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"Hepatitis-Impfung schützt vor Leberkrebs"

Der Hepatitis-Experte Prof. Dr. Eckart Schott über die gefährlichsten Hepatitis-Infektionen, neueste Therapieoptionen und warum eine Hepatitis-Impfung sogar vor Krebs schützt.
Prof. Dr. Eckart Schott

Prof. Dr. Eckart Schott

Herr Professor Schott, beginnen wir mit einer guten Nachricht. Gegen Hepatitis B (HBV) kann man sich impfen lassen. Warum ist die Impfung so wichtig?

Schott: Die Impfung ist wichtig, weil Hepatitis B für uns richtig gefährlich werden kann. Denn im chronischen Verlauf kann eine Hepatitis-B-Infektion zu Leberzirrhose und zu Leberkrebs führen. Die HBV-Impfung war übrigens die erste "echte" Impfung gegen Krebs.

Sollte sich jeder gegen Hepatitis B impfen lassen und so sein Krebsrisiko senken?

Schott: Darauf muss ich zwei Antworten geben. Sinnvoll ist die Impfung für jeden. Bezahlt wird sie aber nicht für jeden.

Und wer hat einen Anspruch auf die Impfung?

Schott: Kinder werden in Deutschland seit 1995 grundsätzlich geimpft. Von den Erwachsenen haben nur die einen Anspruch, die ein besonders hohes Ansteckungsrisiko haben. Zum Beispiel Menschen, die ein hochrisikohaftes Sexualverhalten zeigen oder Menschen, die beruflich oder familiär mit Hepatitis-B-Infizierten zu tun haben. Was nur wenige wissen: Auch Menschen mit einer chronischen Leber- oder Nierenerkrankung haben einen Anspruch auf die Impfung.

Ist denn mit Einführung der Impfung auch die Zahl der Leberkrebserkrankungen gesunken?

Schott: Dort, wo es hohe HBV-Infektionsraten gibt und auch konsequent geimpft wird, ist die Zahl der Leberkrebsfälle deutlich rückläufig. Der beste Beleg dafür ist Taiwan, wo 1984 das weltweit erst grosse Impfprogramm gegen Hepatitis B eingeführt wurde. Schon 15 Jahre nach Einführung der Impfung hatte sich die Rate an Leberkrebs bei Kindern halbiert.

Leberkrebs bei Kindern ist bei uns eher eine Rarität.

Schott: In Taiwan wie auch in anderen asiatischen Ländern wird Hepatitis B in der Regel bereits bei der Geburt von der Mutter auf das Kind übertragen. Das führt dazu, dass sich häufig im jungen Alter schon Leberkrebs entwickelt. In Deutschland ist das Leberzellkarzinom eher ein Krebs des Alters und die Inzidenz nimmt derzeit sogar zu.

Erklärt das höhere Erkrankungsalter auch, dass die Zahl der Leberkrebsfälle in Deutschland auf rund 7.500 Neuerkrankungen pro Jahr angestiegen ist?

Schott: Sicher auch. Man muss aber dazu sagen, dass in Europa die Leberzirrhose, die einem Leberzellkarzinom fast immer vorausgeht, nur zu 20 Prozent von Hepatitis B verursacht wird. Etwa 40 Prozent gehen auf Hepatitis C zurück, der Rest auf Alkohol, Fettleber und andere Ursachen.

Womit wir bei der schlechten Nachricht wären. Hepatitis C verursacht ebenfalls Leberzirrhose und Leberkrebs, aber es gibt keine Impfung.

Schott: Nein, es gibt keine Impfung gegen Hepatitis C. Aber es gibt trotzdem eine gute Nachricht: Seit letztem Jahr gibt es mit den Proteasehemmern eine neue Substanzklasse, die das Virus direkt angreifen und seine Vermehrung unterdrücken. Proteasehemmer werden heute mit den beiden bisherigen Standard-Medikamenten Interferon und Ribavirin kombiniert. Mit dieser Tripel-Therapie gelingt es immerhin, 75 Prozent der Hepatitis C-Infektionen vollständig zu heilen.

Das ist ein toller Erfolg. Wie sieht es mit den Heilungschancen bei Hepatitis B aus, um weiter bei den beiden gefährlichsten Hepatitis-Infektionen zu bleiben?

