. Hörforschung

Hören und Denken sind eng verbunden

Hören ist mehr als nur die Wahrnehmung von Geräuschen. Es beeinflusst auch maßgeblich verschiedene kognitive Leistungen. Das legen neueste Forschungsergebnisse mit gehörlosen und hörenden Kindern nahe.
Hören ist unverzichtbar für das richtige Einordnen von zeitlichen Abfolgen

Hören ist unverzichtbar für das richtige Einordnen von zeitlichen Abfolgen

Hören ist einer der fünf Sinne des Menschen. Fehlt dieser Sinn etwa durch angeborene Gehörlosigkeit, hat dies auch Auswirkungen auf andere Gehirnleistungen. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass durch die Versorgung von gehörlosen Kindern mit Cochlea-Implantaten ein Hördefizit zwar kompensiert werden kann. Dennoch erreicht ein Drittel der Kinder nicht das gleiche Sprachverständnis wie hörend geborene Altersgenossen.

Warum das so ist, hat nun ein internationales Forscherteam ergründet und die Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Lancet Neurology“ veröffentlicht. Demnach nutzen andere Sinnessysteme, aber auch die Kognition, das Hören als Referenz und Datenspeicher hauptsächlich für zeitliche Abfolgen und Sequenzierung von Prozessen im Gehirn. Ihr Fazit: Hörverlust in der Kindheit hat auch nicht-auditive Konsequenzen – er wirkt sich also auf andere Leistungsbereiche des Gehirns aus.

Gehörlose schneiden bei visuellen Aufgaben schlechter ab

In einer Studie bekamen gehörlose und gesunde Kinder verschiedene Aufgaben gestellt. Zum Beispiel hintereinander Farbkarten vorgelegt. Obwohl dies eine rein visuelle Aufgabe war, konnten sich hörende Kinder schneller und besser deren zeitliche Abfolgen merken. „Die Sinne arbeiten jeder in seiner Nische und sind dafür optimal angepasst. Im Zeitbereich ist das Hören unverzichtbar, etwa für das richtige Einordnen von zeitlichen Abfolgen, und schlägt das Sehen um fast das Hundertfache in Präzision“, erklärt Studienautor Professor Andrej Kral, Leiter der Abteilung für Experimentelle Otologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Doch hörende Kinder merken sich nicht nur zeitliche Abfolgen besser. Der Studie nach beeinflusst das Hören auch die Steuerung der Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und bestimmte exekutive Funktionen. „Einem hörenden Kind fällt es vergleichsweise leicht, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, weil es unbewusst seine Umgebung abhorchen kann und dadurch weiß, was im nahen Umkreis geschieht“, betont Kral. Umgekehrt falle es einem gehörlosen Kind schwerer, sich zu konzentrieren, weil es immer wieder mit dem visuellen Scannen der Umgebung beschäftigt sei.

Individuelle Therapie

Andererseits kann der Mensch das Fehlen eines bestimmten Sinns ausgleichen. Diese Kompensation ist sehr individuell. Den Wissenschaftlern zufolge muss dies bei der Therapie von Gehörlosen Kindern berücksichtigt werden. „Im Prinzip geht es dabei darum, die jeweilige Strategie zu identifizieren, mit der das betroffene Kind seine Gehörlosigkeit kompensiert, um dann zielgerichtet das Hören und damit verbunden den Spracherwerb zu fördern“, sagt Kral.

Ärzten könnte dabei ein Fragebogen helfen, den Karl und seine Kollegen von der Indiana University und der Gerard O’Donoghue Universität Nottingham gemeinsam entwickelt haben. Mit dem Fragebogen lassen sich die individuellen zentralen Anpassungen diagnostizieren. „Dank dieses Instrumentariums können Kinder, die trotz Cochlea-Implantat kein volles Sprachverständnis erwerben, rechtzeitig passgenau behandelt werden, weil sich die verantwortlichen Faktoren identifizieren lassen“, so Kral.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Studie über das Exzellenzcluster Hearing4All unterstützt.

Foto: © ulkas - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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