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14.04.2021

Halbseitige Gesichtslähmung nach Covid-Impfung - was ist dran?

Halbseitige Gesichtslähmungen werden immer wieder als vermeintliche Nebenwirkung der mRNA-Impfstoffe gemeldet. Führende Neurologen sehen zwar keinen ursächlichen Zusammenhang. Doch Zweifel bleiben.
mRNA-Impfstoffe stehen unter Verdacht, Fazialisparesen auszulösen. Covid-19 aber ebenfalls und deutlich häufiger

mRNA-Impfstoffe stehen unter Verdacht, Fazialisparesen auszulösen. Covid-19 aber ebenfalls und deutlich häufiger

Schon in den Zulassungsstudien der mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna traten nach der Impfung Fälle von halbseitigen Gesichtslähmungen auf, und zwar bei 8  von insgesamt 68.000 Studienteilnehmern. Real-World-Daten aus Israel zeigen, dass neun Menschen nach der Impfung mit dem BioNtech-Vakzin eine idiopathische Faszialisparese erlitten. Idiopathisch bedeutet ohne erkennbare Ursache wie etwa eine Verletzung oder ein Schlaganfall. Auch dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) liegen entsprechende Meldungen aus Deutschland vor.

RKI hält ursächlichen Zusammenhang für möglich

Im Aufklärungsmerkblatt zu mRNA-Impfstoffen des Robert Koch-Instituts (RK) wird die Faszialisparese als mögliche Nebenwirkung bzw. Impfkomplikation an erster Stelle erwähnt. In allen Fällen habe sich die Gesichtslähmung nach einigen Wochen zurückgebildet, heißt es dort. Und weiter: „Diese Gesichtslähmungen stehen möglicherweise im ursächlichen Zusammenhang mit der Impfung.“ Ob dies tatsächlich der Fall sei, werde weiter untersucht.

Während das RKI also einen ursächlichen Zusammenhang für möglich hält, hält ihn die Deutsche Gesellschaft für Neurologie eher für unwahrscheinlich. Im Hinblick auf Fazialisparesen rechtfertige die jetzige Datenlage keine Skepsis gegenüber den SARS-CoV-2-Impfstoffen, teilt die Fachgesellschaft in einer aktuellen Stellungnahme mit.

 

Fazialisparesen treten häufig nach Virusinfektionen auf

Wie kommen die Neurologen zu ihrer Einschätzung, die auch vom PEI geteilt wird? Die allgemeine Häufigkeit von Gesichtsnervlähmungen wird mit 7 bis 40 Fällen pro Jahr auf 100.000 Einwohner angegeben. „Insofern sind die insgesamt acht Fälle, die in den beiden Studien mit 68.000 Teilnehmern beobachtet wurden, noch kein alarmierendes Signal, zumal Fazialisparesen ohnehin gerade Saison haben“, erklärt DGN-Generalsekretär Professor Peter Berlit. Denn plötzliche Gesichtslähmungen würden häufig von viralen Infekten ausgelöst, die verstärkt im Frühling und Herbst auftreten. Weitere Risikofaktoren seien Bluthochdruck und Diabetes. Da vier von neun Betroffenen in Israel an Bluthochdruck litten, sehen die Neurologen ihre Skepsis am ursächlichen Zusammenhang bestätigt.

Risiko durch Corona-Infektion größer als durch die Impfung

Bei Covid-Patienten ist sich die Fachgesellschaft dagegen ziemlich sicher, dass das Virus eine Faszialparese verursachen kann. In Norditalien war das Auftreten von Gesichtslähmungen während der ersten Welle im Vergleich zum Vorjahrszeitraum um 60 Prozent angestiegen. In der Türkei fanden sich bei jedem fünften Betroffenen Antikörper gegen SARS-CoV-2 im Blut. Neurologe Berlit schlussfolgert aus den Daten. „Wie Herpes simplex-, Gürtelrose- oder Erkältungsviren kann auch SARS-CoV-2 offensichtlich Fazialisparesen triggern“, und zwar wahrscheinlich deutlich häufiger als die Impfung gegen das Virus. Die Impfung könne, so Berlit ein möglicher Auslöser für die Entwicklung von Fazialisparesen sein, „sie sind nach jetzigem Kenntnisstand aber nicht ursächlich.“

Was auch immer der Unterschied zwischen einem Auslöser und einer Ursache sein soll: Wichtig zu wissen ist, dass das Risiko für eine Faszialisparese durch eine Corona-Infektion größer ist als durch eine Impfung. Und dass sich Faszialisparesen in 95 Prozent der Fälle nach vier Wochen wieder von alleine zurückbilden.

Foto: © Adobe Stock/Kateryna Kon

Hauptkategorien: Corona , Medizin
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