HLA-Gene neuer Risikofaktor für Kopf-Hals-Tumore

Rauchen, Alkohol und HPV gelten als die Risikofaktoren für Kopf-Hals-Tumore. Manche Menschen bringen aber eine genetische Veranlagung mit, die sogar noch schwerer wiegen soll, wie Wissenschaftler jetzt an HLA-Genen zeigen konnten.
Genetische Disposition für Kopf-Hals-Tumore aufgeklärt: Bei manchen Menschen ist die HLA-abhängige Immunantwort gestört

Genetische Disposition für Kopf-Hals-Tumore entdeckt: Bei manchen Menschen ist die HLA-abhängige Immunantwort gestört

In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 18.000 Menschen an einem Kopf-Hals-Tumor. Dazu zählen alle Tumore im Mund, an der Zunge, an den Stimmbändern oder Kehlkopfkrebs. Raucher haben ein besonders hohes Risiko sowie Menschen, die viel Alkohol trinken. Neuerdings weiß man, dass auch HPV-Infektionen einen Großteil der Tumore aus dem HNO-Bereich auslösen. Jetzt konnten Wissenschaftler der Universitätsklinik Leipzig zeigen, dass es auch eine genetische Disposition gibt, die bislang so nicht bekannt war. Demnach bedingen sogenannte Humanen Leukozyten-Antigene, kurz HLA, eine Prädisposition für diese Tumorarten. Störungen in diesem Bereich führen offenbar dazu, dass entartete Zellen nicht mehr vom Immunsystem aussortiert werden und der Krebs ungehindert wachsen kann.

Nie geraucht und trotzdem Krebs

Die neuen Forschungsergebnisse seien auch ein Plädoyer gegen die Stigmatisierung vieler Krebspatienten, meint HNO-Professor Prof. Dr. Andreas Dietz vom Universitätsklinikum Leipzig. "Zu viel geraucht, zu viel getrunken - selbst schuld!", lautet meist die einfache Losung, durch die Patienten mit Kehlkopf-, Rachen- oder Zungenkrebs stigmatisiert werden“, sagt er. Viele Patienten litten psychisch unter dieser Zuschreibung. „Gerade junge Frauen, die immer einen gesunden Lebensstil gepflegt haben, fallen darunter“, so Dietz.

Die Wissenschaftler konnten sogar feststellen, dass die Genetik schwerer wiegt als die klassischen Risikofaktoren Rauchen, regelmäßig hoher Alkoholkonsum oder fortgeschrittenes Lebensalter der Patienten. „Somit greift die pauschale Zuweisung, der Patient trage die Schuld am Ausbrechen der Krankheit, zu kurz. Auch hier sind viele verschiedene Faktoren am Wirken“, berichtet Studienleiter Dr. Gunnar Wichmann mit Blick auf die neuen Erkenntnisse.

Gestörte Abwehr begünstigt Tumore

In der Studie untersuchten die Forscher das Blut von 90 Krebspatienten und analysierten molekulargenetisch die Erbinformation der weißen Blutkörperchen, den Leukozyten. Dabei wurde auch die Häufigkeit von sogenannten Humanen Leukozyten-Antigene, kurz HLA, erfasst. Diese Gene spielen eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr, indem sie T-Lymphozyten aktivieren, die infizierte oder mutierte Zellen zerstören.

Diese HLA-abhängige Immunantwort und das Abtöten mutierter Zellen sind bei Patienten mit einer genetischen Prädisposition für Krebserkrankungen in der Kopf-Hals-Region jedoch gestört. Betroffen davon sind gewisse Allele. Allele bestimmen darüber, wie ein bestimmtes Gen ausgeprägt wird, ob ein Mensch beispielsweise braune oder blaue Augen hat. Für einige Allele des Gens HLA-B wiesen die Leipziger Wissenschaftler eine signifikant veränderte Frequenz nach. Wichmann erklärt: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die betroffenen HLA-B-Allele und deren Kombination mit Allelen von HLA-A und anderen Genorten des HLA-Genkomplexes, trotz fehlender Risikofaktoren Alkohol und Rauchen mit einem schlechteren klinischen Verlauf verbunden waren.“

Statistische Analysen ergaben, dass die identifizierten HLA-Merkmale stabiler den klinischen Verlauf prognostizieren als eine Reihe etablierter klinischer Faktoren wie Lebensalter, Rauchen, Alkoholkonsum, Tumorlokalisation, Tumorgröße oder Lymphknotenbefall. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Wichmann. „Das bedeutet, dass die Allele nicht mehr so miteinander zusammenwirken, dass letztlich alle entarteten Zellen erkannt und abgetötet werden können.“

Die Studie mit dem Titel HLA traits linked to development of head and neck squamous cell carcinoma affect the progression-free survival of patients",ist jetzt im fachmagazin "Oral Oncology" erschienen.

Foto: © kei907 - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Krebs , Krebsforschung

Weitere Nachrichten zum Thema Kopf-Hals-Tumore

| Humane Papillomviren (HPV) können Tumore Mund- und Rachenraum auslösen. Ein Bluttest auf Antikörper liefert bereits zehn Jahre vor dem Krebsbefall Hinweise darauf. Krebsforscher hoffen nun auf eine bessere Früherkennung der Tumore.

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

. Mehr zum Thema
. Weitere Nachrichten
Anlässlich des internationalen Tages der Gehörlosen machen Gehörlosen-Verbände auf die Situation der bundesweit ca. 80.000 gehörlosen Menschen aufmerksam und werben zudem für das Erlernen der Gebärdensprache, um Betroffenen mehr gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Hoher Blutdruck ist ein Männerproblem, niedriger Blutdruck eins der Frauen: Das klingt nach Klischee – und trifft im Grundsatz trotzdem zu. Im Alter ziehen die Frauen aber an den Männern vorbei. Der Risikofaktor hat aber nichts mit Bewegungsmangel oder ungesunder Ernährung zu tun.
. Veranstaltungen
loading...
Terminkalender
. Kliniken
. Personen Hauptstadtregion
. Interviews
Die Blutvergiftung, fachsprachlich „Sepsis“, ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Und sie gilt als die am häufigsten vermeidbare. Gesundheitsstadt Berlin hat anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 13. September mit Prof. Konrad Reinhart von der Universität Jena über das Thema gesprochen. Der Vorsitzende der deutschen Sepsis-Stiftung vertritt die These: Die tatsächliche Zahl der Sepsis-Fälle ist doppelt so hoch wie die der registrierten.
Kinder suchtkranker Eltern sind besonderen Belastungen ausgesetzt und haben ein hohes Risiko, später selbst eine Sucht oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Gesundheitsstadt Berlin hat mit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler über die Situation betroffener Kinder und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten gesprochen.
Die Berichterstattung über Methadon als Krebsmittel weckt große Hoffnungen. Doch wie sieht eigentlich die rechtliche Seite aus, wenn Ärzte ein Medikament außerhalb des Zulassungsbereichs (Off-Label) verschreiben? Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Medizinrechtler Prof. Dr. Christian Dierks gesprochen, welche Risiken Ärzte eingehen und ob Patienten einen Anspruch auf einen individuellen Heilversuch mit Methadon haben.