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05.04.2015

Hirndoping: Missbrauch von Psychopharmaka zieht sich durch alle Berufe

Bei schweren psychischen Erkrankungen können Psychopharmaka in Segen sein. Doch auch gesunde Menschen greifen auf Psychostimulanzien und Antidepressiva zurück. Der DAK-Gesundheitsreport 2015 zeigt, dass immer mehr Berufstätige auf Hirndoping setzen.
Hirndoping: Missbrauch von Psychopharmaka zieht sich durch alle Berufe

Aus Angst vor dem Versagen: Laut DAK-Studie wollen vor allem Männer ihre Leistungsfähigkeit mit Psychopharmaka steigern

Stress, Leistungsdruck, Angst um den Job oder ein übermäßiger Hang zur Perfektion – all das kann Menschen veranlassen, Psychopillen zu schlucken. Pharmakologisches Neuro-Enhancement nennen Experten das Hirndoping per Pille, von dem sich Menschen eine bessere Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit versprechen. Aus dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport gehen nun belastbare Zahlen hervor, wie viele Menschen Psychopharmaka wie Psychostimulanzien, Wachmacher, Antidepressiva oder ADHS-Pillen nutzen. Hierfür hat die Gesundheitskasse Arzneimitteldaten von 2,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten analysiert und zusätzlich mehr als 5.000 Berufstätige im Alter von 20 bis 50 Jahren befragt. Demnach haben 6,7 Prozent der Berufstätigen, also knapp drei Millionen Menschen, Hirndoping wenigstens schon einmal praktiziert. Bei einem vergleichbaren DAK-Report waren es 2008 noch 4,7 Prozent.

Top-Manager machen weniger Hirndoping als einfache Angestellte

Hochgerechnet auf die Bevölkerung haben damit fünf Millionen Erwerbstätige schon einmal leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente zum Hirndoping eingenommen, heißt es im DAK-Gesundheitsreport 2015. Regelmäßig dopen sich laut Studie knapp eine Millionen Berufstätige (1,9 Prozent).

Anders als gemeinhin angenommen sind es aber nicht in erster Linie Top-Manager oder Kreative, die sich mit Psychopillen zu Höchstleistungen pushen wollen. Die Ergebnisse des DAK-Gesundheitsreports zeigen sogar: Je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher die Arbeit, desto höher ist das Risiko für Hirndoping. Beschäftigte mit einer einfachen Tätigkeit haben demnach zu 8,5 Prozent bereits Medikamente zur Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung eingenommen. Bei Gelernten oder Qualifizierten waren es nur 6,7 Prozent und bei den hochqualifizierten Beschäftigten nur 5,1 Prozent. „Das Klischee der dopenden Top-Manager ist damit vom Tisch“, sagt DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher.

 

Missbrauch von Psychopharmaka: Männer wollen leistungsfähiger sein, Frauen eine besser Stimmung

Laut DAK-Studie werden zum Hirndoping am häufigsten Medikamente gegen Angst, Nervosität und Unruhe (60,6 Prozent) sowie Medikamente gegen Depressionen (34 Prozent) eingenommen. Etwa jeder achte Doper schluckt Tabletten gegen starke Tagesmüdigkeit. Mehr als jeder Zweite bekommt für die entsprechenden Medikamente ein Rezept vom Arzt. Jeder Siebte erhält Tabletten von Freunden, Bekannten oder Familienangehörigen, jeder Zwölfte bestellt sie ohne Rezept im Internet.

Auslöser für das Hirndoping sind laut Studie meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Vier von zehn Dopern gaben an, bei konkreten Anlässen wie anstehenden Präsentationen oder wichtigen Verhandlungen Medikamente einzunehmen. Einen Unterschied zwischen Frauen und Männern konnte die Studie auch feststellen. „Frauen nehmen eher bestimmte Mittel gegen Depressionen, um die Stimmung zu verbessern und Ängste und Nervosität abzubauen“, erläutert Rebscher die Motive. „Bei Männern sind es meist anregende Mittel. Sie wollen wach bleiben, stark und leistungsfähig sein.“

Mögliche Langezeitfolgen von Hirndoping noch unklar

Doch helfen die Mittel auch? „Eine Wunderpille gibt es nicht“, sagt Professor Klaus Lieb, Facharzt und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Oft zeigten die Medikamente nur kurzfristige und minimale Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit. Dafür zahlten die Menschen aber einen hohen Preis. „Pharmakologisches Neuro-Enhancement birgt hohe gesundheitliche Risiken wie körperliche Nebenwirkungen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung und Abhängigkeit“, warnt Lieb. „Und die Langzeitfolgen sind noch völlig unklar.“

Foto: © kasto - Fotolia.com

Autor: gst
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
 

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