. 38. Hirntumorinformationstag in Berlin

Hirntumor Experten über Immuntherapie: „Da werden wir Erfolge sehen“

Etliche neue Immuntherapien werden gerade bei Hirntumoren getestet. Noch ist keines der Mittel zugelassen, doch auf einige greifen Ärzte jetzt schon in fortgeschrittenen Krankheitsstadien zurück, etwa auf PD1-Blocker bei Glioblastomen.
Guter Ausblick für die Hirntumortherapie: Hirntumorexperten wie Prof. Peter Vajkoczy von der Charité versprechen effektivere und präzisere Behandlungsmöglichkeiten in absehbarer Zeit

Guter Ausblick für die Hirntumortherapie: Hirntumorexperten wie Prof. Peter Vajkoczy von der Charité versprechen effektivere und präzisere Behandlungsmöglichkeiten in absehbarer Zeit

Die Diagnose Hirntumor ist vielleicht die bedrohlichste aller Krebsdiagnosen, besonders wenn sie „Glioblastom“ lautet. Denn der Grad IV Hirntumor ist der aggressivste von allen und bis heute unheilbar. Nach Auskunft von Prof. Peter Vajkoczy, Direktor der Neurochirurgischen Kliniken der Charité, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das erste Rezidiv auftritt, da sich die bösartigen Tumorzellen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits im Gehirn ausgebreitet haben. Fortschritte in der Rezidivchirurgie hätten aber erhebliche Verbesserungen für die Lebensqualität der Patienten gebracht und schlügen sich auch auf das Gesamtüberleben nieder. „Das Ausmaß der Resektion ist entscheidend“, sagte der Neurochirurg auf dem Hirntumorinformationstag der Deutschen Hirntumorhilfe am 23. April in Berlin. Immerhin lebe heute jeder vierte Patienten noch zwei bis vier Jahre nach der Diagnose, was vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen sei. Mit dazu beigetragen hat Vajkoczy zufolge die verbesserte präoperative Funktionsdiagnostik mittels navigierter transkranieller Magnetstimulation (nTMS), die Resektionen selbst in empfindlicher Nähe zu Sprach- und motorischen Arealen erlaubt. „Wenn es der Allgemeinzustand des Patienten zulässt, sind heute sogar wiederholte Rezidivresektionen möglich“, sagte er.

Studien bringen neue Therapien zum Patienten

Nichtsdestotrotz bleiben manchmal nur noch experimentelle Verfahren, wenn der Hirntumor wiedergekehrt ist. Doch was ist sinnvoll und was nicht? Auf dem Hirntumorinformationstag warnten Experten vor falschen Erwartungen. Individuelle Heilversuche mit neuen Krebsmitteln seien zwar legitim und in einigen Fällen sogar erfolgreich, jedoch immer eine Abwägung zwischen Kosten, Nutzen und eben auch Nebenwirkungen. 

Um die Erfolge neuer Ansätze beurteilen zu können, brauche man wasserdichte Studien mit vielen Patienten, hieß es. Schließlich gehe es nicht nur um die Wirksamkeit, sondern auch um die Sicherheit, betonte etwa Prof. Florian Stockhammer vom Städtischen Klinikum Dresden. So hatte eine Studie zum Beispiel gezeigt, dass die lokale Chemotherapie mit Carmustin-Wafern in der Wundhöhle so (un-) wirksam wie ein Placebo ist, sie andererseits aber Wundheilungsstörungen und epileptische Anfälle verursacht. Ob Glioblastom-Patienten mit einem bestimmten Methylierungsgrad dennoch davon profitieren – wofür es inzwischen belastbare Hinweise gibt – wird Stockhammer zufolge momentan in einer weiteren Studie untersucht. „Solche Studien sind wichtig, um die Patienten herauszufischen, denen eine Therapie tatsächlich nützt und den anderen unnötige Nebenwirkungen zu ersparen“, sagte der Neurochirurg aus Dresden.

Dass Patienten mitunter bereit sind, viel Geld für Off-Label-Therapien auf den Tisch zu legen, ist in Anbetracht der ungünstigen Prognose verständlich. Ein Beispiel ist die Impfung mit dendritischen Zellen. „Wir wissen darüber wenig“, offenbarte Neuroonkologe Prof. Wolfgang Wick vom Universitätsklinikum Heidelberg. Schlimmstenfalls könne die Impfung sogar einen gegenteiligen Effekt bewirken. „Hohe Kosten und die Erfolge sieht man nicht“, brachte Wick seine Einschätzung zur derzeit verfügbaren Impfung mit dendritischen Zellen auf den Punkt.

Große Fortschritte von PD1-Hemmung erwartet

Die dendritische Zelltherapie ist jedoch nur ein Mosaikstein auf dem neuen Feld der Immuntherapie. Sogenannte Checkpoint-Inhibitoren haben bereits bei anderen Erkrankungen wie dem malignen Melanom und Lungenkrebs zu unerwarteten Erfolgen geführt. Nun werden die PD1- / PDL-1 Blocker auch an Patienten mit Glioblastom gleich in mehreren Studien erprobt. In einer Phase III Studie wird zum Beispiel der immuntherapeutische Wirkstoff Nivolumab mit dem Antikörper Ipilimumab bei fortschreitendem Glioblastom kombiniert. Die Ergebnisse werden bis Ende des Jahres erwartet.