Schott: Gegen Hepatitis B gibt es wirksame Therapien, die aber nicht zur Heilung führen. Im Unterschied zu Hepatitis C ist Hepatitis B ein DNA-Virus, das seine Erbinformation in die Erbinformation des Menschen einbaut. Der Patient wird das Virus nie wieder ganz los.

Wie gelingt es dennoch, das Hepatitis-B-Virus über Jahrzehnte in Schach halten?

Schott: Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste ist, das Virus mit Polymeraseinhibitoren zu unterdrücken, so dass es sich nicht mehr vermehren kann. Polymeraseinhibitoren gibt es in Tablettenform und haben so gut wie keine Nebenwirkungen. Der Nachteil ist, dass die Tabletten meist für immer eingenommen werden müssen. Die andere Möglichkeit ist, das Immunsystem mit Interferon über einen begrenzten Zeitraum, etwa ein Jahr, zu stimulieren. Anschliessend bleibt die Kontrolle des Immunsystems über das Virus häufig bestehen. Allerdings schlägt die Interferon-Therapie nur bei einem Drittel der Patienten an. Nicht zuletzt deshalb werden heute 90 Prozent der Patienten mit Polymeraseinhibitoren behandelt. Generell sollte man aber eines wissen: Das Virus bleibt im Körper und kann wieder aktiviert werden, wenn das Immunsystem geschwächt wird, etwa durch eine Chemotherapie, eine Transplantation oder Immunsuppressiva.

Eine Therapie von Hepatitis B und C setzt eine Diagnose voraus. Wie wird denn eine chronische Hepatitis überhaupt diagnostiziert?

Schott: Da sprechen Sie etwas an. Die Symptome sind oft lange Zeit sehr unspezifisch und man findet nur etwas, wenn man gezielt danach sucht. Obwohl in Deutschland ungefähr eine Million Menschen mit Hepatitis B oder C infiziert sind, werden beim Routine Check-up nicht einmal die Leberwerte kontrolliert. Das ärgert uns Hepatologen seit Jahren.

Auch eine Leberzirrhose tut nicht weh?

Schott: Genau wie die chronische Infektion macht auch die Leberzirrhose zunächst nur unspezifische Beschwerden, zum Beispiel Müdigkeit oder Abgeschlagenheit. Meist treten erst sehr spät Beschwerden wie Bauchwasser oder Gelbsucht auf. Dennoch ist auch noch im Spätstadium eine erfolgreiche Behandlung möglich. Neueste 5-Jahres-Daten von Hepatitis B induzierten Leberzirrhosen zeigen, dass eine Behandlung mit Polymeraseinhibitoren in etwa 70 Prozent der Fälle zu einem Rückgang der Vernarbungen führen kann. Die Annahme, eine Leberzirrhose sei unumkehrbar, gilt heute nicht mehr.

Die Prognose für Leberzirrhosepatienten hat sich verbessert. Wie sieht es aus, wenn sich bereits ein Leberzellkarzinom entwickelt hat?

Schott: Patienten mit einem Leberzellkarzinom haben in der Regel eine schlechte Prognose. Die Therapieoption, die am ehesten zu einer Heilung führen kann, ist eine Lebertransplantation. Doch diese Möglichkeit steht leider nicht allen Patienten zur Verfügung. Umso wichtiger ist es, regelmässig die Leberwerte kontrollieren zu lassen und die Chance der Impfung wahrzunehmen.

Zum Abschluss ganz kurz. Es gibt ja auch noch Hepatitis A, D, und E. Diese Viren sind nicht so gefährlich?

Schott: Hepatitis A und E sind die Viren, die man sich im Urlaub holt, beispielsweise durch verunreinigtes Wasser oder verdorbenes Essen. Diese Infektionen werden nicht chronisch, sie heilen von alleine wieder aus. Hepatitis D tritt nur in Zusammenhang mit Hepatitis B auf, alleine stellt es keine Gefahr dar. Gegen Hepatitis A gibt es übrigens eine wirksame Impfung, auch als Kombinationsimpfung gegen Hepatitis A und B. Aus Sicht des Hepatologen ist eine solche Impfung für jeden sinnvoll, auch wenn man nicht zu den Risikogruppen gehört.

Prof. Dr. med. Eckart Schott ist Leitender Oberarzt an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hepatologie und Gastroenterologie, Charité, Campus Virchow Klinikum

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