. Tiefenhirnstimulation

Hirnschrittmacher jetzt auch bei schwerem Schmerzsyndrom

Die Tiefenhirnstimulation mit einem Hirnschrittmacher hat sich bislang vor allem in der Therapie von Morbus Parkinson bewährt. Neuerdings versuchen Ärzte auch Schmerzpatienten damit zu behandeln. In Thüringen gab es gerade eine Medizinpremiere.
Thüringer Schmerzpatient profitiert offenbar von Hirnschrittmacher

Thüringer Schmerzpatient profitiert offenbar von Hirnschrittmacher

Bei Patienten mit Parkinson werden Hirnschrittmacher seit Jahren eingesetzt. Der Eingriff ist extrem kompliziert und teuer, aber sehr oft erfolgreicher als Medikamente. Experten gehen daher davon aus, dass sich die Einsatzfelder für Hirnschrittmacher künftig noch erweitern werden, etwa zur Therapie von Epilepsie, Depressionen oder eben Schmerzen.

Hirnschrittmacher bei Patienten mit schwerstem Schmerzsyndrom

Letzte Woche haben Neurochirurgen der Universitätsklinik Jena (UKJ) einen „Hirnschrittmacher“ bei einem Patienten mit schwerstem Schmerzsyndrom eingesetzt. Eine Premiere im Land Thüringen und auch bundesweit noch eine Seltenheit. Der „Thüringer Patient“ litt unter einem starken, dauerhaften Schmerzsyndrom, nachdem er vor mehr als fünf Jahren bei einem Unfall mehrere Knochenbrüche im Gesicht zugezogen hatte. Die Knochenbrüche waren zwar längst wieder verheilt, aber das Schmerzsyndrom wurde offenbar immer schlimmer.

 

Vier Stunden dauert der Eingriff, um das Gehirn zu verdrahten

Der Eingriff dauerte nach Informationen der Universitätsklinik Jena (UKJ) rund vier Stunden und soll erfolgreich verlaufen sein. „Durch den Einsatz des Hirnschrittmachers konnten die Schmerzen des Patienten deutlich gelindert werden“, erklärte Prof. Dr. Rolf Kalff, Direktor der Klinik für Neurochirurgie am UKJ den Erfolg. Bei einem ersten Eingriff vor vier Wochen hatten die Jenaer Neurochirurgen zwei Stimulationselektroden in zwei Areale des Mittelhirns implantiert, die die körpereigene Schmerzunterdrückung entscheidend beeinflussen. Die Stimulationskabel wurden zunächst nach außen geleitet und die Wirkung des Schrittmachers vier Wochen lang getestet. „Zum Schluss dieser Testperiode war die Schmerzsymptomatik zwar noch nicht vollständig verschwunden, konnte jedoch schon wesentlich gelindert werden“, sagt Neurochirurg Dr. Rupert Reichart. Vergangene Woche implantierten die Neurochirurgen dem Patienten nun einen dauerhaften Simulator unter die Haut. Der Schrittmacher arbeite kontinuierlich, könne aber vom Patienten selbst ein- oder ausgeschaltet werden, meint Neurochirurg Reichart. Dies sei eine absolute Besonderheit.

Hirnschrittmacher bei chronischen Schmerzen

Für die Thüringer Mediziner war der Eingriff bei einem Schmerzpatienten ein Novum, obwohl in Jena viel Erfahrung mit der Tiefenhirnstimulation vorhanden ist: „Bereits über 50 Patienten, vorwiegend mit einer Parkinson-Erkrankung, haben hier am UKJ durch die Zusammenarbeit der neurologischen und der neurochirurgischen Klinik einen Hirnschrittmacher erhalten“, erklärt Neurochirurg Prof. Dr. Rolf Kalff. Auch Kalff glaubt, dass die Tiefenhirnstimulation per Hirnschrittmacher eine Therapie der Zukunft ist: „Es gibt erste vielversprechende Daten, dass neben Menschen mit chronischen Schmerzen und Bewegungsstörungen vor allem auch psychiatrisch erkrankte Patienten, etwa mit Zwangsstörungen, durch eine tiefe Hirnstimulation erfolgreich behandelt werden können.“ Ein Vorteil der Therapie: Die Implantation der Stimulationssonden kann wieder vollständig rückgängig gemacht werden. Und: Die Operation ist heute viel weniger riskant als früher.

© Photographee.eu - Fotolia.com

Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Schmerzen , Gehirn , Tiefe Hirnstimulation
 

Weitere Nachrichten zum Thema Schmerzen

 
 

Aktuelle Nachrichten aus der Gesundheit

 
. Weitere Nachrichten
Auffällig viele junge Menschen mit Morbus Bechterew (axiale Spondyloarthritis) rauchen. Dabei ist Tabak ein echtes Gift für alle entzündlichen Formen von Rheuma. Ein Rauchstopp ist deshalb fester Bestandteil der Therapie
Wenig oder unruhiger Schlaf scheint das Risiko für Arteriosklerose deutlich zu erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie mit fast 4.000 gesunden Erwachsenen. Arteriosklerose wiederum begünstigt zahlreiche Folgeerkrankungen wie PAVK, Herzinfarkt oder Schlaganfall.
. Fortbildungen Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Termine Hauptstadtregion
loading...
Terminkalender
 
. Interviews
Das massenhafte Auftreten des Eichenprozessionsspinners hat in diesem Jahr bei besonders vielen Menschen zu allergischen Reaktionen der Haut führt. Die giftigen Brennhaare der Raupen können aber auch sprichwörtlich ins Auge gehen. Am Universitätsklinikum Münster mussten diese Woche sechs Menschen am Auge operiert werden. Dr. Lamis Baydoun, Oberärztin der UKM-Augenklinik, berichtet, was vorgefallen ist.
Mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens sind viele Chancen verbunden. Bei manchen Bürgern löst das Thema aber auch Ängste und Sorgen aus. Gesundheitsstadt Berlin hat mit Prof. Dr. Erwin Böttinger, einem der weltweit führenden Forscher im Bereich Digital Health, über die elektronische Patientenakte und andere digitale Lösungen gesprochen.