. Bald bessere Medikamente nach Schlaganfall?

Hoffnung auf „maßgeschneiderte“ Blutverdünner

Forschern ist es gelungen zwei „Schnappschüsse“ eines Rezeptors aufzunehmen, der für die Blutgerinnung von zentraler Bedeutung ist. Dieser Fund könnte helfen, maßgeschneiderte blutverdünnende Substanzen für Patienten nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt zu entwickeln.
Behandlung nach Schlaganfall: Forscher haben soeben eine wichtige Grundlage für die Entwicklung maßgeschneiderter Blutverdünner gelegt

Behandlung nach Schlaganfall: Forscher haben neue Grundlage für die Entwicklung maßgeschneiderter Blutverdünner gelegt

Die Blutgerinnung ist wichtig, damit zum Beispiel Wunden heilen. Manchmal ist das Aneinanderheften der Blutplättchen jedoch unerwünscht. So verstopfen die verklumpten Blutplättchen bei einem Schlaganfall oder Herzinfarkt wichtige Gefäße. Jetzt ist es einem internationalen Forscherteam unter Beteiligung der Universität Bonn erstmals gelungen, zwei „Schnappschüsse“ eines Rezeptors aufzunehmen, der für die Blutgerinnung von zentraler Bedeutung ist. Der Rezeptor ist als Adenosindiphosphat-Rezeptor P2Y12 bekannt und befindet sich auf der Oberfläche der Blutplättchen. „Dockt Adenosindiphosphat (ADP) als Bindungspartner an den Rezeptor an, werden Signale in das Zellinnere weitergeleitet, was schließlich zum Verklumpen der Blutplättchen führt“, erläutert Prof. Dr. Christa Müller vom Pharma-Zentrum der Universität Bonn. Dabei passen der Rezeptor und der andockende Bindungspartner genau wie Schlüssel und Schloss zusammen. „Man kann sich das so vorstellen, dass das ADP wie ein Schlüssel den Rezeptor als Schloss aufschließt, um das Signal für die Verklumpung der Blutplättchen durchzulassen“, erläutert die Pharmazeutin.

Die Blutverdünnung sollte besser steuerbar sein, um Blutungen zu verhindern

Insbesondere für Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten wäre es wünschenswert, wenn man diesen Rezeptor gezielt blockieren könnte, um weitere Schäden durch verschlossene Blutgefäße zu verhindern. Medikamente mit dem Wirkstoff Clopidogrel sind dazu bereits in der Lage, allerdings ist die Blockade irreversibel und ihr Effekt klingt erst durch die Bildung neuer Blutplättchen nach rund ein bis zwei Wochen wieder ab. Erleidet ein mit Clopidogrel behandelter Patient etwa einen Unfall, besteht durch die Blutverdünnung Verblutungsgefahr. „Wünschenswert wäre eine wirksame, direkte, reversible Blockade des Rezeptors, um die Gerinnung besser steuern und Überdosierung verhindern zu können“, sagt Prof. Müller. Zwar seien derartige Wirkstoffe bereits entwickelt worden, jedoch zeigten sie allesamt unerwünschte Nebenwirkungen.

Erkenntnisse helfen, selektive und reversible Hemmstoffe zu entwickeln

Mit ihren beiden Schnappschüssen des Rezeptors P2Y12 haben die Forscher nach eigenen Angaben nun eine wichtige Grundlage gelegt, um solch einen reversiblen, hochwirksamen und zugleich gut verträglichen, nebenwirkungsarmen Wirkstoff für die Unterbindung der Blutgerinnung zu entwickeln. Denn wie der Rezeptor nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip genau funktioniert, war bislang noch nicht gut verstanden. Die Aufnahmen mit Hilfe der Röntgenstrukturanalyse zeigen den Rezeptor einmal im „aufgeschlossenen“ Zustand, wenn ein geeigneter Bindungspartner für die Signalweiterleitung in das Blutplättchen sorgt. Die andere Aufnahme zeigt den P2Y12-Rezeptor im blockierten – „geschlossenen“ – Zustand. „Anhand dieser beiden Bilder können wir nun nachvollziehen, wie sich der aus einem Protein bestehende Rezeptor beim Aufschließen verformt“, sagt Prof. Müller. „Damit lassen sich auch Ansatzpunkte für die Entwicklung neuer Wirkstoffe finden, die selektiv und vor allem reversibel an den Rezeptor andocken.“ Bis solche maßgeschneiderten Blutverdünner auf den Markt kommen könnten, ist allerdings noch weitere intensive Forschung notwendig. Derweil werden Patienten nach Schlaganfall und Herzinfarkt noch mit den herkömmlichen Blutverdünnern versorgt.

An der Forschungsarbeit waren neben der Universität Bonn auch US-amerikanische und chinesische Forscher beteiligt. Ihre Erkenntnisse haben die Forscher im Fachmagazin Nature veröffentlicht.

Foto: © ag visuell - Fotolia.com

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