. Schlaganfall

Heparin bleibt vorerst Goldstandard der Thromboseprophylaxe

Einer britischen Studie zufolge können Druckluft-Manschetten an den Beinen das erhöhte Thrombose Risiko nach einem Schlaganfall senken. Deutsche Schlaganfall-Experten sind jedoch skeptisch – und halten am Goldstandard Heparin fest.
Schlaganfallpatienten, die nicht mehr laufen können, haben ein erhöhtes Thromboserisiko

Schlaganfallpatienten, die nicht mehr laufen können, haben ein erhöhtes Thromboserisiko

In den ersten Tagen nach einem Schlaganfall können viele Patienten das Bett nicht verlassen. Aufgrund von Lähmungen, die oft eine gesamte Körperseite betreffen, kommt es zum Ausfall der „Muskelpumpe“ im Bein. Ohne Muskelpumpe, die beim Gesunden den Transport des Blutes in den Venen fördert, kann der Blutfluss stocken. Dann bilden sich schnell Blutgerinnsel (Thrombose), die über die Körpervenen in die Lunge abdriften und dort die Blutbahnen verstopfen können. Die Patienten erleiden dann eine unter Umständen tödliche Lungenembolie. Das Risiko einer Thrombose besteht vor allem bei schwer betroffenen Patienten.

Jeder zehnte schwere Schlaganfall führt zu einer Thrombose

„Etwa einer von zehn bettlägerigen Schlaganfallpatienten erleidet in der Klinik eine tiefe Beinvenenthrombose“, berichtet Professor Dr. med. Martin Grond, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Die Gabe von Blutgerinnungshemmern sei eine Möglichkeit, diese Komplikation zu verhindern. Der Standard dafür ist niedermolekulares Heparin (Low Molecular Weight Heparine, LMWH). Kompressionsstrümpfe, auch unter dem Namen Thrombosestrümpfe bekannt, hätten sich als ineffektiv erwiesen, weil sie die Muskelpumpe nicht effektiv genug unterstützen, so der Schlaganfallexperte aus Siegen.

Eine weitere, jedoch noch nicht etablierte Möglichkeit, sind „Druckluft-Manschetten“, die an den Beinen der Patienten angelegt werden. In kurzen zeitlichen Abständen füllt eine Pumpe die Kissen von der Peripherie her mit Luft, die nach kurzer Zeit wieder entweicht. Der Wechsel von Druck und Entlastung, der so auf die Venen ausgeübt wird, soll die natürliche Muskelpumpe ersetzen. Ärzte sprechen von intermittierender pneumatische Kompression (IPK).

Studie zur Thromboserisiko nach Schlaganfall

Inwieweit eine intermittierende pneumatische Kompression mittels „Druckluft-Manschetten“ das Thromboserisiko nach Schlaganfall senken können, haben britische Wissenschaftler im Rahmen der „CLOTS 3-Studie“ untersucht. Die 2.876 Teilnehmer waren nach einem Schlaganfall weitgehend bettlägerig. Bei jedem zweiten der liegenden Patienten wurden die „Druckluft-Manschetten“ angelegt und die intermittierende pneumatische Kompression durchgeführt. Die Vergleichsgruppe erhielt keine IPK, sondern eine „Routinebehandlung“, einige trugen klassische Thrombosestrümpfe, andere erhielten blutverdünnende Mittel. Nach sieben bis zehn Tagen und nach 25 bis 30 Tagen wurden alle Patienten mittels Ultraschall auf tiefe Venenthrombosen hin untersucht. Der Anteil der Patienten, die nach dem Schlaganfall eine Thrombose in den Beinvenen entwickelte, konnte mit IPK von 12,1 auf 8,5 Prozent gesenkt werden. Auch die Zahl der Lungenembolien war leicht von 2,4 auf 2,0 Prozent verringert, zugleich war die Gesamtsterberate in der IPK-Gruppe bezogen auf einen Zeitraum von sechs Monaten niedriger (13,2 versus 10,8 Prozent).

Druckluft-Manschetten zeigen bislang keinen Zusatznutzen

Die Deutschen Schlaganfallexperten zeigen sich indes wenig beeindruckt von den Ergebnissen. Sie kritisieren insbesondere das Studiendesign von CLOTS 3. „Die Ergebnisse klingen interessant, sind jedoch zu hinterfragen“, sagt Professor Dr. med. Joachim Röther, Pressesprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG). Er komme zu dem Schluss, dass das neue Kompressionsverfahren auf der Basis der CLOTS 3-Studie nicht überzeugt. „Nur 32 Prozent der Patienten der Kontrollgruppe wurden leitliniengerecht behandelt“, kritisiert der Experte von der Asklepios Klinik Hamburg Altona. Behandlungsstandard zur Vermeidung tiefer Beinvenenthrombosen und Lungenembolien ist die Gabe von niedrig dosiertem unfraktioniertem Heparin oder von LMWH, also niedermolekularem Heparin.“

Das Studiendesign hätte intermittierende pneumatische Kompression + niedermolekulares Heparin versus niedermolekulares Heparin lauten müssen. Der DSG-Pressesprecher ergänzt: „Eine neue Methode muss immer einen Zusatznutzen gegenüber dem Goldstandard zeigen, und das ist LMWH.“ Über die IPK als ergänzende Therapie bei der Thrombosevorbeugung für bettlägerige Schlaganfallpatienten könne also derzeit noch nicht nachgedacht werden. Vorher müsse eine positive Vergleichsstudie durchgeführt werden.

Foto: © Brigitte Bohnhorst - Fotolia.com

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