Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
Logo Gesundheitsstadt Berlin
Das Gesundheitsportal aus der Hauptstadt
 
17.04.2017

Häufige Gabe von Antibiotika könnte Darmkrebsrisiko erhöhen

Wer im jungen und mittleren Erwachsenenalter längere Zeit mit Antibiotika behandelt worden ist, hat später häufiger Polypen im Darm, wie eine aktuelle Studie gezeigt hat. Damit ist auch das Risiko für Darmkrebs erhöht.
Antibiotika erhöht Darmkrebsrisiko

Antibiotika stören die Darmflora nachhaltig

Dass Antibiotikabehandlungen die Darmflora über längere Zeit schädigen können, ist bekannt. Dabei werden bestimmte Darmbakterien wie beispielsweise Bacteroidetes, Firmicutes und Proteobacteria zurückgedrängt und durch andere Arten wie Fusobacteriae ersetzt. Ähnliche Veränderungen der Darmflora finden sich häufig auch bei Patienten mit Darmkrebs. Daher ist es naheliegend, zwischen Antibiotikabehandlungen und dem Risiko für Darmkrebs eine Verbindung herzustellen. Ob diese wirklich existiert, haben nun Wissenschaftler vom Massachusetts General Hospital in Boston untersucht. Und tatsächlich fanden sie Hinweise, dass häufige Antibiotikabehandlungen langfristig das Darmkrebsrisiko erhöhen könnten.

Für ihre Studie werteten die Forscher um Andrew Chan die Daten der Nurses Health Study aus, für die seit 1976 über 120.000 US-Krankenschwestern regelmäßig nach ihren Lebensumständen und ihrem Gesundheitszustand befragt werden. In die aktuelle Auswertung wurden 16.462 Frauen einbezogen, die im Jahr 2004 mindestens 60 Jahre alt waren und in den folgenden sechs Jahren mindestens einmal einer Koloskopie unterzogen worden waren.

Mehr Darmpolypen nach längerer Antibiotika-Einnahme

Bei 1.195 Frauen wurden Adenome entdeckt. Adenome sind Polypen, aus denen sich Darmkrebs entwickeln kann; sie wurden deshalb bei der Unter­suchung entfernt. Zuvor hatten die Teilnehmerinnen einen Fragebogen ausgefüllt, in dem sie nach früheren Antibiotikabehandlungen gefragt wurden. Die Antworten setzten die Forscher nun in Beziehung zu der Zahl der entdeckten Polypen.

Wie sich zeigte, hatten die Probandinnen, die im Alter zwischen 20 und 39 Jahren insgesamt mindestens zwei Monate lang Antibiotika eingenommen hatten, ein um 36 Prozent erhöhtes Adenom-Risiko. Hatten sie im Alter zwischen 40 und 59 mindestens zwei Monate lang Antibiotika erhalten, stieg das Risiko um 69 Prozent an – jeweils im Vergleich zu Frauen, die nie Antibiotika erhalten hatten. Wurden Antibiotika nur vier Jahre vor der Darmspiegelung eingenommen, hatte das keinen Einfluss auf das Adenom-Risiko.

 

Antibiotika wirken sich vor allem auf den vorderen Teil des Kolons aus

Zwar kann die Studie eine eindeutige Kausalität zwischen den Antibiotika-Gaben und dem Auftreten von Darmpolypen nicht beweisen. Doch die Studienautoren machen darauf aufmerksam, dass für eine Verbindung auch die Tatsache spricht, dass tendenziell mehr Adenome im vorderen Teil des Kolons gefunden wurden als im hinteren. Da im vorderen Kolon die Bakterienbesiedelung dichter ist als im hinteren, ist es auch wahrscheinlich, dass sich hier eine Veränderung des Mikrobioms stärker auswirkt.

In jedem Fall ist die Studie ein weiterer Grund dafür, den allzu unkritischen Einsatz von Antibiotika zu hinterfragen, zudem auch andere entzündliche Darmerkrankungen mit einer durch die Medikamente veränderten Darmflora in Verbindung gebracht werden. Auch könnte die Studie für Menschen, die in ihrem Leben schon oft Antibiotika eingenommen haben, ein Anlass sein, noch genauer auf die Darmkrebsvorsorge zu achten.

Foto: © Alex - Fotolia.com

Autor:
Hauptkategorie: Medizin
Lesen Sie weitere Nachrichten zu diesen Themen: Antibiotika , Antibiotikaresistenzen , Darmkrebs , Darmspiegelung (Koloskopie)
 

Weitere Nachrichten zum Thema Antibiotika und Darmgesundheit

Aktuelle Nachrichten

 
Weitere Nachrichten
Eine Zecke auf der Haut ist erst mal kein Grund zur Panik. Aber es ist wichtig, sie nach einer Entdeckung schnell und vor allem mit dem richtigen Instrument und der richtigen Technik zu entfernen. Je früher es geschieht, desto geringer ist die Gefahr, sich mit Borreliose zu infizieren. Beim Entfernen muss man aber ein paar Punkte beachten.


Sie wiegen so viel wie unser Gehirn und viel mehr als unser Herz – und sind genauso lebenswichtig: die Darmbakterien. Sie verdauen unser Essen, entsorgen Giftstoffe und schützen uns als Teil des Immunsystems vor Krankheitserregern. Mit seiner Ernährung hat es der Mensch selbst in der Hand, ob er dieses unsichtbare „Organ“ schwächt – oder stärkt.
 
Interviews
Chronische Fatigue gehört zu den häufigen Langzeitfolgen einer Covid-Infektion. Oft bessert sich der zermürbende Erschöpfungszustand nach einigen Wochen oder Monaten von allein. Doch einige Patienten entwickeln das Vollbild einer myalgischen Enzephalopathie/ Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS). Gesundheitsstadt Berlin hat mit Professor Carmen Scheibenbogen von der Charité über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des schweren Krankheitsbilds gesprochen.


Wegen Corona suchen Patienten mit psychischen Erkrankungen oft erst spät Hilfe. Auch der Wiedereinstieg in den Alltag ist häufig erschwert. Gesundheitsstadt Berlin hat mit dem Chefarzt der Psychiatrisch-Psychosomatischen Tagesklinik Waldfriede Dr. med. Herald Hopf darüber gesprochen, wie sich die COVID-19-Pandemie auf die Psyche auswirkt und welche Veränderungen im klinischen Alltag zu bemerken sind.
Logo Gesundheitsstadt Berlin