. Interview

„Haben uns auf die Behandlung von Metastasen spezialisiert“

PD Dr. Robert Öllinger leitet das Europäische Metastasenzentrum an der Berliner Charité. Im Interview erklärt er, welche Behandlungsmöglichkeiten es bei Metastasen gibt und warum eine Zweitmeinung die Prognose deutlich verbessern kann.
PD Dr. Robert Öllinger leitet das Europäische Metastasenzentrum an der Charité

PD Dr. Robert Öllinger leitet das Europäische Metastasenzentrum an der Charité

Herr Dr. Öllinger, das Europäische Metastasenzentrum der Charité ist das erste und einzige Zentrum dieser Art in Deutschland. Eigentlich müssten Sie sich vor Arbeit kaum noch retten können?

Öllinger: So ist es noch nicht. Wir würden uns wünschen, dass noch mehr Patienten den Weg zu uns finden. Schließlich sind es in der Regel Metastasen, woran Krebspatienten sterben, und nicht der Primärtumor.

Können Sie denn allen Patienten mit Metastasen helfen?

Öllinger: Ein klares Nein. Aber: Wir können einem beachtlichen Teil der Patienten helfen, und eben auch jenen, die von ihren Ärzten gesagt bekommen, dass sie ausbehandelt sind. Um diese Patienten geht es uns.

Was kann das Metastasenzentrum denn für ausbehandelte Patienten tun?

Öllinger: Wir sehen in vielen Fällen Möglichkeiten, die andere Kliniken entweder nicht haben oder manchmal auch bewusst nicht in Erwägung ziehen. Das kommt daher, dass wir hoch spezialisiert sind und praktisch über alle Therapieoptionen verfügen, die die moderne Krebsmedizin zu bieten hat, unsere Stärke ist die Interdisziplinarität. Das fängt bei modernen, minimal invasiven operativen Eingriffen an, geht über neue molekular gezielte Medikamente und Immuntherapien hinaus und inkludiert Spezialverfahren wie Radiofrequenzablation (RFA), Cyberknife oder Hypertherme intraperitoneale Chemotherapie (HIPEC) bzw. Intraperitoneale Druck-Aerosolchemotherapie (PIPAC).

Schon klar, dass nicht jede Klinik ein CyberKnife im Keller hat. Aber operieren können doch auch andere.

Öllinger: Das will nicht in Abrede stellen. Wir reden hier aber über extrem komplexe Befunde. Dazu ein Beispiel: Wir haben an einer Studie zu Lebermetastasen teilgenommen, in der Spezialisten mehrerer renommierter Kliniken „inoperable Befunde“ begutachtet haben. Dabei kam heraus, dass ein hoher Prozentsatz dieser Befunde von den Experten als durchaus operabel eingeschätzt wurde. Wenn die Lebermetastasen zuvor mit einer neoadjuvanten Chemotherapie behandelt wurden, war dieser Anteil sogar noch höher.

Wie gehen Sie zum Beispiel vor, wenn die Leber schon durchmetastasiert ist?

Öllinger: Wenn wir der Auffassung sind, dass wir operieren können und das interdisziplinäre Tumorboard den Eingriff für sinnvoll erachtet, würden wir in den meisten Fällen versuchen, die Metastasen mit einer Chemotherapie zu reduzieren und sogenannte Micrometastasen abzutöten. Dann braucht es individualisierte Konzepte, zum Beispiel können wir einzelne Herde in der linken Leber entfernen, dann mit einer radiologischen Intervention das Wachstum der linken Leber stimulieren und ein paar Wochen später den rechten Teil der Leber entfernen.

Steigen mit der Metastasenchirurgie die Heilungschancen?

Öllinger: Heilung ist ein starkes Wort, das ich nur ungerne in den Mund nehme. Ich möchte da vor falschen Hoffnungen warnen. Wozu wir aber durchaus in der Lage sind, ist das Leben unserer Patienten zu verlängern. Manchmal um mehrere Monate, manchmal sogar um Jahre – und das bei guter Lebensqualität. Und damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Viele Patienten werden nicht operiert, sondern interventionell behandelt (SIRT, Radiofrequenzablation) und von ihren Onkologen weiter betreut. Operationen kommen nur etwa in jedem zehnten Fall in Frage.

Wer steckt eigentlich hinter dem Metastasenzentrum? Die gesamte Tumormedizin der Charité?

Öllinger: Das ist ja genau unsere Stärke. Hinter unserem Zentrum steht die gesamte Expertise der Charité mit all ihren Spezialisten, Fachabteilungen, Tumorkonferenzen und innovativen Therapieangeboten. Wenn Sie so wollen, ist das Metastasenzentrum nichts anderes als ein neuer Zugang zur Krebsmedizin der Charité, von dem alle Patienten mit fortgeschrittener Tumorerkrankung, die den Wunsch nach einer Zweitmeinung haben, Gebrauch machen können, die nicht ohnehin schon an der Charité behandelt werden.

Wie kommen die Patienten zu Ihnen?

Öllinger: Der Patient des 21. Jahrhunderts sucht im Internet. Natürlich schicken auch die behandelnden Ärzte und Kliniken Patienten zu uns, allerdings leider noch zu selten, wie ich finde. In den meisten Fällen kommen die Patienten auf Eigeninitiative, weil sie entweder eine Zweitmeinung wünschen oder eben eine gezielte Behandlung. Eine Therapie können wir zwar nicht garantieren, aber wir bieten immerhin eine Chance.

Kontakt zum Europäische Metastasenzentrum der Charité:
https://metastasenzentrum.charite.de oder über die Cancer Hotline der Charité +49 30 450 564 222

Hauptkategorien: Berlin , Medizin , Gesundheitspolitik
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