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Gute soziale Kontakte schützen vor psychischen Erkrankungen

Soziale Unterstützung wirkt sich positiv auf die körperliche wie die psychische Gesundheit aus. Wissenschaftler haben jetzt die neurobiologischen Zusammenhänge erforscht. Demnach haben Menschen mit guten sozialen Kontakten veränderte Strukturen im Vorderhirn, die mit der Abwehrkraft gegenüber psychischen Krankheiten zu tun haben – der „Resilienz“.
Clique am Strand mit Gitarre in der roten Abendsonne.

Zusammen sein macht nicht einfach nur glücklich – es stärkt Regionen im Gehirn, die für die Selbstverteidigung des Körpers gegen psychische Erkrankungen zuständig sind.

Sich den Frust von der Seele reden, gemeinsam lachen, schöne Erlebnisse teilen oder einfach Zeit miteinander verbringen: Unter Menschen sein und soziale Unterstützung zu erleben, leistet einen wichtigen Beitrag zur körperlichen und psychischen Gesundheit. Dass das so ist, ist bekannt und gut erforscht. Doch wie hängen das psychische Wohlbefinden mit sozialen Kontakten im alltäglichen Leben zusammenhängt und welche Hirnareale spielen dabei eine Rolle?

Menschen fühlen sich wohler in Gesellschaft

Das sei bisher wenig erforscht, befanden Wissenschaftler des „Zentralinstituts für Seelische Gesundheit“ (ZI) Mannheim und des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). In einer Studie haben sie jetzt dieses Geheimnis ein Stück weit mehr gelüftet. In ihrer jetzt in der Fachzeitschrift „Jama Psychiatry“ veröffentlichten Expertise weisen sie nach, dass der Zusammenhang zwischen sozialem Kontakt im Alltag und psychischem Wohlbefinden mit sozialer Kompetenz und verändertem Volumen im Vorderhirn assoziiert ist. Sie fanden sie heraus, dass Menschen sich im Alltag wohler fühlen, wenn sie in Gesellschaft anderer Menschen sind, als wenn sie alleine sind.

Dieser Zusammenhang war der Studie zufolge besonders bei solchen Menschen ausgeprägt, die eine hohe soziale Kompetenz aufweisen: in diesem Fall die Fähigkeit, sich in stressigen Situationen soziale Unterstützung zu holen und im Umgang mit anderen Menschen verträglich zu sein. „Außerdem konnten wir zum ersten Mal zeigen, dass Menschen, die mehr von sozialem Kontakt profitieren, ein erhöhtes Hirnvolumen im anterioren cingulären Cortex haben“, sagt Heike Tost, Leiterin der Arbeitsgruppe Systemische Neurowissenschaften in der Psychiatrie am Zentralinstitut in Mannheim.

 

100 Probanden: Abfrage von Gefühlen mitten im Alltag

Das Forscherteam um Tost und Meyer-Lindenberg kombinierte bei der jüngsten Untersuchung mehrere Methoden aus den Bereichen Epidemiologie, Psychologie und Bildgebung des Gehirns. Über einen Zeitraum von sieben Tagen wurde das psychische Wohlbefinden und der soziale Kontakt (alleine oder in Gesellschaft) mit Hilfe wiederholter kurzer Abfragen per Smartphone im Alltag der Studienteilnehmer erfasst. Mit diesen Alltagserhebungsverfahren („Ambulantes Assessment“) konnte zunächst in einer Gruppe von 100 Personen gezeigt werden, dass erhöhtes psychisches Wohlbefinden unmittelbar einherging mit sozialem Kontakt. Das heißt, dass Personen sich wohler fühlen, wenn sie in Gesellschaft sind, als wenn sie alleine sind.

Gute soziale Kontakte – mehr Volumen in der grauen Substanz

Zusätzlich zu den Alltagserhebungsverfahren wurde am ZI bei einer weiteren Gruppe von 177 Personen das Hirnvolumen mit Hilfe von Magnetresonanztomografie erfasst. In dieser Gruppe konnte der Zusammenhang zwischen sozialem Kontakt im Alltag und psychischem Wohlbefinden bestätigt werden. „Zusätzlich konnte in dieser Gruppe gezeigt werden, dass die Personen, die stärker von sozialem Kontakt profitieren, eine höhere soziale Kompetenz und ein höheres Volumen der grauen Substanz im anterioren cingulären Cortex aufweisen“, so das Fazit der Forscher. Dieser Bereich der Großhirnrinde sei wichtig für die Verarbeitung und Einordnung von Gefühlen in sozialen Situationen und spiele auch bei Resilienz und dem Risiko für psychische Erkrankungen eine Rolle.

Erkenntnisse für psychisch Kranke in der Corona-Krise

Die Daten für die Studie wurde bereits vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie abgeschlossen. Umso mehr halten die Wissenschaftler die Ergebnisse in Anbetracht der Corona-Pandemie für wichtig, die geprägt sei von erheblicher Einschränkung der Sozialkontakte und einem erhöhten Auftreten von psychischen Erkrankungen. „Wir wissen aus vorherigen Studien, dass auch Menschen mit psychischen Erkrankungen, die häufig weniger soziale Kontakte haben, stark von sozialen Kontakten profitieren“, sagt Gabriela Gan, eine der Erstautorinnen der Studie. „Daher ist es wichtig, den Austausch mit Menschen besonders in dieser Gruppe zu fördern.“

Die App, die zu gesunder Geselligkeit animiert

Die Ergebnisse der Studie deuteten darauf hin, dass die Entwicklung von wirksamen Präventionsangeboten – wie eine auf dem Smartphone installierte App – Betroffene ermuntern könnte, regelmäßig positive Sozialkontakte im Alltag zu initiieren. Neurowissenschaftlerin Gabriela Gan: „Dies könnte langfristig die soziale Unterstützung und somit das psychische Wohlbefinden im Alltag in dieser Gruppe stärken.“

Foto: AdobeStock/djile

Autor: zdr
Hauptkategorie: Medizin
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