. Welt-Parkinson-Tag

Hirnschrittmacher punktet bei Impulskontrolle

Die Tiefe Hirnstimulation (THS) mittles Hirnschrittmacher lindert bei der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit nicht nur Störungen der Bewegung, sondern stabilisiert auch die Stimmung. Zu diesem Ergebnis ist jetzt eine deutsch-französische Studie gekommen.
Tiefe Hirnstimulation, Parkinson

Studie: Tiefe Hirnstimulation (THS) stabilisiert auch die Stimmung bei fortgeschrittenem Morbus Parkinson

Parkinson ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung, die durch den Untergang von Dopamin-produzierenden Gehirnzellen gekennzeichnet ist. Fehlt der Botenstoff Dopamin treten die parkinson-typischen Symptome auf wie Verlangsamung der Bewegungsgeschwindigkeit, kleinschrittiger Gang, Sprachstörungen, Zittern und Steifigkeit in Armen und Beinen. Manche Patienten entwickeln außerdem Impulsstörungen, die sich etwa in Spielsucht, Kaufrausch oder ungehemmter Sexualität äußern. Eine deutsch-französische Studie zeigt nun, dass ein Hirnschrittmacher sowohl die Motorik als auch die Impulskontrolle verbessern kann.

Damit sehen Experten die Befürchtung widerlegt, die Tiefe Hirnstimulation (THS) könnte emotionale Entgleisungen verstärken. „Ganz im Gegenteil“, sagt Studienleiter Professor Dr. Günter Deuschl von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Die Auswertung der EARLYSTIM-Studie zeige, dass Fluktuationen unter der Stimulationsbehandlung sogar abnehmen. „Die THS bessert die Befindlichkeit deutlich und in einem Maße, wie es mit Medikamenten alleine nicht erreicht wird“, so der Parkinson-Experte aus Kiel.

Die Tiefe Hirnstimulation kann helfen, wenn die Bewegungsstörungen durch Medikamente nicht mehr ausreichend kontrolliert werden können. In einer Operation werden dann Mikroelektroden ins Gehirn implantiert – darum auch Hirnschrittmacher genannt -  die mit schwachen Stromstößen bestimmte Hirnregionen hemmen. Weltweit wurden bereits mehr als 150.000 Patienten mit dieser Methode behandelt.

Impulskontrollstörungen bei Parkinson häufig

Schätzungen zufolge leidet jeder dritte bis fünfte Parkinson-Patient an Störungen der Impulskontrolle. So hatte kürzliche eine Studie festgestellt, dass bei mehr als jedem zweiten Parkinson-Patienten Impulskontrollstörungen beobachtet werden konnten, in 36 Prozent waren diese klinisch bedeutsam. „Die nun vorliegende Subanalyse der EARLYSTIM-Studie zeigt mit hoher wissenschaftlicher Evidenz, dass sich Störungen des Verhaltens und der Stimmungsregulation bessern können, wenn die Patienten frühzeitig eine THS erhalten und danach die Dosierung der medikamentösen Behandlung reduziert werden kann“, sagt Professor Hilker-Roggendorf, Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG).

Erste Ergebnisse der Earlystim-Studie mit 251 Patienten wurden bereits vor fünf Jahren veröffentlicht. Danach hatten Parkinson-Patienten, die zusätzlich mit Tiefer Hirnstimulation behandelt wurden, eine höhere Lebensqualität als solche, die lediglich Medikamente erhalten hatten.

 

Hirnschrittmacher besser als nur Medikamente

Die Subanalyse zeigt nun, dass unter einer THS auch die Impulskontrolle der Patienten verbessert werden. Bei Patienten, die lediglich Medikamente bekommen hatten, blieben die neuropsychiatrischen Fluktuationen unverändert. Unter einer zusätzlichen THS nahm der entsprechende Wert auf der Ardouin-Skala (Ardouin Scale of Behavior in Parkinson’s Disease) um 0,65 Punkte ab. Sehr groß war der Unterschied auch bei den hyperdopaminergen Verhaltensstörungen (Impulskontrollstörungen, Hypomanie, Sprunghaftigkeit): Mit THS nahm der Wert um 1,26 Punkte ab – gegenüber einer Zunahme um 1,12 Punkte, wenn die Patienten lediglich Medikamente erhielten. Keinen Unterschied fand man dagegen bei sogenannten hypodopaminergen Verhaltensstörungen wie Apathie und Depressionen, egal, ob die Patienten ausschließlich Medikamente bekommen hatten oder zusätzlich die THS.

„Die Studie beantwortet wichtige Fragen zur Therapie von Parkinson-Patienten, welche unter einer instabilen Krankheitsausprägung mit Stimmungsschwankungen und Verhaltensstörungen leiden“, sagt Professor Hilker-Roggendorf. Sein Fazit: „Durch Medikamente ausgelöste Impulskontrollstörungen können sich unter THS verbessern, Apathie und Depression nehmen unter THS nicht zu. Die THS kann bei geeigneten Patienten bereits im mittleren Krankheitsstadium mit guter Wirksamkeit und ausreichender Sicherheit eingesetzt werden.“

Earlystim wurde vom deutschen und französischen Gesundheitsministerium sowie von der Herstellerfirma des Hirnschrittmachers gefördert. Die Ergebnisse der neuen Auswertung sind soeben im Fachmagazin Lancet Neurology erschienen.

Foto: © Ermolaev Alexandr - Fotolia.com

Autor: ham
Hauptkategorie: Medizin
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