel Lebensqualität und Selbständigkeit wie möglich zu geben.

Und die Frage, wann darf ich wieder nachhause, hören Sie die auch?

Schilling:
Hin und wieder schon. Dann muss man ganz offen und ehrlich sein. Theoretisch kann natürlich jeder, der zu uns gekommen ist, auch wieder gehen. Aber praktisch gibt es für die meisten kein Zurück. Den allermeisten ist das auch klar.

Sie sind von Haus aus Krankenschwester. Warum sind Sie nicht in Ihren alten Beruf zurückgekehrt?

Schilling:
Die Altenpflege war eigentlich nur als Zwischenlösung gedacht. Aber ich habe bald gemerkt, dass dies ein ganz spannender Bereich ist, wo ich viel gestalten und mich weiterentwickeln kann. Und auch viel Dank erfahre. Ich will aber keinen Hehl daraus machen, dass Altenpflege auch schwere Arbeit für wenig Geld ist. Man muss mit dem Herzen dabei sein, sonst geht es nicht.

Menschen wie Sie werden dringend gebraucht. Was müsste getan werden, um die wachsende Lücke an Pflegekräften zu füllen?

Schilling:
Eine bessere Bezahlung des Pflegepersonals wäre der allererste Schritt. Dafür müsste aber der Beitrag zur Pflegversicherung spürbar angehoben werden, die 01, Prozent, die jetzt beschlossen wurden sind geradezu ein Witz. Eine Anhebung des Gehalts und auch des Beitrages wäre endlich mal ein Zeichen, dass man unsere Arbeit schätzt. Bislang vermisse ich die gesellschaftliche Anerkennung. Altenpflege hat ein schlechtes Image, das ist schädlich für diesen Beruf. Ein weiterer Schritt wäre, die Fachkräftequote zu senken. Man kann auch mit anteilig mehr und besser ausgebildeten Pflegehelfern gute Arbeit machen.

Eine schwere Arbeit bleibt es trotzdem.

Schilling:
Das ist richtig. Aber sie gibt auch viel. Wenn ich sehe, wie Menschen hier aufblühen, wie sie wieder lachen und sich freuen können, dann gleicht das die Rückschläge wieder aus.

Was ist für Sie ein Rückschlag?

Schilling:
Es ist das Gefühl, nicht immer so helfen zu können, wie ich eigentlich will.

Nicht wenige Ihrer Kollegen stehen diese Belastung nicht durch und geben auf. Haben Sie Verständnis dafür?

Schilling:
Ich habe Verständnis dafür, wenn jemand geht. Aber man kann auch als Arbeitgeber einiges tun, damit es nicht so weit kommt. Wir haben bei der Caritas gerade ein Präventionsprojet eingeführt. Im Kern geht es darum, dass frühzeitige Anzeichen von Überforderung gemeldet werden und die betroffenen Kollegen entsprechende Unterstützung bekommen. Allein, dass wir offen und ehrlich darüber reden, ist für die Mitarbeiter schon sehr entlastend.

Ein anderer Punkt ist der Zeitdruck, unter dem die Mitarbeiter stehen.

Schilling:
Generell entspricht der derzeitige Pflegeschlüssel nicht dem Pflegezeitbedarf der älteren Menschen. Für die Essengabe sind im stationären Bereich zum Beispiel nur 15 bis 20 Minuten pro Bewohner vorgesehen. Je nach Krankheitsbild kommt es jedoch oft zu einem Zeitbedarf von einer Stunde. Die Politik müsste hier dringend etwas tun und den Pflegeschlüssel an den tatsächlichen Pflegezeitbedarf anpassen. Damit würde man den Pflegekräften das ständige Gefühl nehmen, zu wenig Zeit zu haben und den einzelnen Bewohner durch Aufbau von Zeitdruck zu überfordern. Hilfreich für unsere Einrichtung war die Einführung eines eigens entwickelten Dokumentationssystems. Das erspart uns viel Bürokratie und Schreibarbeit und ist ein echter Zeitgewinn.

Die Dokumentation ist die Grundlage für die Noten, die Pflegeheime neuerdings erhalten. Ist so ein Bewertungssystem sinnvoll?

Schilling:
Wir sind schon stolz auf unsere gute Note (zeigt auf das Zeugnis an der Wand mit der Note "Sehr gut"). Aber meines Erachtens konzentrieren sich die Qualitätsprüfer des Medizinischen Dienstes viel zu sehr auf die Dokumentation und viel zu wenig auf die Ergebnisqualität.

Sie meinen, die Prüfer sollten mehr den Menschen betrachten als Statistiken lesen?

Schilling:
Etwa 70 Prozent der Bewertung beruht auf der schriftlichen Dokumentation. Die Bewohner werden aber nur stichprobenmässig mal befragt oder angeschaut. Wie will man da ernsthaft den Zustand der Pflegeheimbewohner beurteilen? Ich lade jeden Qualitätsprüfer herzlich ein, mal an unserer Essensgruppe teilzunehmen. So etwas sagt mehr als jedes Stück Papier.  

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