Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
15.09.2014

HNO-Ärzte: Mandeloperationen sind Ermessensentscheidungen

Eine aktuelle der Studie Bertelsmann Stiftung hat erhebliche regionale Unterschiede in der Häufigkeit von Mandeloperationen festgestellt. Die Fachgesellschaft der HNO-Ärzte hat nun in einer Stellungnahme erklärt, eine Entfernung der Rachenmandel sei immer eine Ermessensentscheidung.
HNO-Ärzte: Mandeloperationen sind Ermessensentscheidungen

HNO-Ärzte versuchen die enormen Versorgungsunterschiede bei Mandeloperationen mit den ärztlichen Ermessensspielräumen zu erklären

Mit einer dreiseitigen Stellungnahme hat die Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO KHC) auf die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung reagiert, wonach in manchen Landkreisen Kindern achtmal so häufig die Mandeln entfernt werden wie anderswo. Die Fachgesellschaft versucht nun eine plausible Erklärung dafür zu finden und schreibt, es gebe keine bindende Indikationsstellung für Mandeloperationen. Ausschlaggebend für die Notwendigkeit einer kompletten Entfernung der Gaumenmandeln sei weniger der augenblickliche Untersuchungszustand als vielmehr die Krankengeschichte des Patienten. „Für den Arzt, der die Notwendigkeit der Mandeloperation beurteilen soll, ist deswegen eine zuverlässige und aussagekräftige Krankengeschichte über Häufigkeit, Ausprägung und Behandlungsnotwendigkeit beklagter Rachenbeschwerden entscheidend“, heißt es in der Stellungnahme. Insofern sei es nachvollziehbar, dass im Rahmen ärztlicher Ermessensentscheidungen „Variationen“ entstünden.

Der große Ermessensspielraum wird unter anderem auch damit erklärt, dass es augenblicklich keine Leitlinie für Mandeloperation gibt, an der sich die Ärzte orientieren könnten. Eine S2-Leitlinie wird den HNO-Ärzten zufolge gerade überarbeitet und erscheint frühestens im nächsten Jahr.

Fachgesellschaft streitet ökonomische Anreize ab

Dem im Raum stehenden Argument, dass vielleicht ökonomische Interessen eine Rolle spielen könnten, versucht die Fachgesellschaft den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Bei eng kalkulierten Budgets für Mandeloperationen entfallen ökonomische Anreize für die Durchführung dieser Eingriffe weitgehend; auch mit Blick auf den Aufwand und die Notwendigkeit, dass ärztlicherseits bei Komplikationen 24 Stunden an 7 Tagen schnelle Hilfe organisiert sein muss“, so die DGHNO KHC. Ob der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA) das durchgehen lassen wird, muss sich zeigen. Dieser nimmt nach DGHNO KHC Angaben auch die Mandelchirurgie ins Visier und hat das AQUA-Institut in Göttingen mit Recherchen hierzu beauftragt.

 

Bertelsmann Stiftung fordert Aufklärung

Unterdessen hat die Bertelsmann Stiftung die Ärztekammern, die Fachgesellschaften sowie die zuständigen Aufsichtsbehörden aufgefordert, dringend die auffälligen Regionen einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. „Die großen regionalen Unterschiede bestehen seit längerem. Es ist schwer zu verstehen, warum niemand nach den Ursachen forscht, denn hinter den Zahlen können sich in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen zulasten der Patienten verbergen", sagte die Vorsitzende der Bertelsmann Stiftung Dr. Brigitte Mohn.

In der Studie, die am Dienstag am Berlin vorgestellt wird, wichen bei den Mandelentfernungen 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab. Die Bertelsmann Stiftung erklärte, solche Abweichungen seien rein medizinisch nicht erklärbar.

Foto: © MAST - Fotolia.com

Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen , Chirurgie , Mandeloperation
 

Weitere Nachrichten zum Thema Überflüssige Operationen

22.01.2016

Jede zehnte von jährlich 160.000 Knie-Operationen in Deutschland ist aus Expertensicht überflüssig. Die Barmer GEK rät ihren Versicherte daher, vor dem Eingriff eine Zweitmeinung einzuholen. Dazu hat die Krankenkasse Verträge mit Spezialisten abgeschlossen.

Aktuelle Nachrichten

Mehr zum Thema
 
Weitere Nachrichten
Gesunder Schlaf ist gut für das menschliche Immunsystem. „Wer kann, sollte viel schlafen“, rät die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) den Menschen inmitten der Corona-Pandemie. Was guten Schlaf begünstigt? TV-Geräte und alles, was an Arbeit erinnert, aus dem Schlafzimmer verbannen. Kein Alkohol und nur leichtes Essen vorm Schlafengehen. Schnarchende Partner ausquartieren. Aber es gibt noch zehn weitere Tricks.

Nach einer vorläufigen Auswertung der Studiendaten hat der mRNA-Impfstoff von Curevac nur eine Wirksamkeit von 47 Prozent. Trotzdem hofft das Tübinger Unternehmen weiter auf eine Zulassung. Der wissenschaftliche Studienleiter ist dagegen weniger optimistisch.

 
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin