. Test auf Brustkrebs

Heidelberger Bluttest-Skandal: Falsch-Alarm-Rate wird Unstatistik des Monats

Der Skandal um den Heidelberger Bluttest für Brustkrebs beschäftigte wochenlang die Medien. Die sogenannte Falsch-Alarm-Rate des Bluttests wurde nun zur Unstatistik des Monats gewählt. Nach Angaben des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) liegt die Falsch-Alarm-Rate über alle getesteten Frauen hinweg bei 46 Prozent.
Heidelberger Bluttest, Bluttest-Skandal, Bluttest für Brustkrebs

Die Uni-Klinik Heidelberg hatte voreilig einen Bluttest für Brustkrebs angekündigt. Mittlweile ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen Forscher jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Jetzt wählten sie die die Falsch-Alarm-Rate des Heidelberger Bluttests für Brustkrebs zum traurigen „Sieger. Das teilt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) mit.

Der Bluttest war in einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg als „Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“ gepriesen worden. Begründet wurde dies mit einer Trefferrate von 75 Prozent. Vernachlässigt wurde dabei aber offenbar die sogenannte Falsch-Alarm-Rate. Diese liegt nach Angaben des RWI bei 46 Prozent. Das bedeutet, dass - würde ein solcher Test zum Brustkrebs-Screening eingeführt werden - knapp die Hälfte aller gesunden Frauen in Deutschland einen verdächtigen Befund erhalten könnten.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verdachts auf Wirtschaftskriminalität

Doch wie kam es überhaupt zu dem Skandal? Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg wollten einen revolutionären Test entwickeln. Mit nur wenigen Millilitern Blut wollten sie feststellen können, ob eine Frau an Brustkrebs erkrankt ist oder nicht. Etwa drei Viertel aller Tumore sollte der Test erkennen. Allerdings war bislang keine begutachtete Studie in einem Fachmagazin dazu erschienen. Dennoch wurde der Erfolg bei einer Pressekonferenz im Februar 2019 verkündet und von der Bild-Zeitung als große Sensation gepriesen. Die Klinik kündigte sogar an, den Test noch in diesem Jahr auf den Markt zu bringen.

Fachgesellschaften und die übrige Presse reagierten allerdings kritisch. In Heidelberg wurde ein internes Untersuchungsverfahren ins Leben gerufen. Dieses kam zu dem Ergebnis, dass der Test längst nicht die Reife hätte, die vorgegeben wurde. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen mehrere Beteiligte wegen des Verdachts auf Insiderhandel und Börsenmanipulation.

 

Test hätte viele falsch-positive Ergebnisse geliefert

Zu welchen Ergebnissen der Test tatsächlich gekommen wäre, untersuchten nun der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer, die jeden Monat die „Unstatistik des Monats“ veröffentlichen. Sie erklärten, dass die Falsch-Alarm-Rate des Tests nicht kommuniziert wurde. Warum diese aber so wichtig sei, verdeutlichen sie an einem einfachen Beispiel:

Würde man bei jeder Frau einen Tumor diagnostizieren, dann würde zwar tatsächlich jeder Tumor gefunden, aber auch jede gesunde Frau würde falsch diagnostiziert werden – also erzielt man eine Falsch-Alarm-Rate von 100 Prozent. Wenn man zwei Münzen wirft und immer Krebs diagnostiziert, sofern man keine Doppel-Zahl hat, dann hat man – wie beim Bluttest – eine Trefferrate von 75 Prozent, aber auch eine Falsch-Alarm-Rate von 75 Prozent. Also ist eine hohe Trefferrate nur beeindruckend, wenn die Falsch-Alarm-Rate niedrig ist. Das Mammographie-Screening hat beispielsweise eine Trefferrate von etwa 80 Prozent bei einer Falsch-Alarm-Rate von 5 bis 10 Prozent, je nach Alter der Frau.

Die Forscher erklären, ihnen lägen mittlerweile Information über die Falsch-Alarm-Rate des Bluttests in Form von Folien eines Vortrags „Liquid Biopsy in der gynäkologischen Onkologie“ von Professor Christof Sohn vor. Dort sei die Falsch-Alarm-Rate angegeben. Diese beträgt den Angaben der Forscher zufolge über alle getesteten Frauen hinweg 46 Prozent.

Forscher bezeichnen Vorgehen als „unverantwortlich“

Das bedeutet: Wenn ein solcher Test zum Brustkrebs-Screening eingeführt werden würde, dann würde knapp die Hälfte aller gesunden Frauen in Deutschland einen verdächtigen Befund erhalten. „Einen derart schlechten Test zu vermarkten und von den Krankenkassen bezahlen zu lassen, wie die Heidelberger Forscher ankündigten, wäre unverantwortlich“, so die Wissenschaftler. Sie erklären weiter: „Gerade bei einem Bluttest sollte man Frauen ehrlich über dessen Zuverlässigkeit informieren, da diese mit einem falschen Befund bis zu fünf Jahre leben müssen. Erst dann werden Tumore so groß, dass man mit einem bildgebenden Verfahren untersuchen kann, ob wirklich ein Tumor vorliegt.“

Foto: © Kzenon - Fotolia.com

Autor: anvo
Hauptkategorien: Gesundheitspolitik , Medizin
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