Zugelassen für das Glioblastom ist Nivolumab zwar noch nicht, aber Ärzte setzen das Immuntherapeutikum wegen seiner positiven Vorergebnisse heute schon manchmal in späten Phasen der Erkrankung ein. Solche Einzelfallentscheidungen sind im Rezidivfall möglich und nennt man Off-Label-Use. „Sinnvoller wäre es, die Therapie früher anzubieten, also nicht zu warten bis die Erkrankung schon weit fortgeschritten ist“, erklärte Neurologe Wolfgang Wick. Aber um das zu können und bezahlbar zu machen, brauche man Ergebnisse unter anderem von dieser Studie, ergänzte er.

Das Immunsystem kann Krebszellen eliminieren, auch im Gehirn

Checkpoinkt-Inhibitoren wie Nivolumab nutzen eine clevere Strategie: Das Immunsystem hat von Haus aus Kontrollmechanismen eingebaut, die seine Körperpolizei (T-Zellen) daran hindern soll, Leute aus der eigenen Truppe (körpereigene Zellen) zu schlagen. Das ist sinnvoll, um den Mensch vor Angriffen des eigenen Abwehrsystems zu schützen. Da aber ein Tumor – anders als etwa ein Grippevirus – ebenfalls zum Körper gehört, wird das Immunsystem bewusst ausgebremst. PD1-Hemmer können diese Bremsen aber lösen und machen so einen Angriff der T-Zellen auf den Tumor möglich. Es ist inzwischen gut belegt, dass das Immunsystem Krebszellen tatsächlich vernichten kann, und zwar auch solche im Gehirn. Immuntherapien werden sich demzufolge auch bei Hirntumoren entwickeln, sind Experten überzeugt. „Das ist etwas, wo wir Erfolge sehen werden“, sagte Hirntumorspezialist Wolfgang Wick.

Noch stecken sämtliche Arzneimittel-Kandidaten mitten in klinischen Studien. Darunter auch zahlreiche therapeutische Impfungen wie zum Beispiel ein auf den Patienten individuell zugeschnittener Impfstoff aus der GAPVAC-Studie oder die Impfung gegen IDH1-mutierte Gliome. Mit dem IDH1-Impfstoff wurden am Studienzentrum in Heidelberg bisher rund 20 Patienten geimpft; das Vakzin sei jedoch auch für individuelle Heilversuche verfügbar, betonte Wick.

Avastin wird auch ohne Zulassung weiter verschrieben

Auch Medikamente, die bereits für andere Krebserkrankungen zugelassen sind, werden mitunter beim Glioblastom im Off-Label-Use eingesetzt, etwa Paclitaxel, Imatinib oder Sunitinib. Der Angiogenesehemmer Bevacizumab, besser bekannt als Avastin, dürfte zu den häufigsten Off-Label-Medikamenten bei Glioblastomen gehören. Das Krebsmittel, das die Bildung neuer Blutgefäße verhindert, hat in Studien zwar immer das progressionsfreie Überleben verlängert, war jedoch beim Gesamtüberleben gescheitert. Deswegen hat Avastin in Deutschland auch keine Zulassung für die Behandlung des Glioblastoms erhalten. Verschrieben wird es wegen seiner Lebensqualität verbessernden und zum Teil lebensverlängernden Wirkung trotzdem. Mit einer guten ärztlichen Begründung übernehmen die meisten Kassen die Therapiekosten auch.

Ob andere neue Substanzen zumindest für bestimmte Patientengruppen vielversprechender sind, wird derzeit am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg (NCT) in einer sogenannten Regenschirm-Studie getestet. Auf dem Prüfstand stehen sieben verschiedene zielgerichtete Substanzen, darunter die Krebsmedikamente Alectinib, Temsirolimus und Vismodegib. Ziel ist, herauszufinden welche Substanz bei welchem Tumorprofil wirksam ist – also weg vom Gießkannenprinzip hin zu einer individuelleren, präziseren Behandlung. Ärzte nennen das auch Stratifizierung.

Experten setzen auf Stratifizierung und Immuntherapie

Dass Glioblastom heute nicht mehr gleich Glioblastom ist, sondern man inzwischen mehrere molekulare Subgruppen kennt, bezeichneten die Experten in Berlin als „einen der größten Erfolge der letzten Jahre.“

Die vergangenen 15 Jahre seien vor allem von Fortschritten bei den Operationstechniken, der Radio-Chemotherapie und der Angiogenesehemmung geprägt gewesen, fasste der Chef-Neurochirurg der Charité und wissenschaftliche Leiter des 38. Hirntumorinformationstags Peter Vajkoczy zusammen. Mit der immer genaueren Stratifizierung und den neuen immuntherapeutischen Ansätzen sei nun ein weiteres Kapitel eröffnet worden, meinte er. Sicher werde man keine Wunder bewirken, „aber doch effektivere und präzisere Therapien auf den Weg bringen können“, so Vajkoczy auf dem Patiententag.

Foto: © sudok1 - Fotolia.com

Hauptkategorien: Berlin , Medizin
